Durch den Verkauf des europäischen Distributionsgeschäftes soll bei dem CAD-CAM-Spezialisten
Mensch und Maschine Software SE (MuM) die Rohertragsmarge bereits im kommenden Jahr auf rund 50 Prozent steigen, nachdem sie im Jahr 2008 noch bei ca. 25 Prozent lag. Auch die EBITDA-Rendite, die im bisherigen Rekordjahr 2008 sich noch bei 5,8 Prozent bewegte, soll schon ab 2013 nachhaltig zweistellig sein. Dass auch ohne den Verkauf der Distribution das Geschäft bei dem Wesslinger Unternehmen ordentlich brummt, beweisen die Q3-Zahlen für 2011.
Herr Drotleff, obwohl der Umsatz in den ersten drei Quartalen „nur“ um knapp 9 Prozent auf 154,7 Millionen Euro gestiegen ist, gab es im EBITDA einen Sprung um 77 Prozent auf 6,21 Millionen Euro. Worauf ist das zurückzuführen?
Adi Drotleff: In unseren Segmenten Software und Systemhaus schlummern noch erhebliche Margenpotentiale, von denen wir wie geplant einen Teil gehoben haben. So stieg die EBITDA-Marge bei der selbstentwickelten Software von 10,9 Prozent im Vorjahr auf 13,2 Prozent, und im Systemhaus konnten wir uns von -1,8 Prozent auf +2,8 Prozent verbessern, was absolut einen Sprung von mehr als 2 Millionen Euro darstellt. Dadurch konnte der leichte Rückgang von 2,8 Prozent auf 2,4 Prozent im Distributionssegment locker überkompensiert werden.
Die Umsätze im vierten Quartal sind nun auch schon wieder einen Monat alt. Spürt MuM Anzeichen einer konjunkturellen Schwäche?
Per Saldo nein. Der Rohertrag, also die Wertschöpfung, in den beiden fortgeführten Segmenten Software und Systemhaus ist auf Neunmonatsbasis um 18 Prozent bzw. 20 Prozent gestiegen, und das rein organisch, ohne Akquisitionseinflüsse. Natürlich gibt es von Land zu Land gewisse Unterschiede, z.B. Deutschland sehr stark und Italien abschwächend, außerdem brummt das Mechanik-Geschäft stärker als der Architektur-Bereich. Aber insgesamt können wir keine Konjunkturschwäche aus unseren Auftragseingängen ablesen, und das hat sich auch im Oktober so fortgesetzt.

Adi Drotleff, CEO bei Mensch und Maschine
Im Bereich der eigenen Software konnten Sie in den ersten drei Quartalen eine EBITDA-Marge von mehr als 13 Prozent erzielen. Gehen Sie davon aus, dass dieser Wert im vierten Quartal nochmals steigerbar ist?
Das will ich doch sehr hoffen. Wir rechnen für das Gesamtjahr mit etwa 15 Prozent nach 10,8 Prozent im Vorjahr, und mittelfristig sehen wir noch Steigerungspotential auf einen Wert um die 20 Prozent, da wir in den letzten Jahren kräftig in Entwicklung und Vertrieb investiert haben und sich dies nun langsam wieder auszahlt.
Welche Erwartungen haben Sie insgesamt für das vierte Quartal 2011?
Etwa so stark wie Q1, vielleicht noch einen Schnaps besser. Man muss natürlich berücksichtigen, dass wir ab November kein Distributionsgeschäft mehr machen und uns deshalb gut 25 Millionen Euro beim Umsatz gegenüber der ursprünglichen Planung fehlen, wir also statt bei rund 220 Millionen „nur“ bei etwa 195 Millionen hereinkommen werden. Aber im EBITDA werden die positiven Effekte des Distributionsverkaufs überwiegen, so dass wir 2011 irgendwo zwischen 14 und 16 Millionen Euro landen dürften, nach Euro 6,1 Millionen im Vorjahr. Beim Gewinn pro Aktie rechnen wir mit einem Wert zwischen 40 und 50 Cents nach -3 Cent im Vorjahr.
Haben Sie in der Zwischenzeit alle erforderlichen Genehmigungen, um den Vertrag mit Tech Data über den Verkauf des Distributionsgeschäftes tatsächlich „closen“ zu können?
Die EU-Kommission hat die Übernahme ohne Auflagen genehmigt, so dass wir pünktlich zum Ende Oktober den Vertrag vollziehen können.
Wie hoch ist der Anteil des Kaufpreises, den Tech Data in diesem Jahr noch bezahlen muss?
Die erste Rate beträgt Euro 12 Millionen und ist beim Closing fällig.
Der Kaufpreis von 25 Millionen hängt auch zu einem Drittel von einer so genannten earn-out-Komponente ab. Welche Ziele muss MuM erreichen, damit Ihnen diese Komponente in vollem Umfang zufließt?
Im ersten Quartal 2012 werden noch einmal Euro 6 Millionen ohne Bedingungen fällig, der Rest hängt dann von den Ergebnissen der Tech Data – Gruppe in dem zugekauften Segment ab. Aber das wurde erstens vernünftig, also nicht allzu sportlich, kalkuliert, und zweitens können wir es beeinflussen, indem wir unsere Autodesk-Ware für Europa über Tech Data einkaufen, was wir ohne Konditionsnachteile tun können.
Sie haben angekündigt, dass Sie im kommenden Jahr mit einem Systemhausgeschäft einen Umsatz zwischen 30 und 40 Millionen machen wollen. Haben Sie die ersten Akquisitionstargets schon identifiziert oder was veranlasst Sie zu dieser optimistischen Äußerung?
Wenn Sie bedenken, dass wir 2009 beim Start unseres Systemhaus-Segments im deutschsprachigen Markt aus dem Stand einen Umsatz von Euro 35 Millionen erreicht haben, ist dieses Ziel für ein Gebiet mit fast der doppelten Wirtschaftsleistung nicht überambitioniert. Das Interesse seitens der Autodesk-Fachhändler, in England, Frankreich, Italien, Benelux, Polen und Rumänien, ist rege, wir sollten also aus heutiger Sicht genügend Auswahl haben, um uns die wirklich am besten passenden Partner für die Übernahmen auszusuchen.
Obwohl Tech Data und die neue MuM unterschiedliche Abnehmerkreise ansprechen, könnte es doch sein, dass es in Europa zu einer Rabattschlacht für Autodesk Software kommt oder muss der MuM-Aktionär diese Gefahr nicht fürchten?
Da wir in Zukunft auf verschiedenen Marktebenen tätig sind, Tech Data als größter Distributor, also Großhändler, MuM als größter Einzelhändler, und wir wie gesagt sogar einen nicht unerheblichen Teil unseres Einkaufsvolumens über Tech Data abwickeln werden, sehe ich diese Gefahr nicht. MuM konnte ja auch seine Distributions-Rohmarge über Jahre konstant bei ca. 17 Prozent halten, obwohl wir uns im Wettbewerb bisher gegenseitig bestimmt nichts geschenkt haben.
MuM wird am Jahresende voraussichtlich cash positiv sein. Gibt es Pläne für Akquisitionen?
Wir werden die für das neue Segment „Systemhaus Europa“ geplanten Akquisitionen voraussichtlich Anfang 2012 durchziehen und planen dafür eine Cash-Komponente ein, die aber nicht höher sein wird als der für 2012 erwartete Free Cashflow. Insofern werden wir nach der Reduktion der Netto-Bankverschuldung von gut 10 Millionen auf ca. Null im Jahr 2011 zwar 2012 kaum einen weiteren Rückgang sehen, aber auch nicht wieder in die Bankverschuldung zurückfallen. Ab 2013 ist dann eine allmähliche Erhöhung des Netto-Cashbestandes zu erwarten, wobei wir ab 2012 mehr als die Hälfte des Gewinns ausschütten wollen.
Ist dann für 2012 eine Dividende von 30 Cent vorstellbar?
Ja, ist im Rahmen unserer Planung.
Trotz guter Q3 Zahlen hat der Aktienkurs nur relativ verhalten auf den Gewinnsprung reagiert. Kann es sein, dass die Verkäufer des Systemhausgeschäftes aus der Dachregion teilweise schon wieder am Abverkaufen der übernommenen Aktien sind?
Nein, das ist so gut wie ausgeschlossen. Ich denke einfach, dass die 5 Euro eine magische Schwelle sind, mit der die MuM-Aktie vor allem aufgrund des immer noch volatilen Markts eine Weile kämpft.
Wo sehen die Analysten und Sie nach dem Tech Data Verkauf und der Vorlage der Q3 Zahlen den fairen Wert der Aktie?
Die Spanne der Analysten geht von Euro 5,45 bis 11,76. Interessant ist, dass der Analyst von Performaxx, Dr. Jakubowski, in seiner DCF-Rechnung ein sehr pessimistisches Konjunkturszenario unterstellt und trotzdem auf Euro 11,76 kommt. Ich wüsste ehrlich gesagt auch nicht, was die MuM-Aktie mittelfristig von einer Verdoppelung abhalten sollte, wenn wir aufgrund der Aufwertung des Geschäftsmodells einen Gewinn pro Aktie in der Größenordnung von 40 bis 50 Cent für 2011 und auch 2012 erreichen, den wir dann bis 2014 auf etwa 75 Cent ausbauen wollen. Und das bei mehr als 50 Prozent Ausschüttungsquote, einem positivem Cash-Bestand und einem Aktien-Rückkaufprogramm als Absicherung nach unten.
Herr Drotleff, vielen Dank für das Interview.
Haftungsausschluss/Disclaimer:
Das aktuelle Interview dient ausschließlich zu Informationszwecken. Die Meinungen und Aussagen der Interviewpartner spiegeln nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder, sondern ausschließlich diejenige des Interviewpartners.
Das Interview ist keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren.
Für Richtigkeit und Vollständigkeit der Informationen sowie für Vermögensschäden wird keinerlei Haftung übernommen.
Bildquellen: Uschi Dodel