von Martin Blümel, €uro am Sonntag
Es geht wieder voran: Zwei Jahre nach der großen Wirtschafts- und Finanzkrise werden Länder wie Polen und Tschechien nach Schätzungen der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung mit durchschnittlich 3,6 Prozent wachsen. Etwas langsamer erholt sich das südöstliche Europa. Die Zeiten des Abschwungs scheinen damit vorbei zu sein. 2009 war das noch anders – die Region drohte, in den Wirren der Krise unterzugehen. Sloweniens Wirtschaft schrumpfte damals um acht Prozent, Rumäniens um sieben Prozent. Andreas Treichl, Chef der österreichischen Erste Group, einer der einflussreichsten Banker in der Region, ist optimistisch, dass Zentral- und Osteuropa jetzt wieder im Kommen sind.
€uro am Sonntag: Die Erste Group ist eine der wichtigsten Banken in Osteuropa. Wie weit sind diese Länder, aus Ihrer Warte betrachtet?
Andreas Treichl: Wir bewegen uns in Schwellenländern, die sich in einer zweiten Entwicklungsphase befinden. Wir haben es nicht mit Märkten zu tun, in denen das Bruttosozialprodukt pro Kopf nur zwischen 1000 und 5000 Euro liegt, so wie es in vielen asiatischen Ländern noch der Fall ist. In unseren Ländern liegt es zwischen 10.000 und 15.000 Euro. Die Region ist also schon viel weiter entwickelt. Zum Vergleich: In Westeuropa liegt das BIP pro Kopf zwischen 15.000 und 35.000 Euro.
Wie hat man die Wirtschaftskrise verdaut?
Ost- und Zentraleuropa sind viel besser aus der Krise gekommen als Westeuropa. Das liegt auch daran, dass sich dort fast alle Banken auf das traditionelle, wenn Sie so wollen, auf das langweilige Bankgeschäft konzentrieren – auf Einlagen und Kredite. Mit der Konsequenz, dass es weder auf Banken- noch auf Kundenseite jene Auswirkungen der Subprime-Krise gegeben hat, wie wir es von anderen Banken und Regionen kennen. In Zentral- und Osteuropa gab es keine Verbriefung und Bündelung minderwertiger Kredite.
Trotzdem konnte man sich der Krise nicht entziehen.
Es gab zwei indirekte Folgen der Finanzkrise, die dazu führten, dass die Region nicht ungeschoren davonkam. Um die Krise zu bewältigen, mussten auch dort massive Einschnitte in die Staatshaushalte gemacht werden, die bei den Menschen zu teils hohen Realeinkommensverlusten geführt haben, sodass sie in der Folge Kredite nicht zurückzahlen konnten. Folgenschwer war auch die Abhängigkeit von den Exporten nach Westeuropa, die während der Krise, mit allen Konsequenzen, empfindlich nachgelassen haben.
Auch Ihre Bank schien angeschlagen: Der Aktienkurs war gewaltig im Keller.
Ja, das war sehr schmerzhaft, gerade weil wir im Gegensatz zu anderen Banken nie Verluste gemacht haben. Unser Ergebnis war während der Krise konstant, eben weil wir faule Wertpapiere weder produziert noch gekauft haben.

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Sippenhaft?
Die herrschende Meinung vor zwei Jahren war schlicht die, dass Zentral- und Osteuropa Bankrott machen. Und als Folge auch Österreich, aufgrund der starken Verflechtung der Banken. Mit diesem Urteil haben es sich aber zu viele zu leicht gemacht. Was wussten die großen Investmenthäuser, die Wissenschaftler, die Analysten und die Medien denn schon über die spezifische Situation in Ländern wie Tschechien oder Polen? Was wussten sie über das dortige Bankensystem? Letztlich nichts. Man hat alles in eine schlecht aufgeräumte Schublade gesteckt.
Ist Osteuropa generell falsch eingeschätzt worden?
Da wurden haarsträubende Rechnungen gemacht. Weil die Erste Group 50 Milliarden Euro Kredite in Osteuropa hatte, die Raiffeisen auch und die Unicredit ebenso, ging man von akuter Bankrottgefahr aus. Nicht bedacht wurde aber, dass wir in diesen Ländern auch jeweils weit über 50 Milliarden Euro Einlagen haben. Das hat niemanden interessiert, obwohl wir immer wieder darauf hingewiesen haben. Stattdessen hat man uns gesagt, wir seien naiv, unsere Geschäfte würden einbrechen.
Die generelle Meinung ist jetzt wohl eine andere.
Ja, knapp zwei Jahre nach der Krise sagen plötzlich alle, Zentral- und Osteuropa sind wahrscheinlich die Zukunft des Kontinents. Dort wird das Wachstum sein.
Keine Probleme?
Doch, natürlich. Rumänien hat über lange Zeit Probleme gehabt, sich so zu organisieren, dass es mithilfe der Strukturförderungsmittel der EU dringende Projekte umsetzt, vor allem den Ausbau der Infrastruktur. In den vergangenen Monaten spüren wir hier aber eine Tendenz zu einer echten Verbesserung. Rumänien hat ja so viel zu bieten: eine gute geografische Lage, niedrige Arbeitskosten und hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Deswegen investieren mittlerweile sogar chinesische Firmen in Rumänien, um von dort aus zu exportieren.
Und Ungarn?
Ungarn ist das einzige Land in der Region, das eine sehr hohe Fremdverschuldung hat und aufgrund der sehr frühen Öffnung des Landes eine auch stärker entwickelte Bürokratie. Das Problem ist, dass Ungarn sich im Gegensatz zu anderen Ländern in der Region derzeit nicht darauf konzentriert, den Lebensstandard an das westeuropäische Niveau heranzuführen. Ungarn hat Elemente in seine Politik einfließen lassen, die eher dem populistisch-nationalistischen Bereich zuzuordnen sind. Das ist nicht gut.
Gefährdet das die Region insgesamt?
Nein, und das ist auch Grund meines Optimismus. Die Stabilität in Europa ist hervorragend. Das ist ein hoher Wert. Auch eine bisweilen fehlgeleitete Politik kann diese Substanz nicht gefährden. Allerdings glaube ich, dass wir uns in Westeuropa in den nächsten Jahren im Wesentlichen damit beschäftigen müssen, wie wir den erworbenen Wohlstand erhalten können. Es gibt kaum Länder, die wirkliche Produktivitätsgewinne verzeichnen können. Anders in Zentral- und Osteuropa. Die staatliche und private Verschuldung ist weit geringer. Und die Bevölkerung will etwas aufbauen. Es sind alle Voraussetzungen da, dass es mit den steigenden Realeinkommen auch beim Wohlstand nach oben geht.
Dennoch orientieren sich die meisten bei Schwellenländeranlagen nach Asien.
Ja, schade eigentlich. Osteuropa hat ein ähnlich niedriges Lohnniveau, einen flexiblen Arbeitsmarkt, niedrige Steuern. Aber es hat auch einen Teil der Sicherheit der EU. Diese Kombination ist extrem attraktiv. Das Wachstum wird hier nicht so gewaltig sein wie in Asien, aber wesentlich stärker als in Westeuropa. Als Bank rechnen wir ohnehin nicht in Wachstumsraten, sondern mit zusätzlichem Wohlstand. Ein Beispiel: Vietnam wächst um zehn Prozent, aber von einer sehr niedrigen Basis aus. Tschechien wächst um vier Prozent, aber von einer fünfmal höheren Basis aus. Der Wohlstand wächst damit doppelt so stark. In Westeuropa haben wir eine hohe Basis, aber kaum Wachstum, also auch keinen Wohlstandseffekt. Das ist ein Problem.
Welche Länder schätzen Sie momentan besonders?
Zu den stärksten Ländern in unserer Region gehört sicher Polen, das aber vielleicht etwas überbewertet ist. Interessant ist, wie es mit Tschechien und der Slowakei weitergeht. Beide liegen etwa gleichauf, das eine Land hat den Euro, das andere dagegen nicht. Und solange Vaclav Klaus tschechischer Präsident ist, wird es auf gar keinen Fall Konvergenzgespräche geben. Man wird der Gemeinschaftswährung wohl erst beitreten, wenn man sie in Tschechische Krone umtauft.
Reicht Ihnen Ost- und Zentraleuropa noch?
Wir haben einen Markt von 120 Millionen Menschen. Wenn man davon 20 Prozent hat – das ist unser Ziel –, muss man sich nicht um die Zukunft sorgen. Dann muss man auch keine Expansionsabenteuer wagen. Die Dinge müssen machbar bleiben. Wir sind nicht „too big zu fail“ und auch nicht „too big zu manage“. Wir sitzen nicht 14 Stunden im Flieger, wenn wir uns um ein Problem kümmern müssen. Wir wollen in jenen Ländern sein, wo wir morgens hinreisen und am Abend wieder zurück sein können.
Investor-Info
Kursentwicklung
Osteuropa weiter auf Kurs
Die Krise 2007 und 2008 hat vor keiner Börsenregion Halt gemacht. Sowohl in den Märkten der Industrienationen als auch in den aufstrebenden Handelsplätzen Asiens und Osteuropas ging es nach unten. Auch die Erholung lief nahezu parallel. Allerdings fiel sie bisher in Asien am stärksten aus, vor Osteuropa und Westeuropa. Auf kurze Sicht scheinen die Märkte in Asien aufgrund steigender Inflationssorgen zu schwächeln. Der osteuropäische CECE-Index bleibt indes auf Kurs. In der Region Zentral- und Osteuropa scheinen die Rahmenbedingungen etwas stabiler zu sein.
Zertifikate-Investments
Vier spannende Alternativen
Es gibt etliche interessante Papiere. Wer breit investieren will, sollte ein Auge auf das Dividend Stars Eastern Europe der Société Générale werfen. Es beinhaltet die zehn Aktien mit der höchsten Dividendenrendite aus dem CECE-Composite-Index, der Polen, Ungarn und Tschechien umfasst. Eine Alternative ist der Index New Europe Blue Chip (NTX), berechnet von der Wiener Börse, der die 30 größten Werte aus Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Ungarn, Polen, Rumänien, der Slowakei und Slowenien beinhaltet. Auch spannend: ein Zinszertifikat auf die Tschechische Krone, mit dem man auf Zinserhöhungen in Tschechien spekulieren kann. Wer auf den größten Börsenplatz in Zentral- und Osteuropa, Polen, setzen will, fährt mit einem Zertifikat auf den dortigen WIG-20-Index gut.
Fonds-Investment
Berenberg II East European Equity
Es ist gar nicht so einfach, einen Osteuropa-Fonds zu finden, der nicht von russischen Aktien dominiert wird.
Ein guter Fonds, der ganz darauf verzichtet, ist der Berenberg East European Equities von Fondsmanager Peter Reichel. Grund: „Moskaus Börse ist zu abhängig von Öl- und Gaspreisen“, so Reichel. Bei den anderen Ländern Ost- und Zentraleuropas schätzt Reichel das im Vergleich zu Westeuropa stärkere Wachstum, die niedrigen Arbeitskosten und Unternehmensteuern sowie die EU-Fördermittel. Reichel ist Stock-Picker: Unternehmen, in die er investiert, müssen mit einer nachhaltigen Kapitalrendite punkten, Wachstumspotenzial aufweisen und qualifizierte und leistungsstarke Manager an der Spitze haben. Zurzeit hat Reichel vor allem in Polen investiert, dazu in der Türkei, in Tschechien, Ungarn und auch in Österreich – dem Tor zu Zentral- und Osteuropa.
Bildquellen: Andi Bruckner