Von Philip Grontzki und Jörn Rehren
WALL STREET JOURNAL DEUTSCHLAND
FRANKFURT (Dow Jones)--SAP-Mitbegründer Hasso Plattner sieht seine Walldorfer Softwareschmiede für die Zukunft gut gerüstet. Die superschnelle HANA-Datenbank-Technologie werde die IT-Industrie revolutionieren, sagte Plattner, dem noch immer knapp ein Zehntel der
Aktien gehören, in einem Interview mit dem Wall Street Journal Deutschland. Daneben hätten die jüngsten Übernahmen strategische Lücken geschlossen.
"Am Erfolg der vergangenen zwei Jahre und der wiedergewonnenen Innovationskraft, da kann man schon seine Freude dran haben", sagte Plattner, der als Aufsichtsratschef eine wichtige Rolle spielte, als Anfang 2010 der Vorstandsvorsitzende Leo Apotheker durch Bill McDermott und Jim Hageman Snabe ersetzt wurde.
SAP wieder auf Wachstumskurs
Nach dem Chefwechsel war der DAX-Konzern wieder auf den Wachstumspfad zurückgekehrt. SAP erlöste 2010 mit Lizenzen für Unternehmenssoftware, Wartungsverträgen und Beratungen 12,5 Milliarden Euro. Mit neuen Angeboten wie Cloud-Computing, mobilen Dienstleistungen und der HANA-Technologie sollen diese Umsätze bis 2015 auf über 20 Milliarden Euro steigen.
HANA - eine Abkürzung für High-Performance Analytic Appliance - ist das neue Wunderkind im Hause SAP. Die Datenbanklösung basiert auf der so genannten In-Memory-Technologie, bei der die Daten direkt im Arbeitsspeicher gehalten und neuartig strukturiert werden. Sie müssen für die Bearbeitung also nicht erst von der langsameren Festplatte geholt werden. Das allein beschleunige die Prozesse um das Tausendfache, sagte Plattner. Selbst riesige Datenmengen könnten damit in Millisekunden verarbeitet und analysiert werden.
"Wo immer Daten verwaltet werden, bieten sich überraschend große Möglichkeiten, die Nutzung des Computers dramatisch zu verbessern", sagte der 67-Jährige, der auch selbst zusammen mit dem von seiner Stiftung finanzierten High-Tech-Institut in Potsdam an der In-Memory-Technologie forscht.
Treuebonus in zwei Sekunden
So habe die japanische Elektromarktkette Yodobashi bislang einmal im Monat mit großem Aufwand den Treuebonus für alle Kunden ausgerechnet. "Das dauerte bisher drei Tage, jetzt mit HANA nur noch zwei Sekunden", sagte Plattner. Die Kunden könnten damit viel schneller von den Rabatten profitieren und Yodobashi erreiche eine bessere Kundenbindung. Auch schnelle Analysen über Lieferengpässe, Warenströme oder Kundenvorlieben seien nun in Echtzeit möglich.
Jenseits von Unternehmensanwendungen gebe es etwa bei wissenschaftlichen Auswertungen ganz neue Möglichkeiten - auch für SAP. Mit dem "Oncolyzer" habe man an der Charité in Berlin bereits den Prototyp einer Krebspatientendatenbank vorgestellt. Zukünftig sollen die entschlüsselten Tumorzellgenome aller Krebspatienten erfasst und untersucht werden, wobei pro Patient Datenmengen im Terabyte-Bereich entstehen. Mit HANA können Ärzte und Forscher dennoch in Sekundenschnelle nach den relevanten Mutationsinformationen suchen und diese analysieren.
SAP will HANA nach der Markteinführung im Juni 2011 jetzt nach und nach als Basistechnologie für ihre gesamte Palette an Unternehmenssoftware einsetzen. Noch ist der Umsatzanteil von HANA mit unter einem Prozent eher bescheiden - für 2011 peilte SAP damit Erlöse von mindestens 100 Millionen Euro an, längerfristige Prognosen gibt es nicht.
Analyst Donald Feinberg von Gartner sieht Potenzial in HANA. Die dahinter stehende Technologie hebe sich deutlich von der Konkurrenz ab und beschere SAP einen Vorsprung von vielleicht ein, zwei Jahren, bis Wettbewerber wie Oracle oder IBM mit vergleichbaren Angeboten nachzögen. Mark Moerdler von Bernstein Research schätzt das Umsatzpotenzial für HANA-Datenbanken und -Anwendungen im Jahr 2014 auf 1,5 Milliarden Dollar.
Auch Stefan Ried von Forrester Research sieht einen klaren und direkten Nutzen der In-Memory-Technologie im Bereich Datenanalyse. Er weist jedoch darauf hin, dass die transaktionalen Teile der wichtigsten SAP-Software Business Suite, also das Eingeben und Ändern von Buchungen oder Rechnungen, mit HANA noch nicht schneller werden. Nach Ansicht des Analysten dauert es noch mindestens zwei Jahre, bis die Walldorfer auch diese Anwendungen in puncto Transaktionssicherheit und Performance in den Griff bekommen werden.
Der Reiz der Cloud
Weniger erfolgreich war Europas größter Softwarehersteller zuletzt mit eigenen Entwicklungen für zwei weitere Großtrends der IT-Branche: Mobile Computernutzung sowie Cloud-Anwendungen, bei denen die Programme nicht mehr auf den Geräten der Nutzer gespeichert sind, sondern im Internet. Sie werden für Unternehmen immer attraktiver, weil sie günstiger und einfacher zu unterhalten sind.
Auf den beiden neuen Märkten war SAP zuletzt mit milliardenschweren Übernahmen aufgefallen. Erst im Dezember kündigten die Walldorfer den Kauf von SuccessFactors für 3,4 Milliarden Dollar an - ein Unternehmen, das Cloud-basierte Software für das Personalmanagement entwickelt. Anderthalb Jahre zuvor übernahmen sie für 5,8 Milliarden Dollar Sybase, einen Spezialisten für Datenbanken und mobile Software.
Beide Übernahmen seien notwendig gewesen, weil SAP mit ihren eigenen mobilen und Cloud-Anwendungen nicht schnell genug gewachsen sei, sagte Plattner. SAP habe zehn Jahre lang mobile Software entwickelt, ohne eine große Marktdurchdringung zu erreichen. "Jetzt, mit der Sybase-Plattform, haben wir ein ganz anderes Spielfeld, weil wir praktisch alle modernen mobilen Geräte auf einen Schlag erreichen können", so Plattner.
Mit Blick auf Cloud-Anwendungen hatte SAP große Hoffnungen in das 2007 erstmals vorgestellte Business-ByDesign-Produkt gesetzt. Es bietet mittelgroßen Firmen internet-basierte Unternehmenssoftware auf Mietbasis an. Nach Startschwierigkeiten wurden die Ziele hier aber auf 1.000 Kunden zum Jahresende 2011 eingedampft.
Zukäufe waren wichtig
Unternehmen wie SuccessFactors könnten mit kleineren, kostengünstigeren Cloud-Anwendungen sehr viel schneller auf eine größere Nutzerzahl kommen, sagte Plattner: "Warum ist SuccessFactors so interessant für SAP? Sie haben mehr als 15 Millionen Endnutzer." Gleichzeitig rechtfertigte der SAP-Aufsichtsratschef den von einigen als zu hoch kritisierten Preis für SuccessFactors. "Man darf nicht auf den momentanen Gewinn und auch nicht auf den Umsatz schauen, wichtig ist die Wachstumsrate des Umsatzes."
Mit den jüngsten Großeinkäufen unterscheidet sich die Entwicklung von SAP, die bis zur Übernahme des Datenanalysespezialisten Business Objects im Jahr 2008 vor allem auf organisches Wachstum gesetzt hatte, inzwischen kaum noch von der Milliarden verschlingenden Einkaufsstrategie von Oracle. Der Konkurrent aus dem kalifornischen Redwood Shores hat seit 2005 mehr als 80 Übernahmen im Wert von über 40 Milliarden Dollar gestemmt.
Oracles Strategie, Unternehmen wie Peoplesoft, JD Edwards, Siebel Systems oder Retek zu kaufen, die das gleiche machen wie Oracle, habe er früher nicht für erfolgversprechend gehalten, räumte Plattner ein. In Richtung des Konkurrenten erkennt er jetzt aber an: "Oracle hat uns eines Besseren belehrt."
-Von Philip Grontzki und Jörn Rehren, Wall Street Journal Deutschland;
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