von Stephan Bauer, €uro am Sonntag
Chips? Software? Autobatterien? Die Antworten auf die Frage, was Hightech heute ist, fallen mitunter überraschend aus. Eine davon lautet zum Beispiel: Glas. Da aber nur die wenigsten Investoren beim Thema Hochtechnologie an den durchsichtigen Werkstoff denken, hat der US-Konzern Corning seinem besten Produkt einen reißerischen Namen gegeben.
„Gorilla“, dröhnt die Werbetrommel. Und der Menschenaffe haut mit ausgefallenen Materialeigenschaften auf die Pauke – siebenmal härter als gewöhnliches Fensterglas, dreimal so dünn und entsprechend leicht. Zudem sei das Produkt wesentlich biegsamer und bruchfester als Materialien der Konkurrenz, lässt Corning wissen und verbreitet aufsehenerregende Videos auf YouTube. Dort stürzt der Primat in Abgründe, wird mit Diamantspitzen traktiert und quasi gerädert, um seine Zähigkeit unter Beweis zu stellen.
So haarig die Kampagne ist – sie wirkt. Hightechriese Apple baut aus dem Spezialglas die Displays seiner überaus erfolgreichen Handys und Tablet-Computer. iPhone und iPad müssen schließlich nicht nur mit eleganter Software ausgerüstet, sondern auch kratzfest sein. Auch Spitzen-Smartphones oder Tablets von Herstellern wie Samsung oder Motorola sind inzwischen mit dem Spezialglas aus der Stadt Corning im Bundesstaat New York ausgestattet.
Für Vorstandschef Wendell Weeks ist Hightech schon lange eine Welt aus Glas. Pro Jahr werde weltweit Mutterglas – das sind Gläser, aus denen Displays für Fernseher, Computermonitore oder Notebooks geschnitten werden – entsprechend einer Fläche von 50.000 Fußballfeldern verbaut, sagt Weeks.
Corning liefert als Weltmarktführer das meiste davon, vor allem für Flachbildfernseher. Damit wird das Unternehmen im laufenden Jahr nach Schätzungen der Bank JP Morgan rund 3,3 Milliarden Dollar Umsatz erzielen – macht rund 40 Prozent des gesamten Erlöses, obwohl das Geschäft unter dem schleppenden Absatz von Flachbildfernsehern vor allem in den Industrieländern leidet. Zudem herrscht in der Branche hoher Preisdruck, den auch Zulieferer wie Corning spüren. Unlängst kündigte Großkunde Sharp die Drosselung der Produktion an.

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Dass die Amerikaner im ersten Quartal sowohl beim Umsatz als auch beim Gewinn die Schätzungen der Analysten übertrafen, verdankt das Unternehmen ausgerechnet ehemals in die Schlagzeilen geratenen Aktivitäten wie dem Telekommunikationsgeschäft.
Glasfasern fürs Web – das war der Grund, weshalb Investoren vor gut zehn Jahren ihre Depots massenhaft mit Corning-Papieren bestückten. Was Anleger in der Interneteuphorie allzu überschwänglich bewerteten, treibt heute den Konzern voran – die Datenhighways der Welt müssen ausgebaut werden. Im ersten Quartal verzeichnete Corning hier rund 30 Prozent Wachstum. Fürs gesamte Geschäftsjahr stellt Vorstand Weeks mindestens 15 Prozent Zuwachs in Aussicht – Analysten zufolge eine eher konservative Prognose.
Dass der Konzernumsatz im laufenden Jahr um etwa ein Viertel auf über acht Milliarden Dollar wachsen soll, liegt auch am Engagement für den Umweltschutz. Corning stellt Keramikeinsätze für Autokatalysatoren und Partikelfilter für Dieselmotoren her. Die Sparte wächst kräftig, ebenso wie das Geschäft mit Spezialfiltern für medizinische Labore und die Pharmaindustrie.
Die hohe Ausbeute beim Nettoergebnis – 2010 lag die Marge bei komfortablen 35 Prozent — verdankt das Unternehmen jedoch ausgerechnet Weeks’ Sorgenkind, dem überaus profitablen Geschäft mit TV-Displays. Die Flaute ist somit besonders schmerzhaft. Doch allzu lange andauern sollte sie nicht: 2012 stehen Fußballeuropameisterschaft sowie Olympische Spiele an – verlässliche Treiber für den TV-Absatz.
Zudem winkt Potenzial in den Emerging Markets. In Indien etwa ist noch nicht einmal jeder dritte verkaufte Fernseher flach, die hierzulande längst überholte Röhre dominiert. Doch allmählich kommen auch auf dem Subkontinent die Flachmänner in Fahrt: Von Januar bis März wurden rund eine Million LCD-Fernsehgeräte verkauft, mehr als doppelt so viele wie vor Jahresfrist.
Weeks verkauft seine Geheimwaffe, ursprünglich für mobile Geräte gedacht, unterdessen auch an TV-Hersteller. Der japanische Konzern Sony setzt seit Mai dank Gorilla auf ein revolutionäres TV-Design – ganz ohne Kunststoff- oder Metallrahmen. Weeks ist zuversichtlich, dass künftig weitere Kunden TVs im Nur-Glas-Design anbieten werden.
Geht die Wette auf, wird der Affe zum King Kong. Der Platz im Klettergarten ist aber ohnehin üppig. Laut US-Marktforschern soll die Zahl der weltweit verkauften Tablets binnen drei Jahren von knapp elf Millionen auf über 100 Millionen steigen. Hier klettert der Gorilla sicher mit.