29.07.2013 16:40
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Was Analysten vom neuen Siemens-Chef erwarten

Kaeser "idealer Kandidat"
Was die Nachfolge von Siemens-Chef Peter Löscher angeht sind sich Analysten einig: Der bisherige Finanzchef Joe Kaeser wird den Posten übernehmen, auch weil er in mehrfacher Hinsicht als idealer bzw. sogar logischer Kandidat gesehen wird.
Siemens brauche einen Vorstandsvorsitzenden, der das Unternehmen gut kenne, weil er die drängenden Probleme und erforderlichen Restrukturierungen im Siemens-Konzern rasch angehen müsse.

   Kaesers Erfahrung und detaillierte Kenntnisse des Unternehmens machten ihn zum geeigneten Kandidaten, glaubt Commerzbank-Analyst Ingo-Martin Schachel. Seine Qualifikation habe er erfolgreich mit den jüngsten Maßnahmen bei Nokia Siemens Network (NSN) und Osram unter Beweis gestellt, die der Konzentration auf das Kerngeschäft dienten. Außerdem habe er in den vergangenen Jahren mit Blick auf die wichtigsten Gewinntreiber wie das Projektmanagement, Restrukturierung und Übernahmen umsichtige Positionen vertreten.

   Auch Morgan Stanley glaubt an Kaeser als neuen Vorstandsvorsitzenden bei Siemens. Kaeser sei ein Verfechter eines beschleunigten Restrukturierung und verfüge über umfangreiche Kenntnisse des operativen Geschäfts bei Siemens. Hinzu komme sein dauerndes Bestreben, den Unternehmenswert für die Aktionäre zu steigern.

   Der seit 1980 bei Siemens tätige Manager verfüge der DZ-Bank zufolge innerhalb der Investmentgemeinde über einen guten Ruf. Als Insider dürfte er auch besser als ein externer Kandidat in der Lage sein, die Aufgabe schnell zu übernehmen und notwendige Anpassungen für 2014 besser zu präsentieren als einzelne Segment-Vorstände des DAX-Konzerns, glaubt Analyst Jasko Terzic.

   Siemens-Experte Andreas Willi von J.P. Morgan (JPM) spricht zwar ebenfalls von einer starken Unterstützung für Kaeser seitens des Kapitalmarktes, hegt aber Zweifel, ob der neue Mann an der Spitze den hohen Erwartungen gerecht werden kann. Immerhin habe es fundamentale Gründe für die jüngste Gewinnwarnung gegeben, wie einen schwachen Ausblick für einige kurz- und langzyklische Geschäftsfelder. Zudem werde auch Kaeser mit den bei Siemens historisch üblichen Beschränkungen zurechtkommen müssen.

   Die Erfahrung zeige, dass oftmals langsam vonstatten gehenden Veränderungen bei Siemens ebenso wie strategische Fehler, schlechte Übernahmeentscheidungen und durchwachsene Projektdurchführungen in einem breiteren Kontext gesehen werden müssten. Dabei spielten sowohl Aufsichtsrat wie einzelne Geschäftsdivisionen und auch die Arbeitnehmervertretungen eine Rolle.

   Zu den dringendsten Aufgaben des neuen Vorstandsvorsitzenden zählen die Experten die Fokussierung auf Kerngeschäftsfelder sowie die Wiedererlangung der Kontrolle über Projektsteuerung und -durchführung. Zu letzterem Punkt bemerkt Commerzbank-Analyst Schachel, derzeit würden vom Fairen Wert der Aktie 9 Euro für Duchführungsrisiken abgezogen, nachdem unter der Führung Löschers in den vergangenen Jahren durchschnittliche Einmalbelastungen zwischen 500 Millionen und 1 Milliarde Euro angefallen seien. Sollte der neue CEO dieses Problem unter Kontrolle bringen, würde allein dadurch der Faire Wert der Aktie auf über 93 Euro steigen.

   Was die komplexe Unternehmensstruktur betreffe, dürfte es in einigen Siemens-Divisionen Geschäftsfelder geben, die für sich allein gestellt eine höhere Bewertung erfahren dürften als innerhalb des Konzerns. Schachel hält es für möglich, dass die Trennung von bestimmten Bereichen noch positivere Auswirkungen haben könnte als die erfolgten Veräußerungen von Osram und NSN. Potenzial dafür sieht er etwa in den Siemens-Segmenten Healthcare und Infrastructure & Cities.

   Im Ergebnis könnte ein schlankerer Siemens-Konzern mit Margen von 12 Prozent selbst ohne konjunkturellen Rückenwind zu einem Aktienkurs von 100 Euro führen. 12 Prozent dürften für Siemens auch in einem "normalen" Jahr machbar sein, glaubt er. Aber selbst wenn vom Managementwechsel keine Verbesserungen ausgehen sollten, sei die Aktie derzeit im Vergleich zu den Wettbewerbern unterbewertet. Der Commerzbank-Experte nennt als Kursziel 84 Euro und stuft die Aktie mit "Add" ein.

   Auch für Morgan Stanley ist die Siemens-Aktie derzeit im Vergleich zur Industriegüterbranche unterbewertet. Mit der anstehenden Personalentscheidung dürften viele Anleger der Aktie aber wieder offener gegenüberstehen. Die Analysten raten ebenfalls zum Kauf des Siemens-Papiers mit einem Kursziel von 94 Euro.

   Ein Problem bei Siemens seien die schwankenden Margen, was besonders für kurzzyklische Divisionen gelte wie Industrial Automation, Drive Technologies und Teilbereiche anderer Segmente wie Infrastructure & Cities. Auf Schwankungen des Wirtschaftswachstums und andere Faktoren seien sie zwar ebenfalls zurückzuführen, doch weise Siemens seit 2001 jährliche durchschnittliche Einmal- und Restruktierungskosten von 2,6 Milliarden Euro auf.

   Auch Siemens-Experte Willi sieht eine Verschlankung des Unternehmens als wichtige Aufgabe, mahnt aber zugleich an, zunächst die bereits eingeleiteten Verkäufe abzuschließen. Priorität dürfte für den neuen CEO aber Maßnahmen haben, mit denen die Auswirkungen des schwächer erwarteten Wachstums gedämpft werden sollen. Daneben dürfte das Augenmerk darauf gerichtet sein, die Attraktivität der Siemens-Aktie zu erhöhen, beispielsweise durch Aktienrückkäufe oder höhere Ausschüttungen. Um nach insgesamt fünf Gewinnwarnungen in den vergangenen fünf Jahren das Vertrauen des Marktes wieder zurückzugewinnen dürfte es zudem sinnvoll sein, bei künftigen Ausblicken etwas konservativer zu sein.

 DJG/gos/hhb

Dow Jones Newswires

Bildquellen: Siemens AG
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