Internethändler Amazon steht mit seinem elektronischen Lesegerät kurz vor dem Durchbruch im US-Bildungssektor. Doch der Kampf um die Vormacht beim digitalen Buch hat gerade erst begonnen.
von Stephan BauerRichtig cool fanden die Schüler, was der Gouverneur ihnen zu sagen hatte. "Bücher sind veraltet, schwer und teuer", schmetterte Arnold Schwarzenegger jüngst an einer Schule im kalifornischen Sacramento ins Mikrofon. Der Regierungschef des US-Bundesstaats will Lehrmaterial aus Papier an Bildungsstätten von San Francisco bis runter nach San Diego in Bälde terminieren. Kalifornien müsse als "Weltmarktführer in Technologie und Innovation" mit der Einführung des elektronischen Buchs entschlossen voranschreiten, so Hollywoods ehemaliger Actionheld.
Der Applaus der Jugend war dem Österreicher bei seiner Brandrede für das Ebook gewiss – schleppen sich Kaliforniens Highschool-Kids doch wie Millionen andere täglich mit dicken Wälzern ab. Zwar könnte es den Ex-Bodybuilder wurmen, die Ranzen zu erleichtern – schließlich ist auch Schleppen irgendwie Sport.
Doch es klafft ein 24 Milliarden Dollar tiefes Loch in den Kassen des bevölkerungsreichsten US-Bundesstaats. Und jedes Jahr gibt Kalifornien über 350 Millionen Dollar für neue Lehrbücher aus. Deshalb stehen bereits ab Herbst zunächst papierene Werke für Mathematik und Naturwissenschaften auf der Abschussliste. Später soll an den Schulen die Zellulose ganz durch Nullen und Einsen ersetzt werden.
Fast scheint es, als hätte der Politiker sich bei seinem Vorstoß mit einem prominenten Vertreter der Internetwelt abgesprochen. Just einen Tag nach der Rede des Gouverneurs schickte Jeff Bezos, Chef des E-Commerce-Riesen Amazon, den jüngsten Spross seiner derzeit hoffnungsvollsten Produktfamilie in den landesweiten Verkauf: den Kindle DX.
DX steht für Deluxe, und luxuriös ist am neuesten Kindle neben etlichen technischen Gimmicks vor allem die Größe des Bildschirms: Das Display, das Zeichen ausschließlich schwarz-weiß in elektronischer Tinte darstellt, misst stattliche 24 Zentimeter im Durchmesser. Das macht den DX zu einem der größten Lesegeräte auf dem Markt. Zugleich ist das Teil damit tauglich für eine besonders aufwendige Gattung von Literatur: Lehrbücher mit Tabellen, Grafiken, Statistiken und Formeln.
Ob Schwarzenegger bei Amazon shoppen wird, darüber gibt es bislang zwar nur Spekulationen. Kritisch dürfte etwa der Preis des Kindle sein: 489 Dollar verlangt Bezos für den Luxusreader. Doch es gibt wohl Verhandlungsspielraum. Schließlich wäre ein Deal auch bei einem weitaus niedrigeren Preis für den Amazon-Chef attraktiv. Millionen Schüler werden bei einer Einführung in Kalifornien den Kindle kennenlernen – und alle sind potenzielle Kunden von morgen. Zudem ziehen andere Bundesstaaten womöglich nach. Besser könnte es für Bezos’ Lieblingsprojekt gar nicht laufen.
Mithin hat die US-Medienbranche allen Grund, das seltsam anmutende Ebook-Abenteuer des eigensinnigen Amazon-Gründers ernst zu nehmen. Lange galten die Lesegeräte mehr als Spinnerei denn als Geschäft. Der erste Kindle, ein klobiges Monstrum mit zu vielen Ecken und Kanten, schien bei seinem Erscheinen im November 2007 das vertraute Taschenbuch keinesfalls von der Bettkante stoßen zu können. Doch spätestens seit dem Start des geschmeidigeren und leistungsstärkeren Nachfolgers Kindle 2 Anfang des Jahres entwickelt sich die Außenseiterstory zu einem Thriller.
90 000 Titel bot der Onlinehändler als digitale und damit auf den Kindle ladbare Version zu Beginn der Mission an. Inzwischen ist Amazons Angebot auf über 300 000 Kindle-Artikel gewachsen. Neben Sachbüchern und belletristischen Reißern wie der derzeitigen Nummer 1 in den USA, einem blutrünstigen Werk namens "Skin Trade", stehen einer stetig wachsenden Nutzerzahl auch Tageszeitungen und Magazine zur Verfügung. Vor allem Geschäftsreisende mit knappem Gepäck gelten als Kindle-affin. Und immer mehr lassen sich ihr "Wall Street Journal" oder ihre "New York Times" im Monatsabo regelmäßig des Morgens auf den Reader funken.
Wie viele der Lesegeräte bislang verkauft wurden, darüber schweigt sich das verschlossene Unternehmen aus Seattle beharrlich aus. Die Schätzungen der Marktforscher liegen zwischen 50 0000 Stück und einer Million. Demnach ist der Kindle noch lange kein iPod der Buchwelt, wie in manch euphorischem Kommentar behauptet. Apples digitaler Musikspieler verkaufte sich binnen acht Jahren rund 200 Millionen Mal.