Gottfried Heller zum ESM-Urteil: „Sanktionierter Vertragsbruch“

Euro am Sonntag: Das Bundesverfassungsgericht hat den Weg für den dauerhaften Euro-Rettungsschirm ESM grundsätzlich freigeräumt. Ist die Euro-Krise damit gelöst oder zumindest ein Wendepunkt erreicht?
Gottfried Heller: Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVG) heißt zunächst Bahn frei für die Euro-Retterei. Es hat den dauerhaften Rettungsschirm ESM nicht grundsätzlich in Frage gestellt, obwohl er genauso wie der Vorgänger ESFS einen glatten Vertragsbruch des Maastricht-Vertrags von 1992 darstellt, wonach gemäß der „No-Bail-Out“-Regel kein Land für die Schulden eines anderen haftet. Das Gericht hat damit quasi einen Vertragsbruch stillschweigend sanktioniert. Es hat sich, was Deutschland anbelangt, auf Schadensbegrenzung beschränkt, nicht aber auf Schadensvermeidung.
Wie bewerten Sie die vom BVG erteilten Auflagen?
Das BVG-Urteil zum ESM hat die gesamtschuldnerische Haftung der Bundesrepublik auf 190 Milliarden Euro beschränkt und die Geheimhaltungsregel des ESM-Vertrags gekippt, sowie eine Banklizenz für den ESM ausgeschlossen. Das BVG hat außerdem die Rechte des Bundestags und Bundesrats gestärkt. Das BVG hat aber in Bezug auf die EZB ein Tor offengelassen, das der Europäischen Zentralbank EZB unbegrenzte Anleihekäufe ermöglicht.
Ist der Weg in eine Haftungs- und Transferunion damit vorgezeichnet?
Die Haftungs- und Transferunion besteht ja schon. Wir sind ja bereits auf dem Weg in eine Inflationsgemeinschaft. Durch die unbegrenzten Käufe der EZB von Anleihen der lateineuropäischen Staaten haftet Deutschland bei einem Zahlungsausfall oder Schuldenschnitt mit 27 Prozent. Es heißt zwar, die Käufe seien an Auflagen gebunden, aber wir sollten uns keine Illusionen darüber machen, dass die Auflagen von Seiten der Schuldnerländer in Zukunft zuverlässiger erfüllt werden als bisher. Nicht umsonst gilt bezüglich der EU: „In Brüssel wird’s erdacht, in Deutschland wird’s gemacht, in Italien wird gelacht“.
Investoren haben auf das Urteil positiv reagiert, die Risikobereitschaft nimmt wieder zu. Könnte das der Startschuss in die Herbstrallye sein?
Diese Woche brachte gleich drei börsenfreundliche Ereignisse: Das BVG-Urteil, den Beschluss der US-Fed zu einer dritten Runde der geldpolitischen Lockerung und den unerwartet positiven Ausgang der holländischen Wahlen. Die Maßnahmen der Notenbanken diesseits und jenseits der Atlantik erhöhen die bereits bestehende weltweite Überliquidität und zwingen die Investoren geradezu in risikoreichere Investments, also in Aktien. Viele Anleger wurden auf dem falschen Fuß erwischt, weil sie mit dem durchweg positiven Gang der Dinge nicht gerechnet hatten und entsprechend in Aktien unterinvestiert waren und noch immer sind. Hinzu kommt eine zunehmende Angst vor der Inflation. Doch man sollte sich im Klaren sein, das die Euro-Schuldenkrise und die US-Immobilienkrise damit bei weitem nicht bewältigt sind. Zentralbanken können Zeit kaufen aber nicht grundlegende Probleme lösen. Daher: Eher freundliche Börsen in naher Zukunft aber auch größere Schwankungen.
Welche Aktieninvestments empfehlen Sie vor diesem Hintergrund?
Mein Vorschlag für Anleger: Man sollte ein internationales Aktiendepot von multinationalen Qualitäts-Aktien anlegen: Vorzugsweise Titel, die hohe und sichere Dividende zahlen. Mit einem Übergewicht an Aktien bekommt man auch einen besseren Inflationsschutz und eine höhere Rendite ins Depot als etwa über Gold. Zusätzlich sollten Anleihen etwa von Unternehmen oder von sicheren Staaten wie Australien oder auch Emerging Markets gekauft werden - am besten über internationale Anleihe-Fonds. Mit einem Übergewicht von Aktien und Anleihen außerhalb der Eurozone schützt man sein Geld vor einer von vielen befürchteten Währungsreform.
Vor allem Aktien aus Südeuropa und Bankaktien haben in den vergangenen Tagen kräftige Kursgewinne verzeichnet. Ergeben sich hier neue Chancen für Anleger?
Bankaktien, vor allem solche aus den Problemstaaten, halte ich für zu intransparent, weil man nicht wissen kann, wie viel Schrott sie in ihren Bilanzen verbergen. Ich will aber risikofreudige Anleger nicht davon abhalten.
Gerade der deutsche Maschinenbau hat sich zuletzt relativ krisenresistent gezeigt und seinen Produktionsprognosen für 2012 und 2013 deutlich angehoben.
Investitionsgüteraktien können durchaus von den massiven Ankurbelungsmaßnahmen profitieren. Generell würde ich aber zyklische Aktien eher untergewichten.
Welche Branchen sind attraktiv?
Zunächst die inflationssensitiven Sektoren, also Rohstoff- und Minenaktien. Dazu zählen auch Goldminen- und Ölaktien. Auch Versorger- und Investitionsgüteraktien halte ich für interessant. Defensive Sektoren, wie etwa Pharma, Nahrung und Getränke, die bisher bevorzugt wurden, dürften eher etwa vernachlässigt werden.
Wie hoch schätzen Sie die Gefahr von Rückschlägen am Aktienmarkt ein?
Ich rechne mit Rückschlagen, denn die Krise ist bei weitem noch nicht vorbei und, während die jetzige Rally pro Euro läuft, könnte sich das auch wieder ins Gegenteil verkehren. Im Übrigen kommen jetzt ziemlich spät auch die „Zittrigen“ in den Markt, wie sie mein Freund und Partner Kostolany nannte. Das allein wird für mehr Schwankungen sorgen.
Anhang
Im Oktober erscheint Gottfried Hellers Buch „Der einfache Weg zum Wohlstand“ im FinanzBuch Verlag.
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