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27.10.2011 06:00

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HOCHTECHNOLOGIE

Fraunhofer: Hier wird an der Zukunft laboriert

Microvision zu myNews hinzufügen Was ist das?



Hightech made by Fraunhofer
Der Reinraum des Dresdner Fraunhofer-Instituts ist Geburtsstätte neuer Trends in der Halbleiterindustrie. Ein Gespräch mit Technologieexperte Harald Schenk über Technologien von morgen.

von Jens Castner, €uro am Sonntag

Sie finden, Halbleiter sind so langweilig wie ihr Name? MEMS (Mikro-Elektro-Mechanische Systeme) und Licht-Emittierende-Dioden auf organischer Basis (OLEDs) können Ihnen gestohlen bleiben, Hauptsache in Auto, Fernseher und Smartphone funktioniert alles so, wie es soll? Dann wird Ihnen die Welt von Harald Schenk ziemlich fremd vorkommen. Sein Job als stellvertretender Leiter des Fraunhofer-Instituts für Photonische Mikrosysteme (IPMS) in Dresden und Leiter des Geschäftsfelds Mikrooptische Komponenten und Systeme klingt zunächst irgendwie dröge. Man könnte ihn aber auch als Zukunftsforscher bezeichnen. Im Interview erklärt der 40-Jährige wie schwingende Spiegel unser Leben verändern werden. Bald. Sehr bald.

€uro am Sonntag: An Begriffe wie MEMS und OLEDs muss man sich langsam gewöhnen. Aber was, um Himmels willen, sind Spiegelarrays?
Harald Schenk:
Eine Matrix von sehr kleinen Spiegeln, die wie ein Mikrochip auf einem Siliziumwafer produziert wird. Für Ihr Auge sieht das aus wie ein durchgängiger Spiegel.

Aber in Wahrheit sind es tausend kleine?
Ihre Schätzung ist eine Spur zu niedrig. Wir bewegen uns im Bereich weniger tausendstel Millimeter. Auf zwei bis drei Quadratzentimetern sind es mehr als eine Million bewegliche Spiegel.

Und wozu braucht man so etwas?
Wir enwickeln solche Chips zum Beispiel für die Laserbelichter des schwedischen Unternehmens Micronic Mydata. Mithilfe dieser Belichter stellt unter anderem Intel die Prozessoren her, die auch in Ihrem Computer stecken. Ein ganz ähnlicher Chip wurde von uns für die sogenannte adaptive Optik entwickelt.

Was ist das?
Sie kennen das: Wenn Sie im Wasser zum Beispiel einen Fisch betrachten, verzerren die Wellen das Bild. Das hängt mit der Brechung des Lichts an den Wellen zusammen. Mit unserem Chip kann das für den Betrachter in Echtzeit korrigiert ­werden. Real natürlich nicht für die Betrachtung von Fischen. Aber das gleiche Problem ergibt sich in der Augenheilkunde, wenn ein scharfes Bild des Augenhintergrunds benötigt wird oder in der Astronomie beim Blick zu den Sternen.

Bleiben wir lieber mal auf der Erde.
Die Einsatzmöglichkeiten sind unglaublich vielfältig und für jede Branche von Interesse. Neben den Spiegelarrays entwickeln wir auch größere bewegliche Spiegel mit Millimeterabmessungen. Diese können schwingen, sich auf- und abbewegen, Licht also in beliebige Richtungen ablenken. In Lokomotiven gibt es ­etwas Ähnliches in ganz groß – mit etwa 30 Zentimetern Durchmesser und 30 Kilogramm schwer –, um zu erfassen, ob und wo sich ein Hindernis auf den Gleisen befindet. Wir miniaturisieren dieses Prinzip, um präzise Abstandsmessungen in sehr kurzer Zeit vornehmen zu können. Genauso können solche Spiegel für die Umgebungserkennung in Robotern eingesetzt werden. Diese Roboter können dann zum Beispiel autonom Gebäude vermessen – oder sogar bauen.

Kooperieren Sie außer mit Micronic Mydata noch mit weiteren Technologieunternehmen?
Natürlich, das ist ja unser Auftrag. Mit Microvision verbindet uns zum Beispiel bereits eine zehnjährige Kooperation zur Entwicklung von Pico-Projektoren. Die sind heute noch so groß wie ein Handy, aber bald werden sie die Größe eines Stücks Würfelzucker haben. Wenn wir sie dann noch flacher bekommen, passen sie locker in ein Handy oder in einen USB-Stick.

Sehen Sie einen Markt für solche Miniprojektoren?
Sogar einen Massenmarkt. Wir kombinieren Spiegel mit Lasertechnologie. Laserbilder sind immer scharf, ganz egal auf welche Entfernung und welchen Hintergrund sie treffen, man muss kein Objektiv mehr einstellen. Deshalb werden Laserprojektoren gerade für mobile Geräte die heutige Projektionstechnologie über kurz oder lang ablösen. Weil sie so klein sind, werden sie in zwei bis vier Jahren sicher auch Einzug in Handys halten. Man kann dann Videos mit dem Smartphone nicht mehr nur aufnehmen, sondern auch an jeder x-beliebigen Wand gleich abspielen.

Wobei der Trend ja inzwischen wohl in Richtung 3-D-Bilder geht.
Das sehen wir auch so. Hier arbeiten wir mit Vuzix zusammen, einem US-Unternehmen, das 3D-Brillen herstellt, mit denen Sie heute bereits Spielfilme in ausgezeichneter Qualität anschauen können. Der nächste Schritt ist die „Augmented Reality“, zu deutsch: angereicherte Realität. Man sieht durch eine Brille im Stil und in der Größe einer Sonnenbrille die Umgebung, und zusätzlich werden computergenerierte Informationen oder Figuren eingeblendet.

Wann könnte so etwas marktreif werden?
Die ersten Produkte sind bereits auf dem Markt – und die nächs­te Generation wird noch viel mehr bieten. Ich hatte die neue Brille schon auf und blickte auf ein Chart, das das System benötigt, um sich im Raum zu orientieren. Dann plötzlich verschwand das Chart und es tauchte wie aus dem Nichts ein kleiner Roboter auf, der sich wie natürlich im Raum mit meinen Kollegen bewegte, ganz egal wie ich meinen Blickwinkel oder meinen Standort veränderte.

Sie hätten schwören können, er war da?
Dazu reicht die Auflösung noch nicht ganz – ein Grund übrigens, warum Vuzix uns auf einer Messe angesprochen hat. Gemeinsam werden wir das mit der Auflösung in ein bis zwei Jahren so hinbekommen, dass man die virtuelle Realität tatsächlich kaum mehr von der Realität unterscheiden kann. Das wird der Spieleindustrie ganz neue Möglichkeiten eröffnen.

Spielt man dann auf der Konsole dann Tennis gegen einen ernst zu nehmenden Gegner?
Und wer nicht gern allein joggen geht, hat immer einen Begleiter. Oder kann sich selbst als Schrittmacher vor sich herlaufen lassen, eingestellt beispielsweise auf die Zeit von gestern. Ein Sportartikelhersteller ist schon ganz heiß darauf. Aber auch in anderen Industrien entsteht ein neuer Markt. Ein Wartungsmechaniker kann sich den Bauplan einer Maschine via Smartphone dreidimensional auf die Brille laden und mit der Realität abgleichen. Und denken Sie nur an Videokonferenzen …

… Sonnenbrillen auf, Männer! Der Chef erscheint als Hologramm.
Hologramme sind an und für sich kein Hexenwerk. Auf Ihrer Kreditkarte befindet sich sicher eines. Auch dreidimensionale Bilder im Raum entstehen zu lassen, ist eine Technik, die wir heute beherrschen.

Aber Sie geben schon zu, dass das ein wenig nach „Raumschiff Enterprise“ klingt?
Was bei „Star Treck“ auf dem Holodeck passiert, ist etwas anderes als das, was wir heute kennen und können. Dort materialisieren sich die Bilder. Die Figuren kämpfen sogar mit echten Waffen gegeneinander. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das vielleicht nicht völlig auszuschließen, mit der uns heute zur Verfügung stehenden Technologie bleibt es allerdings Science Fiction. Man bräuchte dazu die Energie etlicher Tausend Wasserstoffbomben und mehr Rechnerleistung als auf der Welt insgesamt vorhanden ist.

Da Sie sich so intensiv mit der Zukunft befassen: ­Ärgert es Sie als Mitarbeiter einer Non-Profit-Organistation eigentlich, wenn Leute mit Erfindungen steinreich werden, zu denen Sie die Grundlagenarbeit geleistet haben?
Ärgern? Sicher nicht. Ers­tens ist Geld nicht alles. Und zweitens sind etliche Erfindungen aus Fraunhofer-Instituten hervorgegangen, von denen die Erfinder profitiert haben. Denken Sie nur an das MP3-Format für Musikdownloads, das die Kollegen in Erlangen entwickelt haben. Aus unserem Institut hier ­in Dresden ging die Analytikfirma ­HiperScan hervor, deren Mitbegründer ich bin. Vielleicht wird sie ja eines Tages an die Börse gebracht.

Investor-Info

Micronic Mydata
Rote Halbjahresbilanz

Die Technologiefirma Micronic Mydata (ISIN: SE 000 037 511 5) ist ein wichtiger Intel-Zulieferer. Nach einem starken Vorjahr rutschten die Schweden im ersten Halbjahr 2011 allerdings in die roten Zahlen. Immerhin deutet sich jetzt eine Bodenbildung im Bereich von knapp über einem Euro an. Beobachten.

Microvision
Miniumsatz, Maxiverlust

Der Hersteller der Pico-Projektoren schrieb im vergangenen Jahr bei 4,74 Millionen US-Dollar Umsatz 47,5 Millionen Dollar Nettoverlust, fast exakt das Zehnfache des Erlöses. Die Aktie (US 594 960 106 7) ist nur etwas für Zocker, die an den Durchbruch der Miniprojektoren glauben. Das Papier kostet etwas über 50 Cent.

Vuzix
Hoffen auf die Wunderbrille

Mit einem Kurs von etwa fünf Cent fällt Vuzix (US 929 21W 102 7) ebenfalls durchs Raster dessen, was man als solide Kapitalanlage bezeichnen kann. Trotz eines stabilen Militärgeschäfts (Nachtsichtgeräte) und der Fantasie aufgrund der 3D-Brille sehr spekulativ, auch wenn es Gerüchte um Deals mit Nokia und Microsoft gibt.

Bildquellen: Siemens

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