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26.09.2012 09:59

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Rückblick: 'Zockermarkt' oder 'Wachstumsbörse'? - Aus für den Neuen Markt

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Aufgeblasene Bilanzen, Insiderhandel, Kursbetrug - schon bald nach seiner Eröffnung im März 1997 war der Neue Markt als "Zockermarkt" verrufen.

Am 26. September 2002 zog die Deutsche Börse) die Reißleine: Unter dem nüchternen Titel "neue Aktienmarktsegmentierung" läutete sie das Aus für das einst hochgejubelte Segment für den Börsennachwuchs ein. Knapp neun Monate später, am 5. Juni 2003, war die "New Economy" Geschichte.

     Die Fachpresse bejubelte die Entscheidung als "Befreiungsschlag". Die meisten Anleger und Börsianer denken mit Grausen an den Neuen Markt zurück: Binnen kürzester Zeit wurden dort Milliarden vernichtet - und viel Vertrauen in Aktien als Geldanlage gleich mit.

    "Ich kann mich noch gut erinnern: Als der Neue Markt eröffnet wurde und die ersten Kurse an der Tafel notiert wurden, sagte jemand zu mir: "So, jetzt ist der Zockermarkt eröffnet." Und genauso ist es gekommen", sagt Fidel Helmer von der Privatbank Hauck & Aufhäuser, der die Börse seit mehr als 40 Jahren aktiv begleitet.

     Am 10. März 1997 knallten auf dem Frankfurter Parkett die Korken: Der Mobilfunkanbieter Mobilcom wagte sich als erster an den Neuen Markt. "Durch den Börsengang konnten wir erst die Story Mobilcom schreiben", sagte Ex-Mobilcom-Chef Gerhard Schmid rückblickend. Der Unternehmenswert kletterte im ersten Börsenjahr um 2800 Prozent.

   In der New-Economy-Euphorie hielten Banker, Aktionäre und Journalisten den Neuen Markt lange für eine unerschöpfliche Goldgrube. Wer nicht mindestens einen NEMAX-Wert (NEuer MArkt IndeX) in seinem Depot hatte, galt unter Anlegern als hoffnungsloser Fall.

    Doch die Skandale häuften sich. Der Münchner Telematik-Spezialist ComROAD erfand fast seine gesamten Umsätze, die Brüder Haffa - einst als Millionärsmacher gefeiert - mussten eingestehen, dass die Bilanzen ihrer Medienfirma EM.TV nicht stimmten und landeten vor Gericht. Im März 2002 sprach sogar der damalige Börsenchef Werner Seifert von "kriminellen Machenschaften" am Neuen Markt.

 Immer länger wurde die Liste der geschassten Börsenstarter - mit so kunstvollen Namen wie "FortuneCity.com", "InfoGenie", "e.multi" und "LetsBuyIt.com". Der Auswahlindex der Wachstumsbörse, der NEMAX 50, brach von Rekorden bei fast 10 000 Punkten zwischenzeitlich auf nur noch einige hundert Zähler ein. Die Spekulationsblase platzte, binnen weniger Monate stürzte das Börsenbarometer 2000/2001 ab.

    "Wir bedauern es sehr, dass aus einer Kombination von Ursachen das Vorhaben, eine Wachstumsbörse für Deutschland zu schaffen, gescheitert ist", sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut (DAI) heute. "Wir bräuchten ein Marktsegment auch für junge und riskante Unternehmen."

 Für das damalige Scheitern gibt Wertpapierhändler Helmer allen Beteiligten eine Mitschuld: "Die Anleger haben alles gekauft, die Aufnahmekriterien der Börse waren zu lasch, die Banken witterten ein großes Geschäft und halfen Unternehmen an die Börse, die dort nicht hingehörten, die Medien berichteten über fast nichts anderes mehr." Mobilcom-Gründer Schmid meint: "Die Banken haben doch damals jeden an die Börse gebracht, der einen ambitionierten Geschäftsplan vorgelegt und dabei das Wort "Internet" richtig geschrieben hat."

   Letztlich wurde die "New Economy" zum Sinnbild für die Sprunghaftigkeit der Börsen und schreckt bis heute viele Anleger davor ab, Geld in Aktien zu stecken. Zuletzt allerdings trieb die Euro-Schuldenkrise die Deutschen zurück in Aktien als Sachwerte: Im ersten Halbjahr 2012 steckten nach Zahlen des DAI durchschnittlich 10,2 Millionen Anleger Geld in Aktien und/oder Aktienfonds. Das waren 1,9 Millionen mehr als im Vorjahreszeitraum und 1,5 Millionen mehr als Ende 2011. Ein stärkeres Plus gab es nur im Jahr 2000, als die vermeintliche "Volksaktie" Telekom die Massen lockte.

 Von Aktionärszahlen zu Zeiten des Börsenbooms 2001 (fast 13 Millionen) ist Deutschland weit weg. In angelsächsischen Ländern, auch in den Niederlanden und Dänemark, ist die Aktionärsquote höher. Deutschland brauche eine "gesunde, kluge Aktienkultur", wirbt Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon. Doch die Neue-Markt-Pleite beschädigte "das Image der Börse als Finanzierungsmittel und Anlageinstrument nachhaltig", wie DAI-Direktor Leven urteilt.

   Vielleicht hat mancher Anleger zumindest noch ein Andenken an den Neuen Markt: Medienberichten zufolge schenkte die Internetfirma Concept auf der Feier zu ihrem Börsengang Ende März 2000 jedem Partygast das Brettspiel "Wie verbrenne ich eine Million".

    FRANKFURT (dpa-AFX)

Bildquellen: Andy Dean Photography / Shutterstock.com

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