von Marc Reisner
Er dürfte bei einer Tasse Kaffee gesessen haben, ruckzuck im Starbucks um die Ecke serviert, nachdenklich das markante grüne Logo mit der langhaarigen Sirene betrachtend. Dann wird er ein paar Zahlen in seinen Palm getippt haben – und das Ganze kurz darauf an die investierenden Kunden verschickt haben: Marc Greenberg, Analyst bei der Deutschen Bank, war von den aktuellen Quartalszahlen des Kaffeerösters so angetan, dass er sein Rating von «hold» auf «buy» hob und sein Kursziel von 19 auf 30 Dollar anhob – ein Plus von immerhin 58 Prozent.
Mit seiner Schätzung machte Greenberg zwar den grössten Sprung, er steht damit aber nicht allein. Jefferies & Co. erhöhten von 25 auf 27 Dollar, Oppenheimer ging von 26 auf 30, Argus Research von 27 auf 30 Dollar. Grund der Euphorie: Starbucks, vor Jahresfrist noch angeschlagen, hatte die Zahlen fürs erste Quartal (Oktober bis Dezember) vorgelegt und die sahen, nun ja, verheissungsvoll aus. Der Umsatz kletterte nämlich um vier Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und der Gewinn vervierfachte sich auf 241,5 Millionen Dollar.
Klar, dass der charismatische CEO Howard Schultz, der 1982 beim damals mit gerade vier Filialen winzigen Unternehmen in Seattle anheuerte, die Ziele fürs laufende Geschäftsjahr höher hängt: 2010 will er 1,08 Dollar je Aktie erwirtschaften, fast drei Prozent mehr, als das Unternehmen es noch im November bei der Vorlage der Bilanz vorhergesagt hatte. Schultz jedenfalls meint: «Stabucks ist heute ein besseres und stärkeres Unternehmen denn je, und ich bin optimistischer denn je für seine Zukunft.»
Besser als je zuvor? Nüchtern betrachtet hat Schultz zu spät reagiert, als er im vorvergangenen Jahr ein Sparprogramm ins Leben rief. Der Topmanager, der Starbucks 1987 für 3,8 Millionen Dollar übernommen hatte und seither ein Vermögen von etwa 700 Millionen Dollar aufgebaut hat, schloss 600 Geschäfte und fuhr die Expansionsstrategie deutlich zurück. Folge: Nach acht Quartalen mit negativem Geschäftsverlauf geht es für die Amerikaner wieder bergauf.
Nun wird sich zeigen, ob Schultz aus den Fehlern der Vergangenheit, allen voran der allzu raschen Expansion, gelernt hat. Schon 2010 sollen 100 Filialen im US-Heimmarkt eröffnet werden, weltweit sollen es 200 weitere sein. Besonders in China möchte Schultz Fuss fassen – gut möglich, dass der 56-Jährige, der nach acht Jahren auf dem Präsidentensessel erst kürzlich auf den Posten des operativen Chefs zurückgekehrt ist, verlorene Zeit aufholen wird. Das gilt auch für neue Geschäftsfelder, etwa den Verkauf von Tee und die neue Produktlinie Instant-Kaffee.
Und dann sind da noch die Konkurrenten wie Green Mountain Coffee Roasters, die die Konsumenten im Bereich Topprodukte für daheim fest im Griff haben, und natürlich McDonald's, die in den USA bereits fünf Prozent ihres Gesamtumsatzes mit Kaffee macht – in nüchterner Atmosphäre. Die gibt es allerdings auch bei Starbucks. Wie beklagte sich Schultz vor einiger Zeit? «Uns sind Romantik und Theater-Feeling abhanden gekommen.» Die Anleger wenigstens
bleiben.
Bildquellen: Julian Mezger