von Jörg Billina
Jedes Jahr besuchen rund 40 Millionen Menschen Las Vegas. Nach Aufmerksamkeit dürstende Prominente wie Paris Hilton oder Lothar Matthäus schließen dort immer wieder mal den Bund fürs Leben. Die Mehrzahl der Touristen aber hofft, in der Metropole des real existierenden Kasinokapitalismus schnell reich zu werden.
Zwar gehen nicht alle Träume in Erfüllung – eine von Britney Spears’ Ehen hielt gerade mal 13 Stunden – und auch Glückssträhnen halten nicht ewig. Der Attraktivität von Sin City tut dies aber keinen Abbruch. Die mit vier traumhaften Swimmingpools ausgestattete Luxusherberge Caesars Palace ist trotz Finanzkrise gut belegt. Und in der Edelspielhölle Bellagio, vor deren Eingang 1000 Springbrunnen tanzen, drehen sich die Rouletteräder weiterhin ohne Unterlass. Dank des immensen Geldzuflusses gedeiht die Stadt inmitten der Wüste Nevadas prächtig. In den vergangenen zehn Jahren wuchs die bebaute Fläche um 40 Prozent.
Eigentlich könnte es so weitergehen. Las Vegas – der Name bedeutet kurioserweiser „die Auen“ – hat allerdings ein Problem, und das wird immer akuter: Wasser. Über 90 Prozent des von Investoren wegen seiner zunehmenden Knappheit schon als blaues Gold bezeichneten Rohstoffs bezieht Las Vegas aus dem 30 Meilen entfernten Lake Mead. Doch nach elf Jahren Dürre droht der Pegel des größten künstlich geschaffenen Sees der Vereinigten Staaten unter das vor einem halben Jahrhundert erreichte Allzeittief von 1,083 Feet zu sinken. Fällt er unter die Marke von 1,075 wird es ernst. Dann fallen nämlich auch die am gigantischen Hoover-Staudamm installierten Turbinen aus. Sie sorgen dafür, dass es in Las Vegas auch nachts taghell ist. Nun versuchen die Behörden, die Wasserknappheit mit bisweilen seltsam anmutenden Maßnahmen zu verhindern. Dass Bürgern verboten wird, ihre Autos zu waschen, und dass sie Prämien erhalten, wenn sie ihre Gärten zupflastern, hilft natürlich nur ganz minimal. Auch der diskutierte Bau einer 285 Meilen langen Pipeline zum Snake River dürfte nur kurzzeitig für Entspannung sorgen.
Las Vegas ist kein Einzelfall. Auch die US-Städte Tucson, Phoenix und San Diego haben kaum noch Wasser. Und dort gibt es bereits heftigen Streit um das wichtige Nass. Die Städter wollen nämlich mehr davon – zulasten der Farmer. Denn die würden ohnehin zu viel verschwenden, so ihr Argument. Die Bauern aber wehren sich. Weniger Wasser – das gehe zulasten der Einnahmen, koste Tausende Jobs in der Landwirtschaft und gefährde zudem die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung. Die Verteilungskämpfe haben also schon begonnen – in den USA, wohlgemerkt.
Fraglich ist, ob die Politik den Konflikt zwischen Stadt und Land entschärfen kann. Fraglich auch, ob die Kommunen beziehungsweise die Verantwortlichen in Washington überhaupt in der Lage sind, die drohende Versorgungskrise abzuwenden. Angesichts nachlassender Regenfälle, zunehmender Trockenheit – das erste Halbjahr 2010 war das heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen – und einer von derzeit 300 Millionen bis zum Jahr 2050 auf über 400 Millionen anwachsenden Bevölkerung sind viele skeptisch. Steuern die USA, weltweit ökonomisch noch die Nummer 1, auf eine Versorgungskatastrophe zu?
Nicht unbedingt, meint Robert Glennon. Aber es bedürfe eines Bewusstseinswandels, schreibt der Professor an der University of Arizona in seinem Buch „Unquenchable: Americas water crisis and what to do about it“. Trotz der vielfach angespannten Versorgungslage blendeten nach Meinung Glennons immer noch zu viele US-Bürger die Realität aus und gingen zu sorglos mit der Ressource um. Tatsächlich verbraucht der Durchschnittsamerikaner am Tag 580 Liter. Ein Europäer bringt es dagegen auf 150 bis 400 Liter am Tag, der Durchschnittschinese kommt bislang noch mit 90 Litern pro Tag aus. Neben hemmungslosem Verbrauch trägt auch die vielfach veraltete Infrastruktur entscheidend zum Wassernotstand bei. So sind die Trinkwasser- und Abwasserleitungen in Chicago oder New York – dort besteht das Leitungssystem teilweise noch aus Holz – seit Jahrzehnten im Einsatz. Wegen chronischen Geldmangels wurden sie aber kaum gewartet. Nun lecken die Rohre, große Mengen versickern.
Die täglichen Wasserverluste in den Staaten belaufen sich auf 23 Millionen Kubikmeter. Das entspricht in etwa dem Wasserbedarf der zehn größten US-Städte. „Wir Amerikaner müssen unsere Einstellung zu Wasser von Grund auf ändern“, fordert Glennon. Warnungen, Informationen und Sparappelle allein aber helfen nicht. „Der Preis für Wasser muss deutlich angehoben werden“, verlangt Glennon. Dies würde Bürger, Kommunen, Industrie und Farmer motivieren, nicht mehr als notwendig zu konsumieren. Zudem hätten die Wasserwerke endlich die Mittel, um in neue Systeme zu investieren. „Wasser ist in den Staaten viel zu billig“, meint auch Matthias Priebs, Fondsmanager des Sarasin Sustainable Water Fund. „In Europa kostet der Hektoliter zwei bis drei Euro. In den USA dagegen müssen für die gleiche Menge gerade mal ein bis 1,50 Dollar bezahlt werden“, sagt Priebs.
Priebs investiert in Firmen, die entlang der Wertschöpfungskette Wasser positioniert sind. Dazu zählen neben Betreibern von Wasserwerken auch Unternehmen, die auf dem Gebiet der Wasserreinigung tätig sind, die Pumpen und Rohre herstellen oder deren Produkte und Dienstleistungen für eine größere Nachfrageeffizienz sorgen. 35 Prozent der Mittel hat Priebs in US-Aktien gesteckt. „Wollten die Vereinigten Staaten ihre Wasserinfrastruktur auf den neuesten Stand der Technologie bringen, müssten sie bis 2020 weit über 300 Milliarden Dollar investieren“, schätzt Priebs. Oft aber fehlt staatlichen oder städtischen Wasserversorgern angesichts angespannter Haushaltslagen das Geld. Zudem halten sie es politisch nicht für opportun, die Bürger mit höheren Preisen zu konfrontieren. Priebs glaubt daher, dass sich ein bereits zu erkennender Trend zur Privatisierung verstärken wird.

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Bislang befinden sich gerade mal 15 Prozent des gesamten US-Wassergeschäfts in privater Hand. Der öffentliche Anteil nimmt langsam, aber kontinuierlich ab. Die beiden großen US-Wasserunternehmen Aqua America und American Water Works profitieren vom Rückzug des Staates. Sie übernehmen laufend kleinere kommunale Wasserwerke. „In der Regel enthalten die zwischen Unternehmen und den Behörden geschlossenen Übernahmeverträge klare Vorgaben zur Wasserpreisentwicklung und Modernisierung der Netzwerke“, erklärt Priebs. Der Manager hat Aqua America und American Water Works – an der die deutsche RWE vor rund einem Jahr komplett ihre Anteile verkauft hatte – in seinem Fonds hoch gewichtet. Seit Anfang November 2009 stiegen die Kurse der beiden Unternehmen um 32 beziehungswiese 24 Prozent. Auch der Small-Cap-Titel Layne Christensen findet sich im Portfolio. Das Unternehmen aus Kansas führt hydrologische Studien durch und errichtet Trink- und Recyclinganlagen. Besonders in den vergangenen vier Wochen hat sich der Titel gut entwickelt.
Doch Vorsicht: Wasseraktien führen kein Eigenleben. „Wir sehen zwar langfristig weiterhin Potenzial“, sagt Priebs. Allerdings können sich die Firmen nicht ganz von der Entwicklung des Gesamtmarkts abkoppeln. „Sollte die US-Wirtschaft wieder an Schwung verlieren, dann dürften auch die Kurse der Wasserunternehmen leiden“, meint Priebs.Wie die Vereinigten Staaten muss auch China seine Wasserprobleme lösen. Ansonsten sind Wohlstand und möglicherweise auch die politische Stabilität in ernster Gefahr. Nach Angaben des Analysehauses Responsible Research und der Weltbank eignet sich nach 30 Jahren ungebremsten Aufschwungs nur noch die Hälfte der chinesischen Seen und Flüsse zur Trinkwasserversorgung. Bisweilen sind sie so stark vergiftet, dass das Wasser nicht einmal mehr für die industrielle Produktion oder in der Landwirtschaft genutzt werden kann.
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Bildquellen: Creativ Collection, Creativ Collection