aktualisiert: 06.11.2012 17:34
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Chefökonom: "Deutschland könnte an einem Dauerboom zerbrechen"

Interview Exklusiv
Christopher Probyn, Chefvolkswirt bei State Street Global Advisors in Boston, erklärt im Interview mit Euro am Sonntag, wie sich Anleger derzeit positionieren sollten.
€uro am Sonntag

von Andreas Hohenadl, Euro am Sonntag

Mit einem verwalteten Vermögen von 1,9 Billionen US-Dollar ist State Street Global Advisors der weltweit größte Vermögensverwalter für institutionelle Anleger. Im Interview mit Euro am Sonntag erläutert Chefökonom Christopher Probyn die aktuelle Anlagestrategie des Hauses und wie sich die Probleme in Europa von denen der USA unterscheiden.

Euro am Sonntag: Herr Probyn, wie hat sich State Street Global Advisors aktuell an den Märkten positioniert?
Christopher Probyn: In unserem taktischen Musterdepot haben wir Industrieländer-Aktien und Unternehmensanleihen übergewichtet. In den Schwellenländern sind wir ein wenig untergewichtet, aber diese Position dürfte sich in nächster Zeit zumindest in Richtung "neutral" verschieben. Bei US-Staatsanleihen sind wir massiv untergewichtet. Und da wir keine Angst vor Inflation haben, sind auch inflationsindexierte Anleihen bei uns untergewichtet.

Denken Sie, dass Europas Politiker die Schuldenkrise je erfolgreich lösen können?
Ich erwarte, dass die Politik des Durchwurstelns erst einmal weitergeht. Doch Europa erkennt zunehmend, dass eine umfassende Lösung einen fundamentalen Wandel benötigt. Dass es keine Währungsunion gibt, wenn es keine Banken-Union und keine Vergemeinschaftung von Schulden – also eine Fiskalunion – gibt. Sie können keine Währungsunion zwischen Ländern mit so unterschiedlicher Industriestruktur haben, ohne eine gewisse Form von finanziellen Transfers zwischen diesen Ländern. Und Sie können kein Transfersystem aufbauen, ohne eine starke zentralisierte Regierung, sprich eine politische Union.

Was ist, wenn sich die Politiker nicht zu den harten Schritten durchringen?
Wenn Europa so weitermacht wie jetzt, zwingt es eine Reihe von Staaten zu chronischer Underperformance, während es Deutschland zu chronischer Overperformance leitet. Es kommt zu Arbeitskräftemangel, der Inflationsdruck nimmt zu, und Sie können nichts dagegen machen, weil Sie einen Dauerboom haben. Der Grund: Deutschland ist um 20 Prozent wettbewerbsfähiger als Italien. Deutschland boomt, weil es wettbewerbsfähig ist und seine Währung einen fixierten Wechselkurs hat. Italiens Wirtschaft leidet, weil sie nicht wettbewerbsfähig ist und der Wechselkurs fixiert ist.

Und wie kann man dieses Problem lösen?
Es gibt zwei Möglichkeiten: Italien kehrt zur Lira zurück und kann die Währung abwerten. Oder: Deutschland schickt Geld nach Italien, leistet also Transferzahlungen.

Was ist für Sie der wahrscheinlichere Ausgang in Europa?
Ich denke, Ihr werdet weitermachen. Auf dem Eurogipfel Mitte dieses Jahres haben sich die europäischen Politiker über einen Fahrplan hin zur Fiskalunion unterhalten. Und ebenso über eine Aufsicht der EZB über systemrelevante Banken. Wenn eine spanische Bank in Schieflage gerät, ist das künftig nicht mehr nur ein spanisches, sondern ein paneuropäisches Problem. Das ist ein wichtiger Schritt. Aber er wird nicht ausreichen. Um das Problem der unterschiedlichen Wettbewerbsfähigkeit zu lösen, braucht es auch eine Fiskalunion.

Nicht nur Europa, auch die USA kämpfen mit wirtschaftlichen Problemen und hoher Staatsverschuldung. Wie beurteilen Sie die Lage dort?
Die Situation in den USA und der Eurozone unterscheidet sich grundlegend. Wenn die USA ihre makroökonomischen Probleme in den Griff bekommen, dann kann sich das Land stabilisieren. Die USA haben nicht das Problem der divergierenden Wettbewerbsfähigkeit. Sie haben eine Banken-Union, eine Fiskal-Union und eine politische Union. Was die USA brauchen, ist eine bessere Politik. Die Eurozone benötigt eine bessere Politik und strukturelle Reformen.

Kann es in den USA eine bessere Politik geben angesichts des tiefen Zerwürfnisses zwischen den beiden großen Parteien?
Ich denke, der Ausgang der Wahlen wird in der Politik für eine Fokussierung sorgen, wie es sie seit zwei Jahren nicht mehr gegeben hat. Die beiden Kandidaten treten mit sehr verschiedenen Vorhaben an: Romney will die Steuersätze für alle Bürger senken, speziell für die Reichen. Obama dagegen sagt: Die Reichen zahlen noch nicht genug, also müssen wir sie noch stärker belangen. Doch nach der Wahl wird es sicherlich Zugeständnisse geben: Wenn beispielsweise Romney gewinnt, werden die Demokraten eingestehen müssen: Die Leute sind bereit, zu Gunsten niedrigerer Steuern auf die zuletzt eingeführten Wohlfahrtsprogramme zu verzichten.

Wäre ein Präsident Romney gut für die USA?
Ob Romney oder Obama – kurzfristig betrachtet macht das wohl keinen großen Unterschied. Es wird in jedem Fall einige Kompromisse geben, und es wird eine geteilte Regierung geben. Ich glaube nicht, dass die Republikaner die Mehrheit im Senat gewinnen, solange sie nicht ins Weiße Haus eingezogen sind. In der langfristigen Politik wird es aber große Unterschiede geben, je nachdem, ob Obama oder Romney gewinnt.

Auch in China steht demnächst ein Machtwechsel an. Denken Sie, dass die Wirtschaft der Volksrepublik unter der neuen Führung noch eine weiche Landung hinbekommt?
Aktuell sieht es so aus, als ob die weiche Landung ziemlich hart ausfällt. In diesem Jahr werden wir wohl 7,5 Prozent Wachstum haben, für das kommende Jahr erwarten wir acht Prozent. Gleichzeitig gibt es eine Reihe von chinesischen Gesprächspartnern, die uns sagen, dass ein erneutes Anziehen der Wachstumsraten nicht garantiert ist und dass 7,0 bis 7,5 Prozent die neue Normalität in China sein wird.

Was sind die Gründe dafür?
Zunächst einmal funktioniert das exportgetriebene Wachstumsmodell nicht mehr wie in früheren Zeiten. In China steigen die Löhne, und die Konkurrenz aus anderen Schwellenländern wächst. Zugleich wird aus Europa und den USA weniger nachgefragt, da diese Regionen mit schwachem Wachstum kämpfen. Es scheint, als ob Chinas Politiker schwächeres Wachstum tolerieren in einer Zeit, in der das exportgetriebene Modell schneller einbricht, als das konsumgetriebene Wachstumsmodell, das sie anstreben, an Fahrt aufnimmt. Die Ausrichtung auf einen stärkeren Binnenkonsum bedeutet schließlich, dass die Löhne und die Ausgaben für heimische Dienstleistungen im Land steigen. Sie können diesen Prozess nicht perfekt managen. Das heißt, dass Sie eine Phase geringeren Wachstums tolerieren müssen. So könnte die Wachstumsabschwächung, die wir momentan sehen, nicht nur zyklischer Natur sein. Es könnte sich um einen strukturellen Wachstumsrückgang handeln.

Die Antwort der großen Notenbanken auf Wachstumsschwäche ist es derzeit, die Märkte mit Geld zu fluten? Sehen Sie große Inflationsgefahren?
Nein. Die Sichtweise, wie Inflation entsteht, unterscheidet sich in Kontinentaleuropa stark von der Auffassung in der angelsächsischen Welt. In Kontinentaleuropa denkt man: Wenn ich heute mehr Geld drucke, habe ich morgen Inflation. In den USA und in Großbritannien ist die Auffassung: Wenn ich heute mehr Geld drucke, habe ich solange keine Probleme mit Inflation, so lange der Effekt auf die Realwirtschaft in Form sinkender Arbeitslosenzahlen ausbleibt. Fed-Chef Bernanke blickt auf die US-Arbeitslosenrate und sieht, dass sie immer noch über acht Prozent verharrt. Vollbeschäftigung ist für ihn bei einer Rate von 5,5 bis 6,0 erreicht. Also sagt er sich: Warum soll ich mir Sorgen machen? Ich kann so viel Geld drucken, wie ich will. Solange die Arbeitslosenrate nicht um zwei Prozentpunkte fällt, muss ich mich nicht vor Inflation fürchten. Und wenn die Arbeitslosenrate im Sinken ist, habe ich immer noch genügend Zeit, das Geld wieder aus der Wirtschaft rauszunehmen.

Können Sie erkennen, dass das Vorgehen des Fed-Chefs Früchte trägt?
Ich glaube nicht, dass Bernankes lockere Geldpolitik einen bedeutenden Effekt hat. Denn die Zinsen in den USA sind bereits sehr niedrig und Häuserkredite sehr billig. Das Problem ist: Viele Menschen, die liebend gern einen billigen Häuserkredit in Anspruch nehmen würden, können das nicht. Und andere wiederum brauchen die niedrigen Zinsen nicht, weil sie bereits ein Haus besitzen oder finanziert haben.

Bildquellen: Nagy-Bagoly Arpad / Shutterstock.com
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