31.12.2012 03:00
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Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Hatzius: „Kein Wachstum auf Pump“

Jan Hatzius
Interview Exklusiv
Jan Hatzius blickt optimistisch auf das kommende Jahr. Die Weltwirtschaft werde stärker wachsen als 2012, vor allem dank neuer Impulse aus China und Indien. Auch die Bewältigung der Schuldenkrise komme gut voran.
€uro am Sonntag

von Klaus Schachinger, Euro am Sonntag

Die Erholung am amerikanischen Häusermarkt wird sich auch im kommenden Jahr fortsetzen. Diese Entwicklung sei die große Überraschung für die größte Volkswirtschaft der Welt, sagt Jan Hatzius, Chefvolkswirt der US-Bank Goldman Sachs. Der gebürtige Heidelberger gehört zu den wenigen Experten weltweit, die rechtzeitig vor dem Platzen der US-Immobilienblase in diesem Markt gewarnt hatten. Der Zusammenbruch des Häusermarkts und die Pleite der US-Bank Lehman Brothers waren wesentliche Auslöser der globale Finanzkrise.

Positive Impulse sieht Hatzius auch beim privaten Konsum. So könnten die US-Bürger wie in der Zeit vor der Finanzkrise während der Feiertage wieder mehr Geld ausgeben und der US-Konjunktur damit zusätzlich auf die Sprünge helfen.

Konterkariert würden diese Effekte allerdings durch den fiskalpolitischen Gegenwind und höhere Ab­gaben im kommenden Jahr, die die Kauflaune der US-Bürger dämpften. Zudem werde der voraussichtliche Kompromiss im Haushaltsstreit zwischen Republikanern und Demokraten das Wachstum der US-Wirtschaft im kommendem Jahr im Vergleich zu 2012 um 1,75 Prozentpunkte bremsen, erläuterte Hatzius. Insgesamt rechnet der Volkswirt für das kommende Jahr mit einem globalen Wirtschaftswachstum auf dem Niveau von 2012, wobei die Konjunkturimpulse aus den Schwellenländern moderater ausfielen.

€uro am Sonntag: Herr Hatzius, die Goldman-Sachs-Prognose von 3,3 Prozent für das globale Wirtschaftswachstum für 2013 ist etwas höher als die drei Prozent für 2012. Sie liegt jedoch unter dem laut Goldman Sachs möglichen Potenzial von 4,2 Prozent. Warum?
Jan Hatzius: Wir sehen die Weltwirtschaft im kommenden Jahr mit einer ähnlichen Rate wachsen wie 2012. Die US-Wirtschaft bleibt zu Jahresanfang unter Druck, vor allem wegen des schärferen fiskalpolitischen Gegenwinds, und Europa ist durch die Schuldenkrise in die Rezession gerutscht und wird die Wende 2013 noch nicht schaffen.

Das kleine Plus im Vergleich zu 2012 wird also aus den Schwellenländern erwartet?
Ja. Das Tempo der Konjunktur in ­Indien und China wird zulegen, aber es wird klar unter dem Niveau von 2010 und 2011 bleiben. Damals wurde die Steigerung der Wirtschaftsleistung mit viel Kreditwachstum und einer deutlichen Zunahme der volkswirtschaftlichen Ungleichgewichte erkauft. Die Regierungen werden deshalb mit Konjunkturimpulsen vorsichtig sein. Um die Volkswirtschaften nicht zu überhitzen, werden sie darauf achten, dass der Zuwachs das lang­fristige, durchschnittliche Wachstum, auch Trendwachstum genannt, nicht überschreitet.

In welchem Bereich liegt das Trendwachstum für China?
Bei etwas über acht Prozent. Im laufenden Jahr liegt das Wachstum bei etwa 7,6 Prozent.

Wie wird sich die neue Beschei­denheit in der realen Wirtschaft bemerkbar machen?
Sowohl in China also auch in Indien sind die Produktionskapazitäten nahezu ausgelastet. Und es wird diesmal kein Wachstum auf Pump geben. Anders als bisher werden die Länder den Aufbau zusätzlicher Kapazitäten nicht mit Kreditwachstum fördern. In den meisten westlichen Industrieländern gibt es in der Produktion dagegen erhebliche freie Kapazitäten.

Was in den USA, der größten Volkswirtschaft der Welt, hohe Arbeitslosigkeit zur Folge hat. Besteht in Amerika weiter die Sorge, dass die globalen Auswirkungen der europäischen Schuldenkrise die Erholung der US-Wirtschaft gefährdet?
Diese Sorge hat deutlich abgenommen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat es in Kooperation mit der Bundesregierung geschafft, die Auswirkungen auf die Kapitalmärkte und damit auch auf Amerika deutlich zu verringern. Es ist ein großes Verdienst des EZB-Präsidenten Mario Draghi, große Maßnahmen wie den Bankenrettungsschirm und das Refinanzierungsprogramm für die Euroländer im Einklang mit Deutschland beschlossen zu haben.

Was läuft bei der Bewältigung der Schuldenkrise bisher nicht so gut?
Noch gibt es wenig Annäherung der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Kernländern und den Peripheriestaaten. Die europäischen Schuldenstaaten brauchen eine reale Wechselkursabwertung. Ohne eine nominale Abwertung funktioniert diese nur über Löhne und Preise, die in den Peripheriestaaten deutlich weniger stark steigen als in den Kernstaaten. Bis jetzt gibt es für eine solche Entwicklung aber nur vereinzelte Hinweise.

Was würde eine Wiederwahl von Italiens Ex-Ministerpräsident Berlusconi im Februar bedeuten?
Sie wäre ein Risiko für weitere Fortschritte in der Bewältigung der Schuldenkrise. Davon unabhängig wächst in der Bevölkerung der Euro-Peripheriestaaten aber der Unmut. Denn trotz der erheblichen Opfer, die von den Menschen bisher gebracht wurden, sind greifbare wirtschaftliche Fortschritte für die Bevölkerung dort nicht erkennbar. Das strapaziert die Geduld der Bürger ­erheblich. Bis zu dem Punkt, ab dem sie Regierungen wählen, die sich nicht mehr mit der EZB und der Wirtschaftspolitik in Kerneuropa abstimmen werden. Das politische Risiko der europäischen Schuldenkrise bleibt daher weiterhin hoch.

Wird sich Deutschlands Wirtschaft im kommenden Jahr ähnlich gut behaupten wie 2012?
Ja. Davon gehen wir aus. Im zweiten Halbjahr ist die Konjunktur zwar schwächer geworden. Das Wachstum sollte im Verlauf des kommenden Jahres aber wieder anziehen. Sowohl die börsennotierten Unternehmen als auch der deutsche Mittelstand profitiert davon, dass die Konjunktur in den Schwellenländern stärker wird. Für Deutschland erwarten wir deshalb ein Prozent Wachstum für 2013.

Der US-Häusermarkt erholt sich deutlich stärker als von Ihnen erwartet. Wie sieht es für 2013 aus?
Was wir sehen, ist eine kräftige Erholung auf dem Weg zurück in die Normalität. Der Aufstieg von der extrem niedrigen Bauaktivität mit 500 000 bis 600 000 Häusern pro Jahr auf ein normales Maß mit 1,5 Millionen Neubauten pro Jahr wird aber einige Jahre in Anspruch nehmen. Aktuell werden 800 000 Häuser pro Jahr fertiggestellt. Mit der Erholung der Häuserpreise steigt auch das Vermögen der Immobilienbesitzer. Einschließlich der Bauaktivität schätzen wir diesen positiven Effekt auf einen halben Prozentpunkt Wirtschaftswachstum für 2013.

Wird die US-Notenbank den Kauf von Hypothekenanleihen angesichts dieser positiven Entwicklung zurückfahren?
Nein. Ich nehme die Fed beim Wort, wenn sie sagt, dass sie die Käufe erst zurückführen wird, wenn die Arbeitslosenquote von derzeit 7,7 Prozent deutlich gesunken ist. Wir erwarten deshalb, dass es 2013 bei ­monatlichen Anleihekäufen im Wert von 85 Milliarden Dollar bleibt. Eine graduelle Rückführung wird es unseren Erwartungen nach erst 2014 geben. Die Einstellung der Käufe erwarten wir für 2015.

Ein Ende der Nullzinspolitik der Fed ist damit auch nicht in Sicht?
Nein. Wir erwarten höhere Leitzinsen erst 2016.

Bedeutet die positive Entwicklung am Häusermarkt auch mehr Zuversicht im privaten Sektor?
Ja. Der private Sektor hat im Durchschnitt einen großen finanziellen Überschuss, sodass weiterhin Schulden abgebaut werden. Allerdings sinkt dieser Überschuss allmählich, und damit steigen die Ausgaben im Verhältnis zu den Einnahmen. Das ist für sich genommen ein positiver Konjunkturimpuls, der allerdings durch den fiskalpolitischen Gegenwind konterkariert wird. Insgesamt sehen wir gute Fortschritte bei der Heilung der großen wirtschaftlichen Ungleichgewichte, die uns in die Krise geführt haben.

Was meinen Sie mit großen ­Ungleichgewichten?
Überbewertete Immobilienpreise und ein rapider Anstieg der Verschuldung im privaten Sektor.

Sie sagen, ein großer Teil der ­Arbeitslosigkeit in Amerika sei ­zyklisch. Wird die Arbeitslosigkeit mit der Unterstützung der Konjunktur durch den Häusermarkt jetzt schneller sinken?
Nein. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit hängt von einer ausreichenden Nachfrage ab. Die ist in einem konjunkturellen Umfeld, das auf einen Abbau der Staatsschulden ausgerichtet ist, aber schwer zu erreichen. Trotz der Niedrigzinspolitik der Fed und weiterer Maßnahmen der Notenbank war es auch bisher schwierig, mehr Nachfrage zu bekommen.

Viele US-Konzerne parken Reserven aus steuerlichen Gründen im Ausland. Könnten eine Rückführung des Kapitals und Investitionen in die US-Produktion zu einer wirtschaftlichen Erholung beitragen?
Es gibt kaum ein größeres Unternehmen, das seine US-Produktion deswegen nicht ausbauen würde, weil es dafür auf Reserven im Ausland zugreifen müsste. Derzeit gibt es viele Möglichkeiten, sich Geld günstig am Kapitalmarkt zu beschaffen. Ich bezweifle deshalb, dass eine Neuauflage des Homeland Investment Act aus dem vergangenen Jahrzehnt konjunkturelle Verbesserungen bringen würde. Das hat schon damals wenig bewirkt.

Kurzvita

Jan Hatzius,
Goldman Sachs
Jan Hatzius ist seit 2011 Chefvolkswirt der US-Bank Goldman Sachs. Zuvor war der 43-Jährige US-Chefvolkswirt der Bank. Der gebürtige Heidelberger kam 1997 zu Goldman Sachs und wechselte 1999 von Frankfurt nach New York. Als US-Chefökonom gehörte Hatzius zu den wenigen, die rechtzeitig vor dem Platzen der Spekulationsblase bei US-Immobilien gewarnt hatten. Er studierte an der University of Wisconsin und am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Hatzius ist mit einer Amerikanerin verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Bildquellen: Stern_Selection Goldman Sachs_Chantal Heijnen
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