von Christian P. Illek, Gastautor von Euro am Sonntag
Der Grundsatz der Chancengleichheit ist seit 1949 in Artikel 3 des Grundgesetzes fest verankert. Doch zwischen Anspruch und Realität klafft in Deutschland häufig eine große Lücke. Im Rahmen der wachsenden Digitalisierung unserer Gesellschaft ist zunehmend von einem „digital divide“, also einer digitalen Kluft die Rede. Hier müssen Wirtschaft und Politik rechtzeitig gegensteuern, denn die Teilhabe aller Bürger an der digitalen Gesellschaft muss im Sinne der Chancengleichheit gesichert sein und ist Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg in Deutschland.
In einer aktuellen Umfrage von Microsoft und der Gesellschaft für Konsumforschung fordern bereits 43,3 Prozent der Deutschen einen Rechtsanspruch auf Teilhabe an der Informationstechnik und am Internet. In der Altersklasse der 16- bis 29-Jährigen, den sogenannten Digital Natives, verlangt sogar jeder zweite (51,3 Prozent) diesen Anspruch. Auffällig ist auch, dass der Wert in strukturschwachen Bundesländern wie Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg oder Thüringen bei deutlich über 50 Prozent liegt.
Grundvoraussetzung dafür ist eine flächendeckende Breitbandanbindung. Doch vor allem ländliche Regionen werden durch eine mangelhafte Versorgung immer noch klar benachteiligt. Der Breitbandatlas des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWI) und des TÜV Rheinland von 2012 zeigt, dass noch immer nicht alle Regionen über schnelle Breitbandanbindungen verfügen. Bei allen Fortschritten ist nüchtern festzustellen: Nur acht Prozent der ländlichen Regionen sind mit einer Hochleistungsverbindung von 50 Megabit pro Sekunde versorgt. In den Städten sind es dagegen fast 75 Prozent. Damit ist die regionale Wirtschaft durch die wachsende Bedeutung des Onlinehandels und der globalen Vernetzung langfristig nicht mehr konkurrenzfähig.
Darüber hinaus ist auch die Nutzung des Internets immer noch nicht für alle Bürger selbstverständlich oder gar möglich. Während über 90 Prozent der Bürger mit Abitur das Internet nutzen, stagniert der Anteil der Nutzer mit einfacher Bildung gegenüber dem Vorjahr bei 60 Prozent. Das stellte der
„(N)Onliner Atlas D21“, eine Initiative von TNS Infratest und namhaften deutschen Unternehmen, bei einer Befragung von 30.000 Internetnutzern in diesem Sommer fest.
Diese Zahlen warnen vor zu viel Optimismus, dass Deutschland in der digitalen Welt bereits angekommen sei. Vor allem ältere sowie einkommensschwache Bürger laufen Gefahr, bei der zunehmenden Digitalisierung abgehängt zu werden. Dabei könnten gerade diese Gruppen am meisten von der Internetnutzung profitieren: E-Health erleichtert zum Beispiel die gesundheitliche Versorgung über große Distanzen und gibt älteren und chronisch kranken Menschen mehr Autarkie zurück, E-Government ermöglicht Behördengänge online und verkürzt Wartezeiten und Wege, E-Learning ermöglicht eine gezielte und individualisierte Förderung im Bildungsbereich und macht Bildung für jeden von fast jedem Ort aus zugänglich.
Darüber hinaus bietet E-Working (mobiles Arbeiten) neue Arbeitsmodelle mit mehr zeitlicher und räumlicher Flexibilität. Damit lassen sich nicht nur Familie und Beruf besser vereinbaren, sondern es können auch strukturschwache Regionen mit mobilen Arbeitsplätzen gestärkt werden. In vielen Berufen sind Mitarbeiter längst nicht mehr an einen festen Standort gebunden. In Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels könnte das für viele Firmen ein echtes „Add-on“ bei der Bewerbersuche werden. Warum sollte der gewünschte Kandidat nicht weiter bei seiner Familie auf dem Land oder auch auf einer Insel in der Nordsee wohnen?
Wirtschaft und Politik müssen
Digitalisierung fördern
Eine hohe IT- und Medienkompetenz ist deshalb schon heute Voraussetzung für eine erfolgreiche berufliche Karriere. Der Grundstein dafür muss frühzeitig in der schulischen Ausbildung gelegt werden. Ein Lehrplan ohne IT ist nicht mehr zeitgemäß und stellt die Wirtschaft durch fehlenden kompetenten Nachwuchs langfristig vor Probleme. Nach aktuellen Zahlen des Branchenverbands Bitkom leiden derzeit rund 57 Prozent aller Unternehmen aus der ITK-Branche unter fehlendem und gut ausgebildetem Personal. Etwa 40.000 Stellen können derzeit deshalb nicht oder nur schwer besetzt werden.
Die digitale Kompetenz der Mitarbeiter ist dabei ein grundlegender Erfolgsfaktor in der heutigen Wissensgesellschaft. Sie entscheidet über die Innovationsfähigkeit und den Erfolg der deutschen Wirtschaft im internationalen Wettbewerb. Doch eine gute IT- und Medienkompetenz ist heute keine Frage von Bildungsplänen, sondern von der individuellen Ausstattung von Schulen, des persönlichen Engagements der Lehrer und zunehmend auch des Einflusses der Eltern. Damit wird der Anspruch der Chancengleichheit schon frühzeitig ad absurdum geführt. Sie kann nur erreicht werden, wenn alle die gleichen Lernbedingungen zur Verfügung haben, um ihre Bildungspotenziale frei entfalten zu können — unabhängig von der sozialen Herkunft.
Darüber hinaus benötigt Deutschland (Weiter-)Bildungsangebote, die auf alle Altersklassen zugeschnitten sind. Aktuelle Studien zeigen, dass bereits ab der Altersklasse 50 plus die Medienkompetenz deutlich sinkt. Positive Erfahrungen, zum Beispiel durch das Skypen mit den Enkelkindern, schüren aber auch in diesen Altersklassen das Interesse für neue Technologien. Menschen, die häufig Informationstechnologien nutzen, sind deutlich offener gegenüber Innovationen. Die Skepsis und Unsicherheiten bei Nichtnutzern sind dagegen überproportional hoch. Für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung müssen aber gerade auch die „analogen“ Teile der Bevölkerung auf den Weg in die Digitalisierung mitgenommen werden.
E-Government, E-Health, E-Learning und E-Working finden aber nur Akzeptanz, wenn niemand zurückbleibt. Abgesehen vom gesellschaftlichen Nutzen lassen sich auch nur so die wirtschaftlichen Vorteile, zum Beispiel Effizienzeffekte durch Vernetzung, erzielen. Statt im Nachhinein mühsam digitale Klüfte zu überwinden, müssen Politik und Wirtschaft frühzeitig Lösungen für die Integration aller Bevölkerungsschichten entwickeln.Dazu zählt auch eine einfache Bedienbarkeit der Oberflächen. Diese Forderung richtet sich vor allem an uns als Softwarehersteller.
Es ist unsere Aufgabe als Unternehmen, uns der Debatte um Datenschutz, Sicherheit und Transparenz von IT-Technologien zu stellen. Wir müssen einer möglichst breiten Nutzerschaft den Zugang zu neuen ITK-Technologien ermöglichen, um rechtzeitig einer digitalen Spaltung entgegenzuwirken.
zur Person:
Christian P. Illek,
Vorsitzender der
Geschäftsführung von Microsoft Deutschland
Illek studierte Chemie und Betriebswirtschaftslehre in Düsseldorf und München, er startete seine berufliche Laufbahn 1989 an der Münchner Universität. Seit September dieses Jahres leitet
Illek Microsoft Deutschland und ist Area Vice President International. Zuvor arbeitete er in verschiedenen Führungspositionen bei der Deutschen Telekom, Bain & Company und Dell.
Microsoft Deutschland ist die 1983 gegründete Tochtergesellschaft der Microsoft Corporation, des weltweit führenden Herstellers von Standardsoftware, Services und Lösungen. Neben der Firmenzentrale in Unterschleißheim bei München ist Microsoft Deutschland bundesweit mit sechs Regionalbüros vertreten und beschäftigt rund 2.700 Mitarbeiter.