von Andreas Höß, €uro am Sonntag
Eitel Sonnenschein war gestern, zumindest für Steen Jakobsen. Noch vor wenigen Stunden stand der Chefvolkswirt der Saxo Bank bei 30 Grad am Flughafen von Singapur. Nun ist er zurück in seinem Büro im Firmensitz der dänischen Bank, einem Glasbau bei Kopenhagen. Draußen ist es düster und windig, der Regen geht langsam in Schnee über.
Ob es der skandinavische Winter ist, der Jakobsen regelmäßig finstere Prognosen abgeben lässt? Auf jeden Fall drückt das Wetter nicht auf seine Stimmung. „Wenn Sie Schönwetterprognosen wollen, halten Sie sich lieber an die Analysten“, scherzt er. Sein Jahresausblick konzentriere sich auf „die dunkle Seite“. Die liege dem Menschen sowieso näher.
Seit 2003 gibt die Saxo Bank ihre „outrageous predictions“ heraus, überraschende Prognosen, die sich irgendwo zwischen grauenerregend und hanebüchen bewegen. Doch als Prognosen will Jakobsen seine „predictions“ nicht verstanden wissen, eher als Gedankenspiele. Sie sollen Menschen zwingen, sich mit unerwarteten Szenarien auseinanderzusetzen. Die Frage nach der Trefferquote erübrige sich deshalb. „Manche der Vorhersagen widersprechen sich sogar“, sagt er. „Wir bieten kein stringentes Weltbild, sondern Möglichkeiten.“ Schließlich gibt er doch eine Antwort: Sein Rekord stamme von 2008, dem Jahr der Finanzkrise. Sechs Szenarien seien da eingetreten, darunter Bankpleiten, Börsencrashs und die Vollbremsung der chinesischen Wirtschaft.
Seither ist die Krise zum Dauerzustand geworden und hat die Mentalität der Anleger verändert. Vielleicht wirken Jakobsens Vorhersagen für 2012 deshalb weniger „outrageous“ als vielmehr erschreckend real. „Einen Austritt Griechenlands aus der Europäischen Währungsunion brauchen wir gar nicht zu skizzieren“, sagt er. „Wen würde das denn noch überraschen?“ Hier die zehn Szenarien für 2012:
Die Eurokrise eskaliert
Trotz Plänen für eine Fiskalunion ist die Finanzierung der Eurokrisenstaaten und besonders Italiens unklar. Deshalb kehrt die Schuldenkrise im Sommer mit voller Wucht zurück. Anleger ziehen ihr Geld aus der Eurozone ab, die Börsen geben wie schon im Sommer 2011 um mehr als 25 Prozent nach. Ein kurzzeitiges Verbot von Leerverkäufen bei Bankaktien wie 2011 reicht nicht mehr, um die Kursstürze unter Kontrolle zu bringen. Deshalb schließen die EU-Politiker Europas Börsen mindestens für eine Woche. Die Zeit nutzen sie für eine Art Vatikanisches Konzil. Am Ende lassen sie die Schuldenblase in Europa platzen und verkünden eine neue Europäische Union mit neuen Mitgliedern und neuen Spielregeln. Die kommenden Jahre werden hart, doch Europa geht gestärkt aus der Krise hervor.
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Apple stürzt ab
Imperien vergehen, Monopole fallen, und Apples Erfolgsgeschichte ist endlich. Der Konkurrenzdruck bei Smartphones und Tablet-PCs nimmt zu, 2012 stürzt die Aktie des Börsenstars Apple deshalb um 50 Prozent ab. Denn Apples dominierende Marktstellung ist auf Dauer unhaltbar. Konkurrenten wie Google, Amazon, Microsoft und Nokia bringen immer bessere und billigere Produkte auf den Markt. Was passiert, wenn Jugendliche offenere Plattformen wie Android cooler finden als die Produkte der jetzigen Kultmarke Apple? Auch Kult ist vergänglich, das hat Nokia schon vor Jahren gelernt.
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China reißt Australien runter
Schon 2011 hat China an Fahrt verloren. 2012 geht der Lokomotive der Weltwirtschaft komplett der Dampf aus. Die Kreditblase im Reich der Mitte platzt, der Bauboom stoppt, die Chinesen verschieben ihr Geld ins Ausland. Chinas Wirtschaft wächst nur noch um fünf Prozent – für chinesische Verhältnisse eine Rezession. Die harte Landung des größten Rohstoffimporteurs der Erde drückt die Rohstoffpreise in den Keller. Das trifft Australien wohl am härtesten, denn das Land lebt von seinen Kupferminen und Rohstoffexporten ins Reich der Mitte.

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Investmenttipp: Short-ETC auf
Kupfer (DE 000 A0V 9XV 8)
Der Yuan fällt zehn Prozent
Seit Jahren hält Peking den Wert der Landeswährung künstlich niedrig, indem es den Yuan an den US-Dollar koppelt. Devisenexperten sind sich einig: Der Yuan kann nur aufwerten und hat das in kleinen Schritten auch schon getan. Das Ende des Investitionsbooms und die kommende Rezession in China machen die Aufwertung des Yuan aber hinfällig. Während der Dollar an Wert gewinnt, weil Anleger wegen der Eurokrise Kapital in die USA verschieben, zurrt China die Leinen um seine Währung wieder fest und unterstützt damit seine Exporteure. Peking wertet den Yuan gegenüber dem Dollar um zehn Prozent ab.
Investmenttipp: Short-ETF auf den Hang Seng (LU 042 979 031 3)
50 Banken werden verstaatlicht
Die von den Basel-III-Regulatorien geforderten höheren Eigenkapitalquoten bringen Europas Banken Probleme: Sie müssen ihre Kapitalhebel senken, und das schnell. Die Schuldenkrise verschärft das Problem, keine Bank traut der anderen mehr. Wie in der Finanzkrise friert der Interbankenmarkt komplett ein. Ein Run auf die Bankschalter beginnt, weil man der staatlichen Einlagensicherung misstraut. Anleger stoßen ihre Bankaktien ab, die Kurse der Finanzinstitute stürzen ins Bodenlose. Mehr als 50 Institute werden verstaatlicht, andere verschwinden ganz von der Bildfläche.
Investmenttipp: Short-ETF auf
Banken (LU 032 224 903 7)
Der Franken fällt auf 1,50 Euro
Im Herbst 2011 hat die Schweizerische Nationalbank auf dem Devisenmarkt interveniert und den Wechselkurs des Franken auf 1,20 Euro festgesetzt. Bisher ist sie damit erfolgreich. 2012 wird sie ihre Maßnahmen verstärken, um den Franken weiter zu schwächen. Denn die Exportunternehmen des Landes kämpfen weiter mit Nachwehen des starken Frankens, und die Wirtschaft schwächelt. Die Realzinsen für Staatsanleihen werden negativ, weitere Anleger fliehen aus dem einst sicheren Hafen. Der Franken verliert an Wert, fällt auf 1,50 Euro.
Investmenttipp: Short-ETN auf Schw. Franken (DE 000 A1D FSB 9)
Schweden, die neue Schweiz
Die Eurozone steckt tief in Problemen, der Schweizer Franken fällt als sicherer Hafen aus. Anleger flüchten in Staatsanleihen aus Schweden und Norwegen. Deren Renditen stürzen ab und notieren bald unter jenen für Bundesanleihen. Denn: Auch Eurozonenmitglied Deutschland traut man nicht mehr. Doch sicherer Hafen zu sein, das ist auch eine Bürde. Die Währung der Skandinavier wertet auf, was der bisher starken Wirtschaft dort massive Probleme bringt.
Investmenttipp: ETN auf Schwed. Kronen (DE 000 A1D FSJ 2)
Weizenpreis verdoppelt sich
2011 war Weizen mit rund 30 Prozent Verlust der schlechteste Agrarrohstoff des Jahres. 2012 wird sich das ändern: Der Weizenpreis verdoppelt sich. Extreme Wetterlagen prägen das Jahr, die Ernten sind mager. Die Weltbevölkerung wächst weiter, und die Notenbanken drucken Geld wie verrückt. Das läuft zu den Spekulanten, die zuletzt auf fallende Weizenpreise gewettet hatten. Sie treiben den Preis zurück in Richtung der Rekordmarke von 2008.
Investmenttipp: ETF auf Weizen (DE 000 A0K RJ9 3)
Ein neuer US-Präsident
2012 ist Wahljahr in den USA. Der amtierende Präsident Barack Obama wird nicht wiedergewählt, er brachte zu wenig Wandel. Auch Republikaner scheitern, da sie die Kluft zwischen Arm und Reich nicht überbrücken können. Das verschafft wie im Jahr 1992 einem Außenseiter eine Chance. Der parteilose Milliardär Ross Perot scheiterte damals mit 19 Prozent der Stimmen. Diesmal schafft es ein bisher Unbekannter, zieht ins Weiße Haus ein und beendet die Vorherrschaft von Demokraten und Republikanern.
Investmenttipp: ETF auf den S & P 500-Index (DE 000 264 388 9)
Baltic-Dry-Index steigt stark
Die Frachtpreise bei Bulkern, die Schüttgut über die Meere transportieren, sind am Boden. Die Flotte wächst und Konjunktursorgen drücken. Doch Brasilien und Australien erhöhen 2012 ihren Ausstoß an Eisenerz, dessen Preis sinkt. Die Welt ist heller als gedacht: China kauft wegen der niedrigen Rohstoffpreise groß ein, Bulker sind gefragt, die Frachtraten verdoppeln sich.
Investmenttipp: Zertifikat auf Shipping-Index (NL 000 018 644 3)