aktualisiert: 07.11.2012 11:13

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€uro am Sonntag

INTERVIEW

China-Experte: Das Land braucht ein neues Wachstumsmodell



Pat Chovanec, Wirtschafts-Professor
Der renommierte China-Experte und Wirtschafts-Professor Patrick Chovanec über die Herausforderungen des Riesenreichs.

Pat Chovanec, Wirtschafts-Professor an Chinas bester Universität, Gastdozent in Harvard und an Chinas Parteischule, Berater zahlreicher Unternehmen und Investoren, ist einer der gefragtesten China-Kenner. Wie er den Reformwillen der Partei einschätzt.

€uro am Sonntag: Herr Chova­nec, die Zahlen besagen, dass die chinesische Wirtschaft im dritten Quartal ihren Tiefpunkt erreicht hat. Sie sind skeptischer. Warum?
Patrick Chovanec:
In China darf man nicht nur auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schauen, sondern muss andere Kennzahlen berücksichtigen: Stahlpreise etwa, den Stromverbrauch, den Immobilienmarkt oder die Auslastung von Schiffen. Und diese Zahlen weisen keineswegs auf eine Erholung hin.

Warum ist das BIP-Wachstum in China so wenig aussagekräftig?
Knapp fünf Prozentpunkte des letztjährigen Wirtschaftswachstums resultieren aus den 500-Mil­liarden-Dollar-Konjunkturpaketen, die die Regierung 2008 und 2009 aufgelegt hat, um die Folgen der Finanzkrise abzumildern. Um wieder Wachstumsraten wie im vergangenen Jahr zu erreichen, müsste die Regierung ein neues, mindestens so großes Investitionsprogramm initiieren. Das allerdings würde das Problem nur verschärfen.

Welches Problem?
Das chinesische Wachstum basiert auf Investitionen, nicht auf Konsum. Dadurch entsteht aber keine echte Wertschöpfung. China ist in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen, indem es den Binnenkonsum klein gehalten und Exporte gefördert hat, etwa durch eine Unterbewertung seiner Währung oder geringe Zinsen. Das ging aber nur gut, solange der Rest der Welt diese Ungleichheit ausgleichen konnte.

Aber nun ist China die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde, und seine Hauptabnehmer USA und ­Europa stecken in einer Krise.
Genau das ist das Problem. In den vergangenen drei bis vier Jahren seit Ausbruch der Finanzkrise ist dieses Wachstumsmodell an seine Grenzen gestoßen. Aber statt es zu reformieren, hat die Regierung es durch Stimuli am Leben erhalten. Dadurch entstanden Überkapazitäten, sei es im Immobiliensektor oder in der Produktion.

Welche Reformen sind nötig, um diese Probleme zu lösen?
Das Wichtigste ist, dass China loskommt von seiner Obsession, bestimmte Wachstumsziele zu erreichen. Außerdem muss es sein Bankensystem reformieren. Dort müssen Verluste realisiert und höhere Zinsen zugelassen werden. Des Weiteren sollte die Währung weiter liberalisiert und aufgewertet werden. Nicht zuletzt ist dringend eine Steuerreform nötig. All dies dient dazu, die Kaufkraft zu erhöhen und den Konsum anzukurbeln.

Glauben Sie, dass die neue Parteispitze diese Reformen angeht?
Viele Parteimitglieder haben in den vergangenen 30 Jahren finanziell erheblich von den Reformen Deng Xiaopings profitiert. Künftige Reformen würden dieses Privileg vermutlich eher abschaffen. Der Reformwille der neuen Parteiführung dürfte daher begrenzt sein. Dennoch glaube ich, dass kein Weg daran vorbeiführt. Schon vor drei Jahren hätte es Reformen geben müssen. Und: Je länger sie aufgeschoben werden, desto schmerzhafter werden sie.

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