HINTERGRUND: Nanotech-Revolution rollt - Viele Firmen oft zu klein für Börse
FRANKFURT (dpa-AFX) - In Deutschland nimmt die nanotechnologische Revolution allmählich Schwung auf. Wissenschaftler und Jungunternehmer berichten von immer neuen Erkenntnissen und Produkten. Doch kleine Unternehmen, die sich vorwiegend auf die teils spektakulären Anwendungen stützen, tun sich mit einem Gang an die
Börse derzeit schwer. Die meisten seien schlicht "zu klein", wie am Rande der 3. "Nano Equity Europe"-Konferenz in Frankfurt aus Finanzkreisen verlautete.
Die Deutsche Börse kann zwar darauf verweisen, dass im vergangenen Jahr fünf und im Vorjahr bereits zwei Nanotech-Unternehmen an die Börse gegangen sind. Doch in diesem Jahr wird in Finanzkreisen mit keinem weiteren Parkettneuling gerechnet. Selbst die bereits notierten Unternehmen konnten im vergangenen Jahr noch keine Umsätze von mehr als sechs Millionen Euro ausweisen. Dies gilt für die im Prime Standard notierte ItN Nanovation ebenso wie für Nanofocus , Nanogate oder Bio-gate , die im Entry Standard mit seinen für die Unternehmen geringeren Anforderungen gelistet werden.
PRODUKTE MIT ZUKUNFTSMUSIK
Die Nanotech-Spezialisten bieten durchaus zukunftsträchtige Produkte an wie zum Beispiel Messgeräte, mit denen sich winzigste Oberflächenstrukturen dreidimensional abbilden lassen (Nanofocus). Sie beschichten medizinische Instrumente mit Nano-Silberpartikeln, die das "Andocken" von Bakterien fast unmöglich machen (Bio-Gate), oder sie arbeiten an verstellbaren Mikro-Spiegeln, die in Fensterscheiben eingebaut werden und das Sonnenlicht entweder abblocken (im Sommer) oder zur Wärmenutzung einfallen lassen (im Winter) oder wahlweise an die Decke werfen, damit die Raumbenutzer nicht geblendet werden.
Doch eine "schnelle Mark" können sich die Investoren davon nicht erhoffen. Oft verhindern umfangreiche technische Tests bei den Kunden oder langwierige Zulassungsverfahren wie im Bereich Pharma und Medizintechnik die rasche Markteinführung neuer Produkte. Für die Start-Up-Firmen des Neuen Marktes war es vor vielen Jahren wesentlich einfacher, die Fantasie der Anleger zu beflügeln. Auch sind Produkte mit faszinierenden Nano-Eigenschaften noch keine Garantie für sensationelle Kurssteigerungen - eine leidvolle Erfahrung, die etwa die Bio-Gate-Anleger machen mussten. Ihre Aktie hat sich seit dem phänomenalen Plus in den ersten beiden Monaten des Jahres im Wert halbiert, während der Gesamtmarkt kräftig anzog.
ZU WENIG FÜR EIN PORTFOLIO
"Mit sieben Unternehmen ist es nicht möglich, ein Portfolio zu strukturieren", sagte Volker Braun von Equinet bei der 3. "Nano Equity Europe"-Konferenz der Deutschen Börse. Diese Erkenntnis hatte offenbar auch zur Einstellung des Activest-Nano-Fonds geführt, eine der wenigen exklusiven Nano-Anlagemöglichkeiten in Deutschland. Bei der Übernahme von Activest durch die Unicredit-Tochter Pioneer Investments im Oktober des vergangenen Jahres wurde der Fonds schlicht mit dem bereits bestehenden Pioneer Funds Global TMT verschmolzen, der unter anderem 51,1 Prozent Telekomwerte und 38,7 Prozent IT-Werte enthält.
Eine gewisse Risikostreuung bietet zwar weiterhin eine Investition in die Beteiligungsgesellschaft Nanostart , die Aktienpakete zahlreicher junger Nanotech-Unternehmen im In- und Ausland besitzt. Allerdings hat sich auch diese Aktie in den vergangenen zwölf Monaten eher seitwärts entwickelt.
ANLEGERFRUST AUCH IN DEN USA
Meist findet sich Nanotechnologie in homöopathischen Dosen, wenn man so will, in den Papieren der großen Unternehmen, in deren Forschungsabteilungen ebenfalls fieberhaft an Nano-Anwendungen gearbeitet wird. Der Halbleiterhersteller Infineon etwa hat - unter dem Druck der zunehmenden Miniaturisierung in der IT-Branche - bereits zahlreiche Produkte auf Nanobasis entwickelt. Das gleiche gilt für Degussa. Bei dem Spezialchemiehersteller ist man stolz, einen keramikbeschichteten Separator für Lithium-Ionen-Batterien entwickelt zu haben, der plötzliche Explosionen, wie sie vor Jahren bei einigen Laptops vorkamen, verhindert.
Selbst im Börsenwunderland USA sind Nanowerte kein Selbstläufer. "Unter den US-Investoren hat sich eine ganze Menge Frustration hinsichtlich der Nanotechs breitgemacht", sagt Sagiv Shiv von der US-Investmentbank Merriman Curhan Ford (MCF). Allerdings hätten die US-Anleger einen großen Vorteil: Unerwünschte Aktienpakete könnten in den sehr liquiden Märkten meist sehr schnell wieder abgestoßen werden. Sein Rat für die Anleger: "Falls Sie in ein Unternehmen investieren wollen, schauen Sie es sich genau an, und wenn seine Aktien anziehen, wen interessiert's dann noch, ob's ein Nanotech-Unternehmen war?"/jb/ep/zb --- Von Jürgen Benz, dpa-AFX ---