Doch Verluste macht der Online-händler mit seinem Ausflug ins Hardwaregeschäft trotz der vergleichweise geringen Stückzahlen wohl nicht. Eher im Gegenteil (siehe Kasten unten). Vor allem aber spielt beim Kindle die Musik in der Software. Zu Umsatzzahlen oder Gewinnmargen des Geschäfts mit den Inhalten schweigt Seattle zwar ebenfalls. Doch Bezos erwähnte jüngst, dass Amazon inzwischen 35 Prozent des Umsatzes derjenigen Buchtitel, für die es ein Kindle-Pendant gibt, mit digitalen Versionen macht.
Die Zahl ließ die Verlagswelt aufhorchen. Noch ist der Anteil des Geschäfts am Gesamtumsatz von Amazon zwar vergleichsweise gering. Die Analysten der Citigroup etwa schätzen, dass der Handelsriese im ersten Quartal rund 34 Millionen Dollar Umsatz mit Ebook-Software erzielte. Doch in drei Jahren sollen Kindle & Co demnach bereits 1,2 Milliarden Dollar und damit rund vier Prozent des Jahresumsatzes erwirtschaften. Barclays Capital beziffert den Umsatz rund um das Ebook gar auf 3,7 Milliarden Dollar 2012 – und stolze 840 Millionen Dollar Gewinn.
Bei aller Geheimniskrämerei zeigen die Indikatoren des noch jungen Geschäfts somit eindeutig nach oben. Auf die von Wirtschaftskrise und Webrevolution gebeutelten Medien wirkt der neue digitale Markt deshalb äußerst anziehend. Amazons Botschaft kommt vielen Verlagen wie gerufen: Ihre Ware – Bücher, Zeitungen, Magazine – soll zwar elektronisch und damit Kosten sparend verbreitet, aber nicht mehr kostenlos verschleudert werden. Schnell ergriffen gerade wirtschaftlich wackelige US-Zeitungen wie der von der Insolvenz bedrohte "San Francisco Chronicle" die Kindle-Chance.
Sogar deutsche Medien wie "Handelsblatt" und "Frankfurter Allgemeine Zeitung" gibt es inzwischen als Kindle-Version – bislang jedoch nur in den USA. Auch das größte deutsche Verlagshaus Axel Springer, das unter anderem €uro am Sonntag publiziert, hätte prinzipiell Interesse – "falls die Anschaffungskosten der Geräte sinken". Dass Amazon den Kindle nach Deutschland bringen wird, gilt in der Branche als sicher. Schließlich ist der deutschsprachige Markt der zweitgrößte der Verlagswelt. Doch wann das der Fall ist – diese Frage bleibt unbeantwortet.
Wegen Amazons hoher Umsatzforderungen – Schätzungen zufolge verlangt Bezos bis zu 70 Prozent – schauen sich die Verlage jedoch nach Alternativen um. Die Konkurrenz ist bereits erwacht: Jüngst kündigte Webgigant Google an, bis Ende des Jahres in den Markt mit elektronischen Büchern einsteigen zu wollen. Die japanische Sony steht dabei als Partner und Hersteller von Lesegeräten parat. "Angesichts der starken Marke und der Reichweite von Google wäre das eine ernst zu nehmende Konkurrenz", sagt Laura Martin, Analystin beim US-Investmenthaus Soleil Securities.
Auch junge Webunternehmen wie die US-Firma Scribd, die eine digitale Plattform für Printprodukte vom Gedicht bis zum Roman betreibt, registrieren rasant steigende Aufmerksamkeit. 60 Millionen lesen angeblich bei Scribd, kürzlich unterschrieb mit Simon & Schuster das erste große US-Verlagshaus einen Vertrag mit dem Newcomer.
Noch aber ist Amazon am Drücker. Um dem Vorstoß auf den Lehrbuchmarkt Nachdruck zu verleihen, lässt Bezos seine Kontakte zu US-Spitzenunis spielen. Fünf US-Institute wollen ab Herbst mit dem Kindle versuchsweise den Pfad der Leichtigkeit beschreiten, darunter die renommierte Princeton University in New Jersey. Schwarzenegger und seine Highschool-Kids befänden sich mit dem Amazon-Reader also in bester Gesellschaft.