19.02.2013 10:12
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Schulden und Geldpolitik: Zwei wie Pech und Schwefel

Die Euro-Politik lebt in anhaltender politischer Harmonie. Diesen Burgfrieden wird man zur weiteren Befriedung der Euro-Krise nicht verspielen wollen.
Eine Stabilisierung der Euro-Wirtschaft auch zum Preis einer weiter ansteigenden Staatsverschuldung wird stillschweigend in Kauf genommen. Denn ausbleibende Investitionen der Privatwirtschaft müssen, um keine rezessiven Folgeschäden nach sich zu ziehen, durch staatliche ersetzt werden. Konkret muss die staatliche Neuverschuldung die schwachen Investitionen der Privatwirtschaft - gemessen an der seit Ende 2011 deutlich rückläufigen Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte - ausgleichen. Es ist sogar zu erwarten, dass die Neuverschuldung in der Eurozone sich als nicht ausreichend erweisen könnte, um die Rezession wirkungsvoll zu bekämpfen. Der insgesamt von den Politikern projizierte Rückgang der Staatsneuverschuldung im Vorjahresvergleich von 11 Prozent im Jahr 2011 auf sechs Prozent 2013 könnte sich insofern als Makulatur erweisen.

Grundsätzlich darf bei dieser Art der staatlichen Krisenintervention ein deutlicher Anstieg der Zinszahlungen an den Gesamtausgaben der Euro-Länder aber nicht zugelassen werden. Die Schuldentragfähigkeit würde ansonsten Schaden nehmen und nötige Investitionsausgaben der Staaten beschränken. Vor diesem Hintergrund bleibt die EZB mit ihrer Rendite drückenden Geldpolitik noch für lange Zeit fester Bestandteil der Realität an den Finanzmärkten. Sie muss die Zinskosten in den nationalen Budgets begrenzen.

Plastisch wird die Notwendigkeit der geldpolitischen Krisenpolitik am Beispiel Spanien. Das Land kämpft aufgrund seiner dramatisch ansteigenden Verschuldung mit dramatischen Zinskosten als Anteil am Haushaltsbudget.

Die EZB kann die Pferde nur zur Tränke führen

Grundsätzlich stützt die Kombination aus zunehmender Staatsverschuldung und günstigen Verschuldungskonditionen zwar die Rahmenbedingungen für die Euro-Länder. Offensichtlich nimmt jedoch die Wirkung der staatlichen Konjunkturförderung - bei Keynes heißt so etwas deficit spending - ab. Um überhaupt noch Wirtschaftswachstum erzeugen zu können, muss der Kredithebel in den prekären Euro-Staaten Italien und Spanien, aber auch in Frankreich immer größer werden. Denn Unternehmensinvestitionen und der Konsum tragen immer weniger zur Wirtschaftsleistung bei. So ist in Italien mittlerweile eine Neuverschuldung von 126 Euro erforderlich, um ein Wirtschaftswachstum von 100 Euro zu erzielen, Tendenz aufwärts. Nur für Deutschland ist eine rückläufige Tendenz, also eine verbesserte Schuldeneffizienz zu beobachten.

Allerdings findet die üppige Liquiditätsausstattung der euroländischen Finanzmärkte - insbesondere nachdem euroländischen Geschäftsbanken zum Jahreswechsel 2011/2012 eine Billion Euro an Krediten mit dreijähriger Laufzeit zur Verfügung gestellt wurden - keinen Niederschlag in Form steigender Kredite an Unternehmen und Haushalte. Im Gegenteil, die Banken zahlen diese Finanzmittel an die EZB zurück. Dagegen ist das Kreditwachstum an den Privatsektor seit Ende 2011 klar rückläufig. Die im Trend ansteigende Geldmenge M3 ist insofern Ausdruck einer deutlichen volkswirtschaftlichen Liquiditätshaltung.

Von Nichts kommt Nichts

Damit wird klar, dass die prekären Euro-Staaten nur über den beschwerlichen Weg der Stärkung ihrer Wettbewerbsfähigkeit und Standortqualitäten eine nachhaltige Dynamisierung ihrer Wirtschaft erzielen können. Dazu zählt auch die Belebung der eigenen Exportwirtschaft, um die Volkswirtschaft breiter aufzustellen und - wie Deutschland - mehr von der Dynamik der Weltkonjunktur zu profitieren.

Der wirtschaftliche Niedergang von wirtschaftsreformrenitenten Ländern wie Italien oder auch Frankreich lässt sich nicht zuletzt an ihren Anteilen am Welthandel ablesen. Während hier Deutschland seine Position trotz der „Neuzugänge“ von Ländern wie China und Südkorea seit Jahren halten kann, sind Anteilsverluste von Italien und Frankreich unverkennbar. So hat sich die Position Frankreichs von 6,6 Prozent noch 1990 bis heute fast halbiert. Plastisch wird diese Entwicklung am Beispiel Automobilsektor: Während die weltweit gut aufgestellte, deutsche Autoindustrie über vergleichsweise stabile Umsatz- und Gewinnzahlen berichten kann, ist anderenorts der Staat gezwungen, Autounternehmen zu stützen.

Der Abschwung gibt auf

Unabhängig davon zeigt sich die weltweite Konjunkturperspektive weiter aufgehellt. Setzt man laut ifo Institut die aktuelle Einschätzung der Geschäftslage und der Geschäftserwartungen der Unternehmen des globalen Verarbeitenden Gewerbes zueinander in Bezug, so befindet sich die Weltwirtschaft bereits im I. Quartal 2013 wieder in der Aufschwungphase. Von dieser wirtschaftlichen Belebung profitiert auch die Eurozone, so dass der konjunkturelle Tiefpunkt im IV. Quartal 2012 mit einer um 0,6 Prozent zum Vorquartal schrumpfenden Wirtschaft erreicht wurde.

MDAX und SDAX schlagen den DAX

Unterstützt wird diese positive Konjunktureinschätzung durch die Kursentwicklung mittelständischer deutscher Unternehmen. Seit Ende 2009 entwickeln sich die im MDAX und SDAX gelisteten, vergleichsweise konjunktursensitiv ausgerichteten Unternehmen im Vergleich zum DAX eindeutig besser. Der MDAX konnte zuletzt sogar ein neues Allzeithoch erreichen. Zahlreiche Titel besetzen mit ihren spezialisierten Qualitätsprodukten, Industriepatenten und einer effizienten Kostenstruktur oftmals die Position als Weltmarktführer auch in Nischenmärkten. Mit ihrer im Vergleich zur europäischen Konkurrenz grundsätzlich breiten internationalen Ausrichtung können diese Unternehmen die Verwerfungen auf dem europäischen Binnenmarkt gut abfedern.

Die Unternehmensausblicke bleiben freundlich

Trotz eines Gewinneinbruchs um 29 Prozent zum Vorjahr aufgrund eines schwachen Europa-Geschäfts konnte der Stahlkonzern ThyssenKrupp die Analystenerwartungen übertreffen. Dabei erwartet der Konzern eine Stagnation in diesem, aber eine Steigerung der Geschäftsergebnisse im nächsten Geschäftsjahr.

Der US-Getränkehersteller Coca-Cola konnte aufgrund des Umsatzes in den Schwellenländern und Nordamerika die Schwäche in Europa kompensieren und den Gewinn im IV. Quartal um 13 Prozent zum Vorjahr steigern. Auch aufgrund der Ausweitung des Soft Drink-Angebots geht der Konzern von einer weiteren weltweiten Umsatzbefestigung aus.

Auch dem weltgrößten Lebensmittelkonzern Nestlé haben die Schwellenländer 2012 ein Gewinnwachstum von gut 11 Prozent beschert und damit die schwächelnde Nachfrage aus Europa überkompensiert. Im Ausblick ist Nestlé optimistisch und peilt 2013 ein organisches Wachstum von fünf bis sechs Prozent an.

Und was passiert in der nächsten Woche?

In Deutschland dürften die Zahlen der Deutschen Börse unter der Finanzmarktunsicherheit im IV. Quartal 2012 gelitten haben. Von Allianz hingegen sind solide Zahlen zu erwarten.

Auf Makroebene sind vor den Wahlen in Italien am 24. und 25. Februar politische Störfeuer für die Finanzmärkte möglich. Das gilt auch für die politische Debatte in den USA zwischen Demokraten und Republikanern über die drohenden automatischen Ausgabenkürzungen zum 1. März. Im Zweifelsfall ist allerdings mit einer erneuten Fristverlängerung mit Wiedervorlage in den kommenden Monaten zu rechnen.

Daneben werden weiterhin die „harten“ Konjunkturdaten das Bild an den Finanzmärkten bestimmen. In Amerika verdeutlichen die Baubeginne und -genehmigungen sowie der NAHB Wohnungsmarktindex die anhaltende Stabilisierung der US-Wirtschaft. Gleichzeitig deutet der Einkaufsmanagerindex der Philadelphia Fed auf eine Stabilisierung der US-Industrie hin. Trotz der Besserungszeichen dürfte das veröffentlichte Protokoll der letzten Zinssitzung der Fed weiterhin auf die konjunkturellen Abwärtsrisiken verweisen. Ein Ende der expansiven Liquiditätspolitik ist weiter nicht in Sicht.

In Euroland kommt es zum konjunkturellen Stimmungstest. Die Einkaufsmanagerindices für das Verarbeitende Gewerbe der Euro-Länder stehen an. Von besonderem Interesse sind die Daten vom ZEW und des ifo Instituts, die ihren zuletzt positiven Trend ausbauen sollten. Vor allem eine erneute Aufhellung der ifo Geschäftserwartungen deutet darauf hin, dass die deutsche Wirtschaft bereits in diesem Quartal die Konjunkturwende einleitet.

Aus charttechnischer Sicht ist der DAX überverkauft und für eine Erholung reif. Sollte er dabei den Widerstandsbereich zwischen 7750 und 7765 Punkten durchbrechen, sind weitere Kursgewinne bis zur Marke bei 7790 Punkten und darüber bis zum Jahreshoch bei 7871 Punkten möglich. Darüber liegt die nächste signifikante Barriere an der psychologisch wichtigen Barriere von 8000 Punkten.

Im Falle einer anhaltenden Korrektur findet der DAX im Bereich zwischen 7600 und 7550 Punkten Halt. Wird dieser Auffangbereich durchbrochen, wartet die nächste Unterstützungszone zwischen 7450 und 7400 Punkten. Darunter gibt es bei 7354 Punkten halt.

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Nach Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums begann Robert Halver seinen beruflichen Werdegang zunächst als Wertpapieranalyst bei der Sparkasse Essen. Anschließend arbeitete er als Analyst und Aktienstratege bei der Privatbank Delbrück & Co in Frankfurt.

2001 wechselte Robert Halver zur Schweizer Privatbank Vontobel. Sein Aufgabenschwerpunkt war die Formulierung der Anlagestrategie der Vontobel Gruppe in Deutschland.

Seit 2008 leitet Herr Halver die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG in Frankfurt. In dieser Funktion ist er auch für die Außendarstellung der Baader Bank tätig.
Robert Halver ist durch regelmäßige Medienauftritte, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen und als Kolumnist präsent.

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