26.11.2012 03:00
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Aareal Bank-Chef: "Müssen aufhören, das Investment-Banking zu verteufeln"

Chef der Aareal Bank sieht deutliche Signale der Erholung in der Finanzbranche
Interview Exklusiv
Wolf Schumacher, der Chef der Aareal Bank sieht deutliche Signale der Erholung in der Finanzbranche. Gleichzeitig fordert er ein Regulierungsmoratorium bis 2015 — ansonsten drohe neues Chaos.
€uro am Sonntag

von Wolfgang Ehrensberger, Euro am Sonntag

Günstigere Refinanzierung, verbesserte Kapitalausstattung — Europas Banken haben nach Einschätzung von Wolf Schumacher Fortschritte gemacht. Dennoch warnt der Aareal-Bank-Chef vor Entwicklungen, die für das Finanzsystem höchst gefährlich werden könnten.

€uro am Sonntag: Haben wir den Scheitelpunkt der Finanzmarktkrise bereits überschritten?
Wolf Schumacher:
Für eine Entwarnung ist es sicher noch zu früh. Was wir aber jetzt sehen, sind tatsächlich Signale für eine Entspannung, sowohl in der Euroschuldenkrise als auch in der Finanzmarktkrise. In vielen Punkten wurden wesentliche Fortschritte erzielt, und in den Krisenstaaten werden viele Themen richtig angegangen.

Es ist zweifelhafter denn je, dass gerade Griechenland alle Kredite jemals zurückzahlen kann. Braucht das Land einen zweiten Schuldenschnitt?
Die Stützungsmaßnahmen für Griechenland sind richtig — das gilt für die Anleihekäufe durch die EZB ebenso wie für die politische Unterstützung durch die anderen europäischen Regierungen. Trotzdem bleibt viel zu tun. Daran würde auch ein zweiter Schuldenschnitt nichts ändern, wenn er nicht mit weiteren Reformen einherginge. Darüber hinaus werden wir die Krise ohne Wachstumsimpulse nicht bewältigen können. Wir brauchen insofern eine Art Marshall-Plan für Griechenland. Und wir müssen uns im Klaren sein: Wir brauchen Geduld. Die Themen Staatsschuldenkrise, Finanzmarktkrise und Rezession in den südeuropäischen Ländern sind nicht in wenigen Monaten zu klären. Ich persönlich rechne eher mit fünf bis acht Jahren.

Sehen Sie immer noch die Gefahr größerer Bankpleiten?
Die Frage ist schwer zu beantworten. Die Banken haben jedoch deutliche Fortschritte gemacht, abzulesen etwa an der verbesserten Kapitalausstattung der meisten Institute. Das ist auch das Ergebnis einer Politik, die der Branche etwas mehr Planungssicherheit gibt — Stichwort Fiskalunion. Eine einheitliche Bankenaufsicht wäre ein wichtiger Teil dieses Ordnungsrahmens.

Gerade bei der Bankenaufsicht sind zentrale Fragen in der EU aber nach wie vor ungelöst. Lässt sich zumindest der rechtliche Rahmen noch bis Jahresende abstecken?
Die Komplexität dieses Themas ist immens. Wir müssen aufpassen, dass in der Diskussion nicht das große Ganze aus dem Blick verschwindet und wir uns im Klein-klein verlieren. Deshalb sehe ich es auch kritisch, wenn bei einer gemeinsamen Bankenaufsicht nicht von Anfang an alle europäischen Länder — auch Nichteuroländer wie Großbritannien — gleichberechtigt dabei sind. Hier müsste klar die Devise „alle oder keiner“ gelten.

Die künftige Bankenaufsicht soll bei der Europäischen Zentralbank angesiedelt sein. Wie kann man den drohenden Zielkonflikt zwischen Aufsicht und Geldpolitik lösen?
Die Unabhängigkeit der EZB muss auf jeden Fall sichergestellt werden, und mit Blick auf die Aufsichtsfunktionen müssen klare interne Grenzen, sogenannte Chinese Walls, gezogen werden. Auch die Schnittstelle zur Europäischen Banken­aufsichtsbehörde EBA muss geklärt werden. Wenn man das hinbekommt, wird es mit einer Aufsichtsfunktion bei der EZB klappen.

Ungeklärt ist insbesondere die künftige Arbeitsaufteilung ­zwischen EZB und den nationalen Behörden wie der deutschen ­Finanzaufsicht Bafin. Welche ­Aufteilung wäre sinnvoll?
Als Vorstand eines beaufsichtigten Instituts sollte ich nicht über die Aufteilung von Kompetenzen zwischen europäischen und nationalen Auf­sehern philosophieren. Wichtig ist: Wir brauchen kein Mehr an Büro­kratie, sondern eine schlagkräftige, effiziente Aufsicht. Als Europäer bin ich darüber hinaus aber klar für eine einheitliche Bankenaufsicht, weil das ein weiterer Schritt in Richtung vereintes Europa ist. Allerdings müssen dann auch für alle Banken die gleichen Regeln gelten.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Wir müssen in der Tat aufpassen, dass wir den Bogen nicht überspannen. Banken sind Wirtschaftsunternehmen und müssen Gewinne erwirtschaften. Bei einer vernünftigen, zielgerichteten Regulierung gibt es aber tatsächlich noch erheblichen Verbesserungsbedarf, denn die kumulierten Auswirkungen der neuen Vorschriften hat bis heute ­niemand untersucht.

Was fordern Sie konkret?
Ich hätte mir in erster Linie einen Zeitplan gewünscht, der endlich Klarheit bringt. Die Branche weiß bis heute nicht, wann die verschärften Eigenkapitalregeln nach Basel III nun genau eingeführt werden. Müssen wir schon zum 1. Januar 2013 damit rechnen oder nicht?

Haben Sie nicht erklärt, dass Ihre Bank die Regeln schon erfüllt?
Auch wenn die Aareal Bank alle Kriterien von Basel III bereits heute vorzeitig voll erfüllt: Diese Planungs­unsicherheit hilft niemandem. Hier sind Politik und Aufsicht aufgefordert, schnell einen realistischen Fahrplan zu veröffentlichen. Die Banken müssen ja Millionenbeträge investieren, um das organisatorisch abbilden zu können. Hinzu kommt: Wir haben Basel III noch nicht einmal richtig eingeführt, da sprechen wir schon über weiterführende Regulierungsmaßnahmen. Damit haben wir doch keine Chance, überhaupt festzustellen, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Ich hielte deshalb ein Regulationsmoratorium bis Ende 2015 für sinnvoll, um die Dinge, die angeschoben sind und an denen seit geraumer Zeit gearbeitet wird, auch ordnungsgemäß und fristgerecht umsetzen zu können.

Die USA sind dabei, die Einführung der Basel-III-Regeln zu verschieben. Wie sollten die Europäer da­rauf reagieren?
Diese Überlegungen sind für das ­Finanzsystem hochgefährlich, weil wir dann wieder keine einheitliche Regulierung hätten und es zu Wettbewerbsverzerrungen kommen würde. Hier ist klar die Politik gefordert. Gleichwohl kann die Lösung für uns Europäer nur lauten, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen. Wir sind so weit vorangegangen in den vergangenen drei Jahren, da können wir nicht auf halber Strecke stehen bleiben.

Um die Gefahr von Bankenschief­lagen zu reduzieren, wird auch eine Trennung des Investment­bankings vom normalen Bank­geschäft diskutiert. Wäre das aus Ihrer Sicht sinnvoll?
Diese Diskussion geht doch am Thema vorbei. Eine Trennung würde kaum dazu führen, eine Bankenkrise zu verhindern. Sie würde aber neue Schnittstellen schaffen, höhere Komplexität und höhere Kosten, die automatisch an die Kunden weitergegeben würden. Wir müssen endlich damit aufhören, das Investmentbanking in toto zu verteufeln. Es ist eine wichtige Bankdienstleistung für Kunden, aber auch für das Wachstum unserer Volkswirtschaft.

Die Aareal Bank profitiert davon, dass wichtige Wettbewerber wie die Commerzbank-Tochter Eurohypo aufgeben. Wie wird sich das auf Ihr Geschäft auswirken?
Wir sind eine der wenigen verbliebenen Banken, die international mit ­einem stabilen und tragfähigen Geschäftsmodell unterwegs sind. Der Marktaustritt einiger Wettbewerber ist für uns natürlich — auch im Neugeschäft — kein Nachteil. Für das Jahr 2012 wollen wir zwischen 4,5 und 5,5 Milliarden Euro Neugeschäft machen und werden wohl am oberen Ende dieses Zielkorridors herauskommen. Das wäre nach den auch durch unsere Kapitalerhöhung ermöglichten acht Milliarden Euro des Vorjahres ein sehr gutes Ergebnis.

Welche Entwicklung erwarten Sie im nächsten Jahr?
Wir werden dem Aufsichtsrat Mitte Dezember unsere neue Dreijahresplanung bis 2015 vorstellen. Unsere Ziele kann ich noch nicht nennen. Wir bleiben aber zuversichtlich.

Die Aareal Bank hat trotz robuster Verfassung Staatshilfen genommen. Wann wollen Sie die eigentlich zurückzahlen?
Auch wenn wir keinen Zeitdruck haben, wollen wir die stillen Einlagen des Rettungsfonds Soffin möglichst schnell zurückzahlen. Trotz einer gewissen Entspannung ist das Umfeld aber noch sehr herausfordernd. Außerdem ist nicht bekannt, wie die neuen EU-Eigenkapitalinstrumente im Detail ausgestaltet sein werden. Deshalb haben sich auch die entsprechenden Märkte noch nicht ­bilden können. Die Rahmenbedingungen sind also noch nicht so, dass wir diesen Schritt verantworten könnten.

Zur Person:

Bankmanager
mit sicherem Griff

Der gebürtige Freiburger startete seine Karriere 1988 bei der Hypo-Bank in München. Nach mehreren Führungsaufgaben bei der HVB und der DG Hyp übernahm der promovierte Jurist schließlich 2005 den Chefposten bei der Wiesbadener Aareal Bank, die er bislang ohne Verluste durch die Krise steuern konnte. Entspannung sucht der Manager am Wasser beim Fischen — und fängt nach eigener Darstellung schon mal eine Forelle mit bloßer Hand.

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