von S. Parplies und K. Szola, €uro am Sonntag
Ein bisschen klingt es nach Abenteuerroman und Märchenwelt: Drei schwarze Krähen kündigen Unheil an. Die weißen Soldaten überbringen gute Nachrichten. Vor dem „hängenden Mann“ sollte man sich besser in Acht nehmen, der Morgenstern verheißt Hoffnung.
Die fantasievollen Gestalten gehören zu einer auf den ersten Blick eher trockenen Wissenschaft: Der Technischen Analyse. Deren Verfechter sind überzeugt, dass der Chart eines Wertpapiers alle relevanten Informationen zu einem Unternehmen widerspiegelt. Deshalb lasse sich aus der Kurskurve eine fundierte Prognose für die künftige Kursentwicklung ableiten.
Besonders Trader, also Anleger, die Wertpapiere nur für kurze Zeit halten, dafür aber sehr häufig handeln, schauen gern auf die Kurven. Denn die Charttechnik ermöglicht es, sich schnell eine Meinung selbst zu völlig unbekannten Wertpapieren zu bilden. Und sie liefert klare Handlungsanweisungen.
Klassische Wegweiser sind Widerstandslinien und Unterstützungen. Ein Widerstand entsteht, wenn ein Wertpapier mehrmals auf ein bestimmtes Kursniveau steigt, dort aber stets zurückgeworfen wird. Offenbar gestehen die Marktteilnehmer dem Papier in diesem Fall keine Kurse über jenem Niveau zu und nutzen Vorstöße zum Verkauf. Je häufiger der Kurs an diesem Widerstand abprallt, desto geringer ist nach Überzeugung von Charttechnikern die Wahrscheinlichkeit, dass ein Durchbruch gelingt. Trader nutzen Widerstände deshalb gern zum Verkauf eines Wertpapiers.
Gegenstück zum Widerstand ist die Unterstützung. Je häufiger der Kurs eines Wertpapiers an einem bestimmten Kursniveau nach oben dreht, desto verlässlicher ist dieser Boden. Trader nutzen Unterstützungen deshalb zum Kauf.
Entgegen einem verbreiteten Vorurteil ziehen Technische Analysten zum Aufspüren von Trends und Trendbrüchen nicht einfach nur Linien mit Lineal und Bleistift. Für eine fundierte Beurteilung werden weitere Indikatoren herangezogen.
Wichtige Zusatzinformationen liefern unter anderem die Handelsumsätze eines Wertpapiers. Tendenziell gilt: Je höher der Umsatz, desto stärker ist die Signalwirkung. Schließlich zeigen hohe Umsätze, dass eine Bewegung von vielen Anlegern getragen wird.
Unter Gelehrten ist die Kunst der Kurvendeutung dennoch umstritten. Fundamentalanalysten lehnen die Charttechnik ab, weil sie klassische Bewertungskennziffern wie Kurs-Gewinn-Verhältnis oder Buchwert und makroökonomische Daten ignoriert. Außerdem betrachtet die Charttechnik ausschließlich die Vergangenheit — die aber habe bestenfalls begrenzte Aussagekraft für die Zukunft.
Dennoch fällt auf, dass sich bestimmte Chartformationen bei völlig unterschiedlichen Aktien und sogar Anlageklassen wiederholen. Skeptiker verweisen auf die Psychologie: Sobald eine genügend große Zahl an Investoren auf zufällig erzeugte Kursausschläge identisch reagiert, würde die Charttechnik vorübergehend zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden.
Fundamentale Probleme
Trotz der nicht verstummenden Kritik beschäftigen viele Banken und Investmenthäuser Technische Analysten. Oft dienen deren Berechnungen als Ergänzung zu den Analysen der Fundamentalisten. Denn gerade in der aktuellen Börsenphase stoßen fundamental argumentierende Analysten an ihre Grenzen.
Rein rechnerisch sind die meisten Aktienindizes und Einzelwerte günstig bewertet. Das aber konnte die Kurserosion in den vergangenen Wochen nicht stoppen. Denn: Anleger vertrauen klassischen Bewertungskennziffern derzeit nicht. Schließlich hat die Vergangenheit gezeigt, dass Gewinnschätzungen von Analysten, die als Basis für Kennziffern wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis herhalten, in Krisenzeiten eine hohe Fehlerquote haben. Fallen die tatsächlichen Gewinne der Unternehmen niedriger aus, werden scheinbar billige Aktien schlagartig teuer. Und selbst wenn die Schätzungen korrekt sind — auch eine billige Aktie kann weiter fallen.
„Die Technische Analyse untersucht die Reaktion der Marktteilnehmer auf bestimmte Ereignisse. Sie zeigt, wie sich das Verhältnis nach Angebot und Nachfrage entwickelt und zieht daraus Schlüsse für die künftige Kursentwicklung“, erklärt Christoph Geyer von der Commerzbank, der von der „Börsenzeitung“ in diesem Jahr zum besten Technischen Analysten gewählt wurde, das Selbstverständnis seiner Zunft.
Den DAX sieht Geyer vor der für die Zukunft der Eurozone wichtigen Griechenland-Wahl unverändert in einer kritischen Phase: „Der im März eingeleitete Abwärtstrend ist intakt. Der Kursrutsch unter 6.000 Punkte Anfang Juni war ein Warnsignal. Für die Sommermonate ist mit weiteren Turbulenzen zu rechnen“, prognostiziert Geyer. Als Kursziele nach unten sieht er für den DAX vorerst eine Spanne zwischen 5.600 und 5.800 Punkten. Eine nicht gerade märchenhafte Aussicht.
Der Leitindex DAX und seine Kerzen (pdf)
Charttechnik: Tipps für Trader (pdf)
Glossar
Kerzencharts
Körper, Docht & Lunte
Kerzencharts veranschaulichen die Kursentwicklung einer Aktie im Verlauf einer abgeschlossenen Periode, zum Beispiel eines Handelstages. Eine Kerze mit einem weißen Körper bedeutet, dass der Kurs gestiegen ist. Der untere Endpunkt des Kerzenkörpers zeigt den Eröffnungs-, der obere den Schlusskurs. Die beiden Spitzen zeigen den höchsten („Docht“) und tiefsten („Lunte“) Kurs des Tages. Eine Kerze mit schwarzem Körper zeigt, dass der Kurs gefallen ist.
Hammer &
Gehängter
Die Kerzenformation des „Hammers“ leitet oft das Ende einer Abwärtsbewegung ein. Charakteristisch ist der kleine Körper und eine lang nach unten ragende Lunte. Er zeigt, dass der Kurs im Tagesverlauf zunächst deutlich gefallen ist, sich dann aber kräftig erholt hat. Die Stimmung hat sich also plötzlich verbessert. Erscheint diese Kerze innerhalb eines Aufwärtstrends, spricht man vom „Hanging Man“. In diesem Fall warnt die Formation, dass sich ein Kursgipfel gebildet haben könnte und eine Trendwende bevorsteht.
Krähen &
Soldaten
Drei schwarze Kerzen („Krähen“) weisen oft auf das Ende eines Aufwärtstrends hin. Die erste Tageskerze dieser Formation zeigt, dass der Kurs zu Handelsbeginn weiter nach oben geschossen ist, die Stimmung im Tagesverlauf aber gedreht hat. Die zwei nächsten Krähen vollenden das Warnsignal. Es ist besonders stark, wenn die Aktie jeweils nahe am Tagestief schließt, also die Lunte am unteren Ende sehr kurz ist. Das Gegenstück der Krähen sind drei „weiße Soldaten“
Morgenstern
Der „Morning Star“ beginnt mit einer lang gezogenen schwarzen Kerze. Sie signalisiert einen deutlichen Kursverlust. Am zweiten Tag eröffnet die Aktie wieder deutlich im Minus, dreht dann aber in die Gewinnzone. Der dritte Tag beginnt mit einem deutlichen Kurssprung und holt die Verluste des ersten Tages annähernd auf. Der Morning Star macht also einen deutlichen Stimmungsumschwung sichtbar und deutet darauf hin, dass der Abwärtstrend gebrochen ist. Das Gegenstück zum Morning Star ist der „Abendstern“.