Viele Hotel-Aktien sind auf Rekordhoch. Kurstreiber sind Investmentfirmen, die für Milliarden Immobilien aufkaufen. Doch der Markt wird riskanter. Wo es sich noch lohnt
von Sven Parplies
Der Job ist nichts für Miesepeter. Tür öffnen, Koffer tragen, Taxi herbeiwinken und natürlich immer
freundlich lächeln. Das gehört zum Alltag von Christopher, der sich am Eingang des Münchner Le
Méridien um das Wohlbefinden der Gäste kümmert.
Auch hinter den Kulissen der Hotelkette, die 120 Nobelherbergen in 50 Ländern unterhält,
herrscht ein Kommen und Gehen – in nur einem Jahrzehnt hat das Unternehmen fünf Mal den
Besitzer gewechselt. Das liegt voll im Trend, die internationale Hotelbranche befindet sich in
einem rasanten Umbruch. Aktionäre gehören dabei bislang zu den großen Gewinnern.
Weltweit sind im vergangenen Jahr Hotels im Wert von mehr als 45 Milliarden Dollar verkauft
worden, fast zwei Drittel mehr als 2004, hat der Immobilienberater Jones Lang LaSalle ermittelt.
Auch 2006 werden gigantische Summen bewegt. Allein in Europa wurden im ersten Halbjahr
Herbergen im Wert von 9,3 Milliarden Dollar verkauft, über 30 Prozent mehr als im
Vorjahreszeitraum.
Die Käufer sind immer häufiger große Investmentgesellschaften. Die suchen händeringend nach
Möglichkeiten, ihr Geld anzulegen. Hotels erscheinen da attraktiv, denn die Rahmenbedingungen
sind nahezu ideal: Die weltweit gute Wirtschaftslage treibt die Reiselust bei Privatpersonen und
Geschäftsleuten. Zugleich sind zuletzt kaum neue Hotels gebaut worden, die die weiter
steigende Nachfrage bedienen könnten. In den USA, dem wichtigsten Reiseland der Welt, ist die
Zahl der Hotelzimmer im vergangenen Jahr nur um zwei Prozent gestiegen, in New York sogar
um ein Prozent gefallen, weil dort Hotels in noch renditeträchtigere Appartement-Anlagen
umgewandelt wurden.
"Die Nachfrage steigt schneller als das Angebot", jubilierte Arne Sorenson, Finanzchef der
Marriott-Kette, jüngst auf einer Analystenkonferenz. "Unter der Woche ist es sehr schwer, in New
York, Boston oder Atlanta ein Zimmer zu bekommen", so Sorenson.
Entsprechend erreichte die Auslastung in den Metropolen in diesem Sommer rekordverdächtige
Niveaus. In London und New York lag sie laut Branchendienst Smith Travel Research im Juni bei
87 Prozent. Das wiederum schlägt auf die Preise durch. In New York kostete ein Zimmer im
Schnitt 241 Dollar pro Nacht. Das sind 14 Prozent mehr als im Vorjahr. In Rom stiegen die
Preise um elf Prozent, in Singapur um 26. Solche Zahlen machen nicht nur die Hotelmanager
glücklich, sondern auch die Aktionäre.
Hotel-Aktien gehörten zuletzt zu den Top-Titeln. Der Börsenwert der Intercontinental Hotels
Group (Crowne Plaza, Holiday Inn), nach Zimmerzahl die größte Hotelkette der Welt, hat sich in
drei Jahren mehr als verdreifacht, ebenso der von Starwood Hotels & Resorts (Sheraton, St.
Regis, Le Méridien). Die Aktienkurse von Accor (Sofitel, Novotel, Ibis) und Marriott haben sich
verdoppelt.
Doch nicht nur die steigende Nachfrage nach Zimmern treibt die Kurse. Die Unternehmen haben
eine zusätzliche Einnahmequelle entdeckt. Auch wenn es zunächst paradox klingen mag: Um
die Zukunft zu gestalten, verkaufen die großen Hotelketten ihre Hotels. Bei den derzeit hohen
Immobilienpreisen bringt das fette Erlöse.
Intercontinental hat sich in drei Jahren von 175 Häusern im Wert von etwa drei Milliarden Dollar
getrennt. Accor will bis 2008 rund 3,2 Milliarden Euro durch den Verkauf von 535 Hotels
kassieren. Im vergangenen Monat erst hat Hilton, der zweitgrößte Hotelbetreiber der USA, fünf
Häuser in Kanada für 215 Millionen Dollar an Investmentgesellschaften abgegeben.
Die Hotelketten verabschieden sich natürlich nicht aus ihrem Stammgeschäft. Sie sind aber nicht
mehr Besitzer der Immobilien, sondern Pächter, abgesichert mit langfristigen Verträgen. Die
Milliarden, die durch den Verkauf in die Kasse kommen, schaffen Raum für
Sonderausschüttungen an die Aktionäre und Investitionen in die Zukunft.
Die Expansion erfolgt nach dem McDonald’s-Prinzip. Die Hotels einer Kette werden von
Geschäftspartnern wie selbstständige Unternehmen geführt. Damit wird das wirtschaftliche Risiko
abgewälzt. In einigen Fällen tritt das Hotelunternehmen aber auch selbst als Manager auf.
So will Intercontinental bis Ende des Jahres 2008 bis zu 60000 neue Zimmer in sein Portfolio
aufnehmen. Das wäre im Schnitt etwa jeden Tag ein neues Hotel mit 80 Zimmern. "Das ist eine
große Herausforderung, aber ich glaube, dass wir es schaffen können", sagt Vorstands-Chef
Andrew Cosslett.
Die aggressive Strategie geht bislang auf. Die Expansion der Unternehmen aber vergrößert das
Angebot und gefährdet mittelfristig die Preise. Verstärkt werden könnte diese Entwicklung durch
ein Abkühlen der Weltkonjunktur, was die Reiselust von Privatpersonen trüben und die Budgets
von Geschäftleuten beschneiden würde. Auch der Vormarsch moderner
Kommunikationstechnologie könnte viele Geschäftsreisen überflüssig machen.
Ein solches Umfeld würde unweigerlich die gegenwärtige Euphorie der Hotelunternehmen und
ihrer Aktionäre ersticken. Schließlich müssen die Renditeerwartungen der neuen
Immobilienbesitzer, also auch vieler als Heuschrecken bekannter Private-Equity-Gesellschaften,
erfüllt werden. "Die neuen Eigentümerverhältnisse können anspruchsvoller sein als erwartet",
warnen die Experten von Jones Lang LaSalle.
Vorerst aber ist der Aufwärtstrend intakt: Volkswirte erwarten keine dramatischen Einbrüche der
Weltkonjunktur. Die Investmentbank Morgan Stanley geht davon aus, dass das Angebot im
kommenden Jahr nur moderat um ein bis zwei Prozent steigen wird und damit weniger stark als
die Nachfrage, die um drei Prozent zulegen dürfte. Aber: "Die Lücke dürfte sich zwischen 2009
und 2010 schließen", warnt auch Morgan Stanley.
Die Gier der Investmentgesellschaften nach Immobilien ist aber offenbar noch nicht gestillt. Als
ein großer Wachstumstreiber gelten REITs, mit denen Immobilien gebündelt an die Börse
gebracht werden können. Das eröffnet den Investmentgesellschaften eine attraktive Möglichkeit,
ihre Erwerbungen mit Gewinn weiterzureichen.
Und die Hotelunternehmen liefern weiter Nachschub. Allein Accor etwa kann nach Kalkulation der
Deutschen Bank weitere 1,6 Milliarden Euro durch Verkäufe einnehmen, ohne dass dabei das
operative Geschäft belastet würde. Nicht nur die Pagen der großen Hotels, auch die Aktionäre
dürften also weiter gute Laune verbreiten.
Accor :Versteckte Werte
Accor räumt sein Portfolio auf. Bis 2008 sollen 535 Hotels verkauft werden. Damit wollen die
Franzosen die derzeit hohen Immobilienpreise nutzen. Analysten sehen zusätzliche Einnahmen
von mehr als 1,5 Milliarden Euro. Ein Großteil davon würde als Dividende an die Aktionäre
ausgeschüttet. Auch Accors Beteiligungen an Reiseunternehmen, Casinos und die
Servicesparte, die u.a. Essensgutscheine vermittelt, könnten zu Geld gemacht werden.
Intercontinental Hotels: Im Schatten der Heuschrecken
Die britische Hotelkette wird wegen ihres attraktiven Portfolios seit Längerem als
Übernahmekandidat gehandelt. Doch auch so ist die Aktie attraktiv: Da 60 Prozent der Gäste
Geschäftsreisende sind, ist das Unternehmen weniger stark von Konjunkturschwankungen
betroffen. Wegen geringer Börsenumsätze nur limitiert ordern.