von Stephan Bauer, €uro am Sonntag
Das große Ziel ist schon verkündet. Auf 100 Milliarden Euro Umsatz will Siemens-Chef Peter Löscher den Industriekonzern bis spätestens 2016 treiben — dann läuft sein Vertrag als Vorstandschef aus. Am kommenden Dienstag haben Aktionäre auf der Hauptversammlung die Gelegenheit, Löscher persönlich zu fragen, wie das Unterfangen gelingen soll. Ein Wachstum, ausgehend von zuletzt rund 73 Milliarden Euro Jahresumsatz, um mehr als ein Drittel — das ist in Zeiten einer sich anbahnenden Weltkonjunkturschwäche mindestens ehrgeizig.
Man darf gespannt sein, ob Löscher seinen Optimismus vor den Aktionären in der Münchner Olympiahalle beibehält. „Die Realwirtschaft steht robuster da, als die Schlagzeilen aus der Finanzwelt es glauben machen“, hatte er noch vor vier Wochen gesagt.
Seit Finanzchef Joe Kaeser jüngst die Finanzmärkte mit gedämpftem Schwung auf die Quartalszahlen einstimmte, die am Tag des Aktionärstreffens veröffentlich werden, ist jedoch klar, dass der Supertanker in rauere See gekommen ist. „Das Geschäft läuft im ersten Halbjahr verhaltener. Es wird schwierig, die Gewinnprognose für das Gesamtjahr zu erfüllen“, warnte Kaeser.
Der gewiefte Finanzer, der vor Veröffentlichungsterminen schon mal gern tiefstapelt, auch um später doch noch für eine positive Überraschung zu sorgen, sei dieses Mal keinesfalls zu pessimistisch, heißt es von Analystenseite.
Einen operativen Gewinn auf Höhe des Vorjahres von rund sechs Milliarden Euro sowie ein prozentual einstelliges Umsatzplus peilt das Top-Management im laufenden Geschäftsjahr bis Ende September an. Legt man die Prognosen von Analysten zugrunde, so hat der Konzern in den ersten drei Monaten die Marschroute zum Gewinnziel 2012 — im Schnitt 1,5 Milliarden Euro — knapp verfehlt. „Man wird bei rund 1,4 Milliarden Euro landen“, sagt Andreas Willi, Analyst bei JP Morgan.
Baustellen nach Art des Hauses
Zwar hat Vorstandschef Löscher nach inzwischen fast fünf Jahren den Konzern straff durchstrukturiert, wesentlich verschlankt und somit auch die Rendite nachhaltig gesteigert. Doch Baustellen — nach alter und schlechter Siemens-Tradition — gibt es noch immer.
Die jüngsten Nachrichten von der Lichttechniktochter Osram etwa waren alles andere als erfreulich. Das Geschäft, das im vergangenen Herbst an die Börse gebracht werden sollte, leidet unter Margenschwund. Im abgelaufenen Geschäftsjahr war der ehemalige Renditebringer zwar beim Umsatz noch leicht gewachsen, der Gewinn hatte sich jedoch gegenüber dem Vorjahr in etwa halbiert. Ex-Energietechnikchef Wolfgang Dehen, seit Mitte vergangenen Jahres für Osram zuständig, zog soeben die Notbremse. Dehen hat dem Geschäft ein hartes Restrukturierungsprogramm verordnet und baut rund zehn Prozent der etwa 10.000 Stellen in Deutschland ab. Ein Börsengang ist in weite Ferne gerückt.
Doch das sind Nebenkriegsschauplätze. Das eigentliche Geschäft macht Siemens etwa im Sektor Industrie. Professionelle Beobachter prüfen hier am Dienstag vor allem eine Zahl: den Auftragseingang der Sparte Industrieautomatisierung, eines bedeutenden Gewinnbringers.
Kaeser hatte zuletzt erklärt, die Geschäfte, die recht schnell auf konjunkturelle Schwankungen reagieren, die sogenannten Kurzzykliker, liefen noch gut. Hierzu zählt auch die Automatisierungstechnik. Manche Experten gehen dennoch bereits für das laufende Quartal von einer Abschwächung des Wachstums im Auftragseingang aus — im Vorjahr standen noch beeindruckende elf Prozent Plus zu Buche. Pessimisten schwant Übles. „Ein Einbruch später im Jahr ist keinesfalls ausgeschlossen“, so ein Analyst.
Vom brandneuen Sektor „Infrastruktur und Städte“, am Dienstag erstmals mit eigenen Quartalszahlen präsent, ist erst mal nichts Erfreuliches zu erwarten. Laut Kaeser hat der Sektor, den es seit Oktober gibt, einen schwachen Start hingelegt.
Auch bei der einst so stabilen und gesunden Medizintechnik sind weitere Hiobsbotschaften nicht ausgeschlossen. Kaeser stellte bereits klar: Bei Healthcare nimmt der Preisdruck zu. Das verschärft die Lage für Vorstand Hermann Requardt, der das Geschäft nach diversen Rückschlägen — in der Diagnostik etwa sind milliardenschwere Abschreibungen notwendig — stabilisieren soll. Die sogenannte Partikeltherapie gegen Krebs will Siemens aufgeben, hier entstehen im laufenden Jahr Belastungen in dreistelliger Millionenhöhe. Im ersten Quartal, so sickert langsam durch, dürfte davon in etwa ein Viertel zu Buche stehen.
Die Schlacht um die Jahresziele und um das mittelfristige Wachstumsziel wird jedoch im inzwischen größten Sektor Energietechnik entschieden. Hier erwirtschaftete Siemens im Geschäftsjahr 2011 — inklusive des Nettoerlöses aus dem Verkauf der Atomkraftwerkstechnik von rund einer Milliarde Euro — fast die Hälfte des operativen Gewinns.
Der Bereich dürfte zwar wieder Primus unter den Sektoren sein. Die Auftragsvergabe verläuft indes schleppender, und aggressiver Wettbewerb verschärft die Lage. Beobachter registrieren etwa in der Energieübertragung hohen Preisdruck. Hier drängen asiatische Konkurrenten mit Billigangeboten in den Markt.
Das Herz des Energiesektors schlägt bei Weitem nicht mehr so schnell wie noch vor Jahresfrist, als die Division „Fossil Power Generation“, zuletzt mit knapp 28 Prozent operativer Marge, das mit Abstand gewinnträchtigste Siemens-Geschäft war. Mancher Experte fürchtet hier einen drastischen Schwund im Auftragseingang. Laut JP Morgan etwa soll die Division im Quartal Bestellungen über drei Milliarden Euro eingefahren haben. Im — ungewöhnlich guten — Vorjahresquartal waren es 3,9 Milliarden.
„Flache“ Orders im Energiesektor
Gleichwohl sieht der Konzern bei den äußerst lukrativen Gasturbinen, dem Schwerpunkt von Power Generation, trotz des derzeit raueren Klimas gute Aussichten. „Der Ordereingang verläuft derzeit eher flach, er bleibt aber auf hohem Niveau. Die Perspektiven für diese Technik sind insgesamt sehr gut — auch wenn die Weltkonjunktur mal bremsen kann“, so Michael Süß, Chef des Energiesektors, gegenüber dieser Zeitung.
Strom und Wärme aus den schnell startbaren Gaskraftwerken gelten als hervorragende Ergänzung zur schwankenden Wind- oder Solarkraft. Das dürfte die Technologie langfristig etwa für deutsche Versorger interessant machen. Gegenwärtig ordern vor allem Kunden aus dem Nahen Osten Gasturbinen — etwa Saudi-Arabien, das auf großen Vorräten des fossilen Brennstoffs sitzt. Zudem erwarten Experten auch in den USA eine steigende Nachfrage. „Mittelfristig gibt es hier hohen Investitionsbedarf“, sagt Süß.
Der Optimismus passt ins zuletzt freundliche Weltbild von Konzernlenker Löscher. Dass Aktionäre am Dienstag das Fürchten lernen, dagegen sprechen nach Meinung gestandener Unternehmensbeobachter — trotz konjunktureller Bodenwellen — indes auch erprobte Indikatoren. „Die Aktie ist eng mit dem Ifo-Index korreliert. Der hat jüngst nach oben gedreht, insofern bin ich optimistisch“, sagt ein Analyst, der das Unternehmen seit über einem Jahrzehnt betreut. Aktionäre würden es zu schätzen wissen.
Investor-Info
Der Konzern
Ausgewogenes Portfolio
Zwei der vier Sektoren, die Medizintechnik und die Infrastruktursparte, sind vergleichsweise unempfindlich gegenüber konjunkturellen Schwankungen – der Umsatzanteil lag im abgelaufenen Geschäftsjahr bei knapp 40 Prozent. Der Energiesektor mit etwa einem Drittel des Konzernumsatzes kann in der Regel lange vom Orderbuch zehren, bevor es zu einem Einbruch kommt. Lediglich im Industriegeschäft schlagen sich Konjunkturschwankungen meist auch kurzfristig nieder. Laut Unternehmen läuft der Bereich noch gut, die Gefahr einer Schwäche bleibt.
Die Aktie
Attraktives Investment
Die Börse hat den erwarteten Rückgang des Gewinns pro Aktie von rund elf Prozent im laufenden Geschäftsjahr teils vorweggenommen. Das KGV für das Jahr 2012 liegt derzeit rund 15 Prozent unter dem Schnitt der vergangenen fünf Jahre, die Aktie ist somit moderat bewertet. Im Chart deutet sich ein Ausbruch über den Widerstand bei etwa 79 Euro an. Die Dividendenrendite von knapp vier Prozent stützt die Aktie. Basisinvestment im DAX.
Bildquellen: Siemens press picture