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31.08.2011 06:00

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KONJUNKTUR

Was die Märkte so nervös macht

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Die wirtschaftliche Lage der Unternehmen ist derzeit besser als die Stimmung der Investoren
Die wirtschaftliche Lage der Unternehmen ist derzeit besser als die Stimmung der Investoren. Worauf Frühindikatoren hindeuten und wie man sie bewerten muss.

von Klaus Schachinger, Euro am Sonntag

Der Schock sitzt tief. Nach Schätzung der Nachrichtenagentur Bloomberg hat der heftige Einbruch der Börsen im August etwa acht Billionen Dollar an Unternehmenswerten vernichtet.

Die Panik der Investoren hat deutliche Auswirkungen auf die reale Wirtschaft. Der Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts, weltweit ­einer der am meisten beachteten Frühindikatoren für die Perspektiven der Firmen in Deutschland und Europa, fiel im August stärker als erwartet von 112,9 auf 108,7 Punkte.

Volkswirte hatten eine moderate Korrektur auf 111 Punkte vorausgesagt. „Die deutsche Wirtschaft kann sich den weltweiten Turbulenzen nicht entziehen“, warnt Ifo-Chef Werner Sinn. Die 7000 befragten Firmenmanager schätzen sowohl die Aussichten für die kommenden sechs Monate als auch die aktuelle Geschäftslage jetzt deutlich schlechter ein als vor dem Börsencrash. Dennoch überwiegt die Zuversicht, dass das Schlimmste zu vermeiden ist.

Noch ist die Lage besser als die Stimmung. Die Gefahr einer Rezession in Deutschland, also zwei Quartale in Folge mit einem Minus bei der Wirtschaftsleistung, schließt Ifo-Konjunkturexperte Klaus Abberger aus: „Davon würde ich im Moment noch nicht sprechen. Die Firmen haben schon noch Auftragspolster. Und nicht jede Abkühlung mündet in eine Rezession. Aber der Aufschwung verlangsamt sich sehr deutlich.“ Europa werde sparen müssen und „als konjunkturelles Zugpferd“ ausfallen, glaubt Abberger. Das Wirtschaftswachstum der Exportnation Deutschland hängt jetzt noch stärker vom Boom in den Schwellenländern, allen voran China, ab. Eine starke Abschwächung des Wachstums ist dort bisher nicht in Sicht.


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Den konjunkturellen Schwung aus dem ersten Halbjahr nutzen deutsche Firmen deshalb, um mehr Geld in den Ausbau ihres Geschäfts zu investieren. Die Mittel fließen nicht in den Ausbau der Kapazitäten, sondern überwiegend in die Verbesserung der Produktpaletten. Laut Ifo werden es 2011 rund 14 Prozent mehr sein als die 38 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Auch deshalb wurde der Rückgang des Ifo-Index an der Börse wohl nicht mit neuerli­chen Kursabschlägen quittiert. „Der Markt ist erleichtert, dass die Zahlen nicht noch schlechter ausgefallen sind. ­Alles, was nicht auf eine Rezession hindeutet, wird positiv gesehen“, sagt ein Börsianer.

Allerdings signalisiert ein heftiger Rutsch des ZEW-Frühindikators eine bevorstehende Rezession. Der Index, der die Erwartung der ­Finanzexperten aus Banken, Versicherungen und Kapitalanlagegesellschaften misst, fiel mit minus 37,6 Zählern auf den niedrigsten Stand seit Ende 2008, als die Pleite der US-Bank Lehman Brothers die Welt in eine Krise gestürzt hatte. Im Gegensatz zum ZEW-Barometer, das stark von der Einschätzung der Bank- und Fondsmanager geprägt wird, ist der unternehmensnahe Ifo-­Index von seinem 2008er-Tiefpunkt bei 85 Punkten noch ein gutes Stück entfernt.

Zuversicht, dass Deutschland nicht erneut in die Rezession rutscht, kommt diesmal auch durch den anhaltend starken Konsum der Bundesbürger. Der Indikator der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) für August ging, weniger als erwartet, nur leicht zurück. Auch Verbraucher fürchten eine Konjunkturflaute, dank des guten Arbeitsmarkts steigt die Kauflaune jedoch weiter.

Die Börse erholte sich vergangene Woche zumindest zwischenzeitlich. Gesucht waren Qualitätsaktien, die zuletzt stark unter die Räder gekommen waren, darunter beispielsweise Papiere von BMW und Volkswagen, die zuvor 30 Prozent ihres Börsenwerts eingebüßt hatten. Doch Experten bleiben skeptisch: Bei einem Stand von 5500 Punkten im DAX sei der zu erwartetende Gewinnrückgang der ­Unternehmen während ­ei­nes normalen Abschwungs schon in den Kursen ent­halten, meint Markus Reinwand, Aktienstratege der Helaba Bank. In Phasen des konjunk­turellen Abschwungs würden die Gewinne der DAX-Konzerne im Durchschnitt um 33 Prozent schrumpfen. Dennoch warnt Reinwand: „Die aktuelle ­Bewertung ist nur ein Puffer, als Kaufargument für Aktien reicht sie nicht aus.“ Die Bewertung sei für Investoren vermutlich noch nicht niedrig genug, „um über die Wachstumsrisiken hinwegzusehen“.

Die Nervosität an den Aktienmärkten wird demnach so schnell nicht weichen. „Unsere Frühindikatoren prognostizieren eine länger anhaltende Schwächephase“, sagte Markus Tischer, Portfoliomanager der Bantleon Bank der „Börsenzeitung“. Im Juni fand seine Warnung, dass der DAX auf 6100 Punkte fallen könnte, wenig Aufmerksamkeit. Jetzt warnt Tischer wieder. Sollte sich die Konjunktur schneller und stärker abkühlen als erwartet, sind „auf Sicht von drei bis sechs Monaten auch 4500 Punkte nicht ausgeschlossen“. Positive Entwicklungen auf konjunktureller Ebene und bei der Schuldenkrise, seien „zeitnah“ nicht in Sicht.

Favoriten sind in einem solchen Umfeld dividendenstarke Titel, deren Geschäftsmodell weniger stark von konjunkturellen Schwankungen beeinflusst wird: Nahrungsmittelhersteller, Pharmaunternehmen und ­Telefongesellschaften.

Der Einfluss der US-Notenbank ist geschrumpft. Falls Ben Bernanke, Chef der US-Notenbank, beim Treffen mit den US-Zentralbankern am Freitag Anleihekäufe oder ähnliche Stützungsmaßnahmen verkünden sollte, wäre das für die Börse keine Überraschung. Tut er es nicht, drohen weitere Rückschläge.

„Die fundamentalen Schocks aus der Rezession sind nicht verdaut“, sagt UBS-Kapitalmarkt- experte George Magnus. Mithilfe von Konjunk-turprogrammen schien die Lösungdes Megaproblems Verschuldung privater und staatlicher Haushalte einfach. Mageres Wirtschaftswachstum und schwache Arbeitsmärkte, vor allem in den USA, zeigen nun, dass die Brisanz ­unterschätzt wurde. Trotz hoher Staatsverschuldung müsse Wirtschaftswachstum Vorrang bekommen, auch durch un­populäre Entscheidungen. Mag­nus: „Sonst steckt der Westen in der Schuldenfalle fest – mit unkalkulierbaren Folgen.“

Investor-Info

Ifo
Zeichen noch nicht auf Rezession
Parallel zum starken Rückgang des Geschäftsklimas fiel auch der Ifo-Index für die Konjunkturerwartungen der Unternehmen auf das schwächste Niveau seit Oktober 2009. Allerdings hat die deutsche Wirtschaft jetzt das hohe Niveau von vor der Krise erreicht – und die Auftragsbücher der Firmen sind gut gefüllt.

GfK
Kaufen statt sparen
Der Index der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ist zum dritten Mal in Folge, aber weniger als erwartet, leicht gefallen. Das positive Umfeld von sinkender Arbeitslosigkeit und steigenden Einkommen gleichen laut GfK den Konjunkturpessimismus weitgehend aus.

Philly Fed
Panikauslöser an der Wall Street
Im Gegensatz zu anderen US-Indikatoren (in Blau), die im Juli zulegten, stürzte der Index der Zentralbank von Philadelphia um 30,7 Punkte ab. Werte über null signalisieren Produktionswachstum. Erleichterung brachten gute Nachrichten zum Auftragseingang der US-Industrie.

ISM
Große Unsicherheit
Die Sorge, dass der ISM-Einkaufsmanagerindex für die US-Industrie im August unter die Wachstumsschwelle von 50 Punkten gefallen sein könnte, lähmt die Kursfantasie der US-Börsen. Die Zahlen gibt es am 1. September.

Altria
Sechs Prozent Dividendenrendite
Der US-Konzern, bekannt für seine Zigarettenmarken Philip Morris, Marlboro oder L & M, hält auch eine Beteiligung an der Brauerei SAB Miller, produziert und verkauft Wein und hält ein Portfolio mit Beteiligungen an Bahn- und Transportfirmen, Immobilien und Versorgern. Zigaretten sind auch im wirtschaftlichen Abschwung gefragt. 80 Prozent des Gewinns werden als Dividende ausgeschüttet. Ergebnis: sechs Prozent Dividendenrendite.

Coca-Cola
Jetzt auch Miniflaschen für Afrika
Der weltweit größte und erfolgreichste Brausekonzern will mit preisgünstigen 200-Milliliter-Flaschen einkommensschwache Bevölkerungsschichten in Afrika ansprechen – etwa in den Townships von Kenia und Tansania. Einziger ebenbürtiger Konkurrent ist auch in den Schwellenländern US-Erzrivale Pepsi. In der Gunst der Anleger liegt Coca-Cola vor Pepsi. Seit mehr als 25 Jahren werden die Dividenden zuverlässig erhöht.

Roche Holding
Schweizer Pharmariese baut um
Roche-Chef Severin Schwan ist Optimist. Es sei falsch zu glauben, dass wegen der auslaufenden Patentfristen „die tief hängenden Früchte geerntet sind und Pharma am Ende ist“. Schwan sieht enorme Chancen, weil „wir jetzt beginnen zu verstehen, wo die Schwierigkeiten liegen“. Die Schweizer haben einen milliardenschweren Umbau gestartet. Mit fünf Prozent Dividendenrendite ist die Aktie ein lohnendes defensives Investment.

Fonds M & W Privat
Absicherung gegen Börsencrashs
Die wahre Krise steht nach Ansicht der Vermögensverwalter Martin Mack und Herwig Weise noch bevor. Ihr Fonds M & W Privat hält physische Edelmetalle und besicherte Edelmetall-ETFs. Gold und Silber stellen knapp ein Drittel des Volumens. Viel wurde auch in Bundesanleihen mit kurzer Laufzeit und in dividendenstarke Aktien deutscher Energieversorger investiert.

Bildquellen: KUKA Roboter GmbH

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