von S. Parplies und K. Schachinger, €uro am Sonntag
Euro am Sonntag: Herr Wolf, die Rabatte der Autobauer steigen, der
westlichen Welt droht eine Rezession, das Wachstum in den Schwellenländern
schwächt sich ab. Rutscht die Automobilindustrie in eine neue Krise?
Stefan Wolf: 2012 wird für die Automobilindustrie ein Jahr der Stagnation,
aber auf einem hohen Niveau. Man darf nicht vergessen, dass viele
Unternehmen heute mehr Umsatz erzielen also vor der Branchenkrise 2008/
2009.
Wer sind die Gewinner, wer verliert?
Der westeuropäische Markt wird durch die Euro-Krise deutlich nach unten
gehen. Vor allem in Südeuropa werden weniger Autos verkauft. Das dürfte
überproportional die Hersteller treffen, die einen hohen Umsatzanteil in
diesen Ländern erzielen; Die deutschen Hersteller werden wahrscheinlich ganz
gut wegkommen, weil ich den Export vor allem im Premium-Segment weiterhin
auf relativ hohem Niveau sehe. Der amerikanische Markt wird weiter gut
laufen, auch die asiatischen Schwellenländer.
Aber auch in China schwächt sich die Dynamik deutlich ab.
Die Autoindustrie wird dort keine Wachstumsraten mehr von 20 Prozent sehen.
Nicht weil der Markt zusammenbricht, sondern weil die Vergleichsbasis
deutlich höher ist. Wir reden bei China inzwischen von 12 bis 13 Millionen
verkauften Pkw sechs bis sieben Prozent im Jahr zusätzlich sind nicht
schlecht.
Was passiert, wenn die Krise trotzdem eskaliert?
Die Ausgangslage ist anders als 2008. Damals hatten die Hersteller immens
hohe Lagerbestände. Deshalb haben sie die Produktion fast auf null
runtergefahren. Heute sind die Lagerbestände extrem niedrig. Die Hersteller
werden also weiter produzieren. Wenn ein bisschen weniger produziert wird,
wäre das für die Zulieferer gar nicht mal so schlecht.
Wie das?
Wir hatten zuletzt mit den klassischen Problemen einer Überproduktion zu
kämpfen. Die Anlagen waren zum Teil 24 Stunden, sieben Tage die Wochen in
Betrieb. Das bedeutet: Wochenendzuschläge, Überstunden, Sonderfrachten das
kostet alles Geld. Sie können in so einer Phase auch nicht Rationalisieren
oder Maschinen modernisieren, weil die Zeit fehlt. Unter dem Strich kommt
zwar viel mehr Umsatz rein, aber ein erheblicher Teil wird durch zusätzliche
Kosten aufgefressen.

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Banken haben angekündigt, die Kreditvergabe einzuschränken. Wie stark
bedroht das die Automobilzulieferer?
Es wird schwieriger, ganz klar. Auch weil die Umsatzschwankungen im
Automobilgeschäfte größer geworden sind.
Verstärken auch die Hersteller den Kostendruck auf die Zulieferer?
Als Zulieferer stehen sie ständig unter Druck, egal wie sich das
gesamtwirtschaftliche Umfeld entwickelt. Unsere Kunden wollen jedes Jahr
Preisreduzierungen sehen. Das müssen sie immer wieder durch höhere
Produktivität überkompensieren.
Wie geht ElringKlinger damit um?
Wir sind in der angenehmen Situation, dass wir mit unseren Produkten in
vielen Bereichen eine technologisch führende Stellung haben. Dadurch haben
wir gute Argumente. Und man muss auch mal Nein sagen. Wir müssen in der Lage
sein, auskömmliche Preise zu erzielen, um zum Beispiel in Forschung und
Entwicklung investieren zu können.
Als großer Zulieferer haben Sie außerdem den Vorteil, dass Sie die eigenen
Zulieferer drücken können.
Das stimmt, aber man muss fair mit den Geschäftspartnern umgehen. Die
Automobilindustrie ist so stark vernetzt, dass die Produktion sehr schnell
still steht, wenn zwei oder drei wesentliche Lieferanten wegbrechen. Die
Hersteller haben während der letzten Krise in Not geratene Zulieferer
finanziell unterstützen müssen, das hat Geld gekostet. Einige Hersteller
haben ihre Lehren daraus gezogen, andere agieren weiter wie zuvor.
Wie beurteilen Sie den finanziellen Zustand der Zuliefererindustrie?
ElringKlinger muss sich keine Sorgen machen. Wir hatten selbst während der
Finanzkrise eine zweistellige Ebit-Marge. Vor allem kleinere Zulieferer aber
haben 2008/09 Kapital aufgezehrt und noch nicht wieder aufgebaut. Wenn es
tatsächlich wieder zu einer extremen Krisensituation kommen sollte, wären
die Auswirkungen dramatisch. Die Branchenkonsolidierung wird sich
fortsetzen.
Das große Zukunftsthema ist auch für die Automobilindustrie die
Umweltverträglichkeit. Wie lange wird es dauern, bis der Verbrennungsmotor
eingemottet wird?
Der Verbrennungsmotor wird an Bedeutung verlieren, aber er wird nicht über
Nacht ausrangiert. Ich erwarte einen Prozess, der sich über 20, 25 Jahre
hinzieht. Trotzdem müssen wir uns als Unternehmen schon heute vorbereiten.
Batterie oder Brennstoffzelle - was ist die Zukunft?
Die Brennstoffzelle ist in der Theorie überlegen, weil die Energie anders
als bei einer Lithiumionenbatterie im Fahrzeug selbst erzeugt wird. Das
Problem ist, dass die Erzeugung von künstlichem Wasserstoff bislang so
energieintensiv ist, dass die Brennstoffzelle nicht mit dem
Verbrennungsmotor konkurrieren kann. Nach dem heutigen Stand der Technik ist
deshalb ein hochentwickelter Verbrennungsmotor mit wenig Hubraum auf
absehbare Zeit am CO2-effizientesten.
ElringKlinger hat vor gut einem Jahr den Geschäftsbereich E-Mobility
gegründet. Können Sie sich bei der Entwicklung neuer Technologien überhaupt
gegen große Rivalen wie Bosch durchsetzen?
Das haben wir bereits bewiesen. Wir haben zum Beispiel besonders
leistungsfähige Zellkontaktiersysteme für Lithiumionenbatterien entwickelt.
Dabei hat uns unser Knowhow bei Zylinderkopfdichtungen sehr geholfen. Auch
beim Thema Brennstoffzelle gibt es konkrete Projekte.
Sie sagten, E-Mobilty könne mittelfristig der größte Geschäftsbereich bei
ElringKlinger werden. Ist das wirklich realistisch?
Allein deshalb, weil die Produkte deutlich teurer sind. Eine
Zylinderkopfdichtung kostet pro Stück häufig zwischen drei und sechs Euro.
Bei Kontaktiersystemen in Hybriden und Elektrofahrzeugen reden wir von 150
Euro und mehr bis hin zu etwa 600 Euro, die wir im Brennstoffzellenbereich
erzielen können.
Trotzdem ist E-Mobility ein kleiner Umsatzposten für ElringKlinger.
Wir haben bereits Aufträge eines großen deutschen Premiumherstellers und
zahlreiche Entwicklungsprojekte. Ich gehe davon aus,dass wir in den nächsten
vier Jahren mehr als 50 Millionen Euro Umsatz im Bereich E-Mobility machen.
Bildquellen: ElringKlinger AG