von Stephan Bauer, Euro am Sonntag
Am Ende war es Joe Hogan einfach zu teuer. „Wir bleiben bei unserem disziplinierten Ansatz“, begründete der Chef des Schweizer Industriekonzerns ABB den Rückzug aus dem Bietergefecht um den britischen Energietechnikspezialisten Chloride. US-Rivale Emerson Electric hatte die Schweizer deutlich überboten: Die Amerikaner zahlen rund 1,5 Milliarden Dollar für den vergleichsweise kleinen Anbieter von Systemen für unterbrechungsfreie Stromversorgung.
ABB überboten, die Chloride-Aktionäre beglückt: Rund 80 Prozent Prämie auf den letzten Kurs vor Beginn des Pokers zwischen den Industrieriesen hatte Emerson draufgelegt. „Ein kritischer Preis“, mäkelten nicht nur Analysten der Deutschen Bank. Offenbar hatte sich David Farr, der Vorstand des Konzerns, der wie ABB einen Gutteil seines Umsatzes mit Ausrüstung für Energienetze erwirtschaftet, von den Geschäftsaussichten der Briten verführen lassen.
Chloride ist eine bekannte Marke im wachsenden Markt für Sicherheitssysteme in der Energieinfrastruktur. Die Briten verfügen zudem über gute Kontakte zu Kunden aus dem Dienstleistungssektor, zu Hospitälern, Flughäfen oder Datenzentren. Daran war auch ABB-Chef Hogan interessiert, schließlich verkaufen Schweizer ihre Produkte vor allem an Energieversorger oder die Öl- und petrochemische Industrie.
Chloride war nicht die erste Übernahmeattacke im Bereich der sogenannten Smart Grids, die der weltweit führende Hersteller von Energietechnik unternommen hat. Anfang Mai war ABB beim US-Unternehmen Ventyx erfolgreich. Die Schweizer zahlten rund eine Milliarde Dollar für den Anbieter von Systemen zur intelligenten Steuerung von Stromnetzen. Das Unternehmen stellt Software etwa für die Planung und Prognose des Strombedarfs oder zur Vorhersage von schwankenden Stromangebotsmengen her.
Die Akquisitionen zeigen, dass bei den Konzernen das Thema Smart Grids herausragende Priorität hat. Anbieter wie ABB, Emerson oder Siemens investieren mit Zukäufen, aber auch mit hohen Entwicklungsausgaben in die Netztechnik der Zukunft.
Höhere Anforderungen machen dabei schlauere, weil leistungsfähigere Stromnetze unabdingbar. Denn zum einen steigt der Energiebedarf weltweit. Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur IEA soll sich der Stromverbrauch bis zum Jahr 2035 in etwa verdoppeln. Zudem wird der Anteil der regenerativen Energien beträchtlich steigen.
Doch was dem Klima nützt, ist für die Netze eine Last: Denn das Angebot an grünem Strom schwankt stark, Sonnenschein und Windkraft sind zudem nicht vorhersehbar. Das stresst die auf gleichmäßige Leistungsabgabe großer Kraftwerke ausgelegten Netze von heute – und führt im Extremfall zum Blackout.
Überdies muss die Netzarchitektur grundlegend überarbeitet werden. Kohle- oder Nuklearkraftwerke stehen meist in der Nähe der Industriezentren. Künftig müssen hingegen große Mengen grünen Stroms über weite Strecken transportiert werden – etwa von den Offshore-Windparks der Nordsee in die Industriezentren Süddeutschlands.
Für die Infrastrukturanbieter birgt der Umbau der Netze große Umsatzchancen. Nach Schätzungen der IEA bietet der Markt in den kommenden Jahrzehnten ein Geschäftsvolumen von mehreren Billionen Dollar. Das mag sehr hoch gegriffen sein. Doch auch auf Basis konservativer Kalkulationen deutscher Topkonzerne hat das Geschäftsfeld große Attraktivität. „Der Markt wächst deutlich schneller als die klassische Stromnetzinfrastruktur“, sagt etwa Ralf Christian, Leiter der Sparte
Energieverteilung bei Siemens.
Was Ingenieure dabei leisten, zeigen etwa Stromtrassen mit modernster Technik. Während herkömmliche Wechselstromleitungen rund 30 Prozent der Energie als Abwärme verbraten, bringen Stromautobahnen auf Gleichstrombasis (HGÜ) fast die gesamte Energie dorthin, wo sie benötigt wird. Konzerne wie ABB oder Siemens verbuchen damit bereits Milliardenaufträge vor allem in Ländern mit hohen Infrastrukturinvestitionen wie China oder Indien. HGÜ-Leitungen verbinden überdies die ersten Offshore-Parks in der Nordsee mit dem deutschen Festland.

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Auch das Management der Verteilernetze muss den neuen Anforderungen gewachsen sein. Deshalb investieren Netzbetreiber bereits in Transformatortechnologien, die Softwareschnittstellen aufweisen und sich damit auch später noch in komplexere Netzumgebungen integrieren lassen. Zudem rüsten sich immer mehr Unternehmen mit Speichertechnik oder Kleinstkraftwerken für kommende Zeiten, in denen Strom weniger gleichmäßig fließen könnte, als dies heute der Fall ist.
Intelligente Stromzähler, die kommunikationsfähig sind und etwa Tarifdaten der Versorger aufnehmen können, sind dabei ein Markt, der gerade in Fahrt kommt. Experten schätzen das globale Marktvolumen allein für dieses Segment auf über 100 Milliarden Dollar. Bereits Anfang kommenden Jahres fällt in der Europäischen Union nach dem Energiewirtschaftsgesetz der Startschuss für Strompreise, die je nach Tageszeit und Netzauslastung schwanken. Damit werden auch in Europa zunehmend Steuerungen in der Gebäudetechnik interessant, die Stromverbraucher dann einschalten, wenn der Strom günstig ist.
In den USA ist das Geschäft auch aufgrund staatlicher Förderung bereits in vollem Gange. Marktführer ist das Unternehmen Itron, das etwa die Hälfte des US-Markts abdeckt. Das Wachstum ist hoch. Allerdings droht wegen recht niedriger Marktzugangsbarrieren künftig verstärkt Konkurrenz. „Im Lauf des Jahres 2011 sind hier einige Börsengänge zu erwarten“, sagt Analyst Michael Horwitz von der US-Vermögensverwaltung Robert W. Baird.
Der Schutz gegen Stromausfälle ist jedoch ein Geschäftsfeld, das bereits jetzt weit entwickelt ist. Schließlich müssen heute schon viele Unternehmen ihre Produktionsprozesse oder IT-Strukturen vor Blackouts schützen. Instabilere Netzumgebungen dürften diesen Trend künftig weiter verstärken. „Das Wachstum beträgt heute acht bis 15 Prozent pro Jahr. Das ist ein Zukunftsmarkt“, sagt Volker Stoll, Infrastrukturexperte bei der Landesbank Baden-Württemberg.
Bildquellen: BMU/H.-G. Oed