Von Heide Oberhauser-Aslan
Dow Jones Newswires
FRANKFURT (Dow Jones)--Die Merck KGaA blickt zusehends optimistisch auf das zuletzt stark von der Wirtschaftskrise betroffene Geschäft mit Flüssigkristallen. "Wir sehen seit Januar eine Bodenbildung und einen langsamen Aufwärtstrend", sagte der Leiter des Unternehmensbereichs Chemie in der Geschäftsleitung des Darmstädter Pharma- und Spezialchemiekonzerns, Bernd Reckmann, am Freitag im Gespräch mit Dow Jones Newswires.
"Ich denke, das ist letztlich das Zeichen dafür, dass alle Beteiligten an der Lieferkette wieder bestellen und der Endkundenmarkt nach wie vor positiv ist und wächst" erklärte der Manager. "Wir haben nach wie vor einen attraktiven Markt vor uns und sind daher mittelfristig auf jeden Fall optimistisch gestimmt für das Flüssigkristallgeschäft".
Reckmann dämpfte jedoch vor dem Hintergrund der anhaltenden Konjunkturschwäche Erwartungen an eine schnelle, nachhaltige Erholung. "Die Bodenbildung ist da, ich denke aber, es wäre zu früh zu sagen, damit ist jetzt alles vorbei". Für die gesamte konjunkturelle Situation sehe Merck derzeit noch kein Licht am Ende des Tunnels.
Im ersten Quartal hatte Merck einen Einbruch der Gesamterlöse im Geschäft mit Flüssigkristallen (LC) um 44% auf 131 Mio EUR hinnehmen müssen, das operative Ergebnis war um fast 90% auf 12,7 Mio EUR gesunken.
Vor dem Hintergrund des momentanen Aufwärtstrends in der Sparte denkt Merck nach Reckmanns Worten derzeit auch nicht an Kurzarbeit im Flüssigkristallgeschäft. Seit Jahresbeginn hat die Sparte seinen Angaben zufolge allerdings erhebliche Volumenanpassungen unter Nutzung von Instrumenten wie flexible Arbeitszeiten und Urlaub vorgenommen.
Im ersten Halbjahr 2009 sei etwa 20% bis 30% weniger gearbeitet worden als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum, sagte Reckmann. "Wir überprüfen die Situation kontinuierlich und würden, wenn sich die Verhältnisse wieder ins Negative ändern sollten, sicherlich auch Kurzarbeit in Erwägung ziehen", fügte er hinzu.
Die Jahresprognose für das Flüssigkristallgeschäft bestätigte der Manager im Gespräch mit Dow Jones. "Wir gehen weiterhin von einem Erlösrückgang in der Größenordnung von 20% bis 30% im Gesamtjahr aus und von einer Umsatzrendite von 20% bis 30%", sagte er.
Die führende Marktposition bei Flüssigkristallen mit mehr als 50% wolle der DAX-Konzern unbedingt halten, sagte Reckmann. "Ich rechne wie die meisten Marktforschungsinstitute mit einem jährlichen Flächenwachstum des LC-Display-Marktes im hohen einstelligen Prozentbereich", erklärte er. Getrieben werde das Wachstum von den Fernsehern. Heute seien erst 15% aller weltweit aufgestellten Fernsehgeräte Flachbildschirme. "Ich denke, da ist noch Raum für weiteres Wachstum."
Zudem schaue sich der Markt weiterhin nach Innovationen um. Die Hersteller von Fernsehern und Displays suchten beispielsweise nach besseren Kontrasten und einer schnelleren Auflösung der Bilder und wollten auch den Energieverbrauch der Geräte senken. "Wir sind als Technologieführer in bester Weise aufgestellt, diese Dinge anzugehen und zu lösen", sagte Reckmann.
Zudem könne Merck mit Innovationen dem Preisverfall entgegensteuern. Als Beispiel nannte der Manager die PS-VA-Technologie, eine neue Generation der Bildschirmtechnologie, die bessere Bildqualität bei bewegten Bildern, schnellere Schaltzeiten, besseren Kontrast und stärkere Helligkeit zeigt und die eine Weiterentwicklung der bisherigen VA-Technologie darstellt.
"Wir sind im Moment das einzige Unternehmen, das diese Technologie anbietet", sagte Reckmann. Die Marktdurchdringung läuft seinen Angaben zufolge sehr gut. Merck komme erheblich voran, die großen Displayhersteller hätten damit begonnen, in der Massenfertigung die neue Bildschirmtechnologie einzusetzen, erklärte der Manager.
Sorgen macht Merck weiterhin das Pigmentgeschäft, das hauptsächlich unter dem Nachfrageeinbruch der Kunden aus der Automobilindustrie leidet. "Hier sehen wir auch eine Bodenbildung, aber überhaupt keine Anzeichen für eine Verbesserung", sagte Reckmann. Auch das Endverbraucher-nahe Geschäft mit der Kosmetikindustrie zeige weiterhin Schwächen.
Die Pigmentsparte hat daher an ihrem Produktionsstandort in Deutschland Kurzarbeit eingeführt und auch an den ausländischen Standorten in den USA, Japan und China Maßnahmen ergriffen. "Derzeit sind 350 Mitarbeiter am Standort Gernsheim in Kurzarbeit", sagte Reckmann. Eine betriebsinterne Vereinbarung gestattet es Merck sogar für bis zu 500 Mitarbeiter Kurzarbeit bis zum Jahresende einzuführen. Ende Juli will der DAX-Konzern nach Reckmanns Aussage die Situation bei Pigmenten erneut analysieren.
In den Geschäftseinheiten Life Science Solutions und Laboratory Business, die unter anderem Laborchemikalien und Lebensmittel-Schnelltests anbietet, denkt die Merck KGaA über Zukäufe nach. "Das sind Felder, wo wir auch zukaufen würden, wenn wir entsprechende Targets hätten", sagte Reckmann.
"Wir sehen hier bei Produkten für die Pharma- und Biotechindustrie erhebliche Wachstumschancen. Regionale Schwerpunkte unseres Wachstums in der Sparte Performance & Life Science Chemicals (PLS) sind Indien, China und Nordamerika", erklärte der Manager. "Gerade für Themen wie Bioscience und Biotech ist für das Performance-Chemicals-Geschäft Nordamerika sicherlich der wichtigste Markt und da haben wir Nachholbedarf". In der PLS-Sparte hat Merck neben den Pigmenten die Geschäftseinheiten Laboratory Business und Life Science Solutions gebündelt.
In der Chemie arbeitet Merck auch an einer Vielzahl von Projekten in Zukunftsgebieten wie Chemikalien für die Photovoltaik, OLED-Technologie (organische Leuchtdioden) und für LED (anorganische Leuchtdioden). Von Vorteil für Merck sei, dass sich auch die bestehenden Kunden von Merck im LCD-Bereich diesen Zukunftstechnologien widmeten, sagte Reckmann.
Neben der technologischen Kompetenz, Lösungen zu entwickeln, habe Merck damit auch den entsprechenden Markt- und Kundenzugang. Die OLED-Technologie ist nach Reckmanns Ansicht die attraktivste und einzige sichtbare Technologie, die sich neben LC positionieren kann. Frühestens 2011/2012 sei im Monitor-Bereich mit OLED zu rechnen.
Mit Renditen im Flüssigkristallgeschäft wie in der Vergangenheit rechnet Reckmann aber nicht. Solche Renditen jenseits der 50% seien Ausnahmen im Chemiegeschäft gewesen, die schwer zu wiederholen seien, meinte er. Innovative Zukunftsgeschäfte seien jedoch in der Regel immer extrem renditestark und attraktiv für jedes Chemieunternehmen und das werde auch für OLED gelten, fügte er hinzu.
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