23.01.2013 17:02
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IVU Traffic Technologies: „Bewältigen Aufgaben in fast jeder Größenordnung“

Interview
Beim Hersteller für Softwarelösungen für den öffentlichen Verkehr, der Berliner IVU Traffic Technologies AG, kamen die Meldungen zum Jahreswechsel Schlag auf Schlag.
Konnte Mitte des vierten Quartals 2012 ein Großauftrag der vietnamesischen Staatsbahn gemeldet werden, so kommt die IVU jetzt mit flächendeckenden Echtzeitinformationssystemen in der Region Stuttgart – auch für ländliche Gebiete – an den Markt. Außerdem kann das Unternehmen neue Aufträge für den Stadtverkehr in Budapest und für die noch im Bau befindliche führerlose U-Bahn in Brescia bekannt geben. Damit unterstreicht die IVU die Strategie, neue Produkte zuerst am europäischen Markt zu testen, bevor sie weltweit vermarktet werden. CFO der IVU, Frank Kochanski, über seine mittelfristigen Pläne, das Unternehmen auf eine höhere Marge zu trimmen.

Herr Kochanski, der Pilotauftrag, den die IVU vom Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) bekommen hat, ist in erster Linie auf kleinere Busunternehmen ausgerichtet. Wird hier vom Auftraggeber nicht mit „Kanonen auf Spatzen geschossen“?
Frank Kochanski: Nein, ganz im Gegenteil. Wir haben den Funktionsumfang unseres Betriebsleitsystems IVU.fleet für den VVS so verschlankt, dass eine leicht zu bedienende Light-Version des Ursprungssystems entstand. So können vom kleinen bis zum großen Betrieb alle 40 Unternehmen des Verbundes in das zentrale, mandantenfähige System integriert werden, ohne dass sie über eigene Mittel und Ressourcen verfügen müssen. Mit diesem neuen Light-System werden aktuelle Abfahrtszeiten von Bussen und Bahnen sowie gesicherte Anschlüsse zukünftig auch im ländlichen Raum zum Alltag gehören.

Geht durch diese Standardisierung nicht die Eigenständigkeit der Verkehrsunternehmen und damit ein persönlicher Service verloren?
Es handelt sich nicht um eine Standardisierung, sondern lediglich eine Serviceerweiterung. Ländliche Verkehrsbetriebe sind meist kleiner aufgestellt und verfügen dementsprechend nicht über die finanziellen Mittel, eigene Betriebsleitsysteme zu installieren und Echtzeitdaten zu generieren. Dank der Initiative des Verkehrsverbundes und der IVU-Lösung wird das nun aber möglich. Für die Fahrgäste bedeutet das deutlich mehr Komfort und für die Verkehrsbetriebe mehr Effizienz.

Die hohe Anzahl der Abrufe bei der elektronischen Fahrplanauskunft bestätigt, dass das Echtheitsinformationssystem bei den Kunden eine hohe Akzeptanzchance hat. Gibt es Erkenntnisse, dass durch diese Innovation mehr Verkehrsteilnehmer im Personennahverkehr auf öffentliche Fahrzeuge umsteigen?
Konkrete Studien kann ich Ihnen jetzt nicht nennen. Aber mehr als eine Millionen Fahrtauskünfte pro Tag über das Internet oder das Smartphone zeigen ja, wie gut die neuen Informationsquellen auch im ländlichen Raum angenommen werden. Ich vergleiche das gern mit notwendigen, aber nicht immer nachrechenbaren Marketingmaßnahmen. Daher bin ich überzeugt, dass Echtzeitinformationen die Attraktivität des ÖV steigern und mehr Leute animieren, ihr Auto nicht zu benutzen.

Kommen wir zum Auslandsgeschäft: Der Großauftrag der vietnamesischen Bahn war der siebente Auftrag einer Staatsbahn und unterstreicht die gute Verankerung der IVU in diesem Marktsegment. Ist schon absehbar, wann weitere Aufträge folgen werden?


CFO der IVU, Frank Kochanski
Mit IVU.rail haben wir eine Lösung für den Schienenverkehr entwickelt, die alle Bedürfnisse der verschiedenen Bahnsparten erfüllt – ob Regional-, Fern- oder Güterverkehr. Diesen Markt gehen wir nun intensiv an. Und wie Vietnam zeigt, haben unsere Vertriebsstrategien schon großen Erfolg. Ich bin zuversichtlich, dass wir noch weitere Bahnunternehmen weltweit von unserer Lösung überzeugen werden. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass IVU.rail international die weltweit führende Lösung für den Bahnsektor ist. Damit ist der Erfolg quasi „vorprogrammiert“.

Der Auftrag, den die IVU anlässlich der Olympischen Spiele von den Londoner Verkehrsbetrieben bekommen hat, war richtungsweisend. Dennoch konnten die Aktionäre zu diesem Großauftrag nur relativ wenig in den Medien lesen, weil die IVU einer strikten Geheimhaltungsvereinbarung unterworfen war. Dieser Auftrag müsste doch auch für die anderen angloamerikanischen Länder richtungsweisend sein. Können oder konnten Sie die Referenz „London“ entsprechend verwerten – Meldungen über erfolgreiche Akquisitionsbemühungen sind bisher ausgeblieben.
London ist weltweit eine wichtige Referenz – vor allem wenn es um nachhaltige Mobilitätslösungen für Metropolen geht. Die erfolgreiche Projektumsetzung in der britischen Hauptstadt war sicher auch ein entscheidendes Kriterium für die Budapester Nahverkehrsgesellschaft. Denn ein Softwarehersteller, der Systemlösungen in der Größenordnung einer Metropole wie London realisieren kann, kann dies in jeder Megacity weltweit. Die Referenz London kommt übrigens nicht nur in den angloamerikanischen Ländern gut an. London wird gerne in einem Atemzug mit anderen Weltstädten genannt und ist international – also Sprachen unabhängig – ein wichtiger Kunde, den wir gerne hervorheben.

Der Auftrag der Nahverkehrsgesellschaft in Budapest hat Wiederholungscharakter, da die IVU schon ähnliche Projekte in Berlin, London oder Wien erfolgreich realisieren konnte. Greifen jetzt die erwünschten Skaleneffekte?
Ja, denn mit London konnten wir erneut beweisen, dass unsere Systeme Aufgaben jeder Größenordnung bewältigen können. Damit erweitert sich für uns natürlich auch das Marktsegment. Der Heimatmarkt bleibt für uns weiterhin sehr wichtig, aber entsprechend unserem Claim „Systeme für lebendige Städte“ konzentrieren wir uns jetzt auch stark auf die wachsenden Metropolen weltweit.

Welche Besonderheit hat der ebenfalls kürzlich gemeldete Auftrag von Brescia? Sind führerlose U- Bahnen für die Passagiere nicht extrem gefährlich?
Das Besondere in Brescia ist die hohe Taktdichte der U-Bahn auf einem Streckennetz von nur 13 Kilometern Länge. An den 17 Stationen auf diesen wenigen Kilometern soll bald alle 3 Minuten eine Bahn abfahren. Das erfordert eine sehr genaue Planung und eine ausnahmslose Einhaltung der Sicherheitsregeln und Betriebsvorschriften. IVU.plan kann das. Das System achtet bei der Einsatzplanung der Fahrzeuge genauestens auf alle relevanten Regeln. Wobei das IVU-System als reines Planungssystem natürlich nur die Umläufe der einzelnen Fahrzeuge und die Dienste des Personals plant.

Hat die IVU im vierten Quartal 2012 die Aufträge abrechnen können, die auf der Agenda standen oder müssen die 43 Millionen Euro Umsatz auf das Jahr 2013 verschoben werden?
Wie immer war das vierte Quartal unser stärkstes Quartal. Wir konnten die geplanten Aufträge abrechnen und das kommunizierte Umsatzziel von gut 40 Millionen Euro erreichen – wenn nicht sogar übertreffen. Konkrete Zahlen kann ich selbstverständlich noch nicht nennen, da wir mitten im Jahresabschluss stecken. Entsprechend positiv werden aber auch die Prognosen für 2013 ausfallen.

Wird es der IVU gelingen, in 2013 die Marge zu erhöhen?
Mit der IVU.suite haben wir in den letzten zwei Jahren eine Palette von Standardprodukten weiterentwickelt, die Verkehrsbetriebe in allen Bereichen des täglichen Betriebs unterstützt und den Anforderungen von Unternehmen jeder Größenordnung gerecht wird. Diese Flexibilität und Anpassungsfähigkeit unserer Produkte zeigt international immer mehr Erfolge – siehe Vietnam oder Budapest. Damit erzielen wir natürlich auch höhere Margen. Dennoch möchte ich nochmal betonen, dass auch der Heimatmarkt für uns ein wichtiger Faktor bleibt, denn er garantiert die stetige Weiterentwicklung unserer Systeme auf hohem technischen Niveau.

Haftungsausschluss/Disclaimer: Das aktuelle Interview dient ausschließlich zu Informationszwecken. Die Meinungen und Aussagen der Interviewpartner spiegeln nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder, sondern ausschließlich diejenige des Interviewpartners. Das Interview ist keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Für Richtigkeit und Vollständigkeit der Informationen sowie für Vermögensschäden wird keinerlei Haftung übernommen.

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