von Jörg Lang, Euro am Sonntag
Innerhalb eines Jahres legte der Börsenwert des Beiersdorf-Konzerns um 50 Prozent zu. Was steckt hinter dieser wundersamen Rally? Ein Teil könnte den operativen Fortschritten geschuldet sein. Im laufenden Jahr werden die Erträge um über zehn Prozent steigen. Allerdings ist die Vergleichsbasis niedrig, da das vergangene Jahr von Restrukturierungen geprägt war. Aussagekräftiger ist deshalb das Jahr 2010. Gemessen daran sind die Fortschritte gering.
Dass Anleger die Inflation fürchten und deshalb massiv in Aktien des vermeintlich sicheren Konsumwerts investieren und damit den Kurs nach oben treiben, ist eher unwahrscheinlich. Und bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 30 scheiden auch Profianleger als Käufer aus. Dennoch deutet die Kursentwicklung darauf hin, dass die Anteilscheine kontinuierlich gekauft werden. Möglicherweise haben sich sogar Pakete unterhalb der Meldeschwelle gebildet.
Beiersdorf bietet nur Mehrwert für jemanden, der das Geschäft mit Nivea und Co auch weltweit ausbauen kann. Wie beispielsweise Procter & Gamble. Der US-Konzern mit Marken wie Gilette und Pampers wird von Hedgefonds unter Druck gesetzt, weil die Ergebnisse nicht den Erwartungen entsprechen. Gut würden die Hamburger auch zu Henkel passen. Dort verliert der Konsumbereich an Bedeutung, während das Klebstoffgeschäft im Vergleich zu Beiersdorfs Tesa-Sparte viel bedeutender ist. Eine deutsche Variante würde den Interessen der Familie Herz als Beiersdorf-Großaktionär wohl mehr entsprechen.
Einen Übernahmeversuch hat Avon Products schon hinter sich. Das Management hat jedoch die vor sieben Monaten lancierte Offerte des Parfümherstellers Coty abgebügelt. Verlierer waren die Aktionäre. Coty hatte umgerechnet rund 20 Euro geboten, die Aktie kostet heute weniger als zwölf. Weil die langjährige Avon-Chefin Andrea Jung aus der Firmenleitung ausscheidet, sind die Chancen für eine erneute Offerte gestiegen. Jung hatte vehement gegen Coty gekämpft, möglicherweise auch, weil sie eine eingehende Buchprüfung durch Coty verhindern wollte. Die Bilanzierungspraktiken des Konzerns waren schon von der US-Börsenaufsicht SEC kritisiert worden.
Jungs Nachfolger Fred Hassan hat hingegen keine Altlasten. Dafür Erfahrung im Übernahmegeschäft. Hassan leitete die Pharmafirma Schering-Plough, bis sie 2009 mit Merck & Co fusionierte. Einem neuen Angebot dürfte er mit mehr Offenheit entgegentreten. Zumal sonst der Leidensweg der Aktionäre noch lang sein wird. In den jüngsten Quartalszahlen deutet wenig darauf hin, dass die von Jung angekündigte Trendwende geschafft wurde. Selbst unter Ausklammerung der Restrukturierungskosten sinken die Betriebsergebnisse des Kosmetikdirektvertriebs in jeder Region. Auch die Dividende wird massiv gekürzt. Da käme ein Retter gerade recht.