von Charles Somers, Gastautor von Euro am Sonntag
Trommelbäuche galten in früheren Zeiten als seltenes Wohlstandssymbol. Heute dagegen ist Fettleibigkeit eines der größten Gesundheitsprobleme. Deswegen scheinen die vielen Gerüchte, die derzeit über geplante Übergewichtsteuern kursieren, durchaus eine Basis haben. Manche Länder versuchen schließlich, dem Übergewicht mit Steuern auf zucker- und fetthaltige Lebensmittel beizukommen. Das kleine Dänemark leistete dabei Pionierarbeit. Seit Oktober 2011 müssen dort umgerechnet 2,15 Euro pro Kilogramm gesättigter Fettsäure bezahlt werden, wenn Lebensmittel mehr als 2,3 Prozent davon enthalten. Ein Päckchen Butter wird dadurch bis zu 30 Prozent, die Tüte Chips acht Prozent teurer. Frankreich zog mit einer Steuer auf zucker- und süßstoffhaltige Getränke nach. Finnland und Ungarn unternahmen ähnliche Schritte.
Besorgte Anleger fragen sich nun, ob Übergewichtsteuern für den Lebensmittel- und Getränkesektor ähnliche Folgen haben werden wie die Tabaksteuer für den Zigarettenkonsum. Die Hersteller jedenfalls nehmen das Thema ernst. Coca-Cola etwa zählt Übergewicht und mögliche gesetzliche Bestimmungen zu dessen Bekämpfung zu den größten Profitabilitätsrisiken. Mars hat den Anteil gesättigter Fettsäuren in Mars- und Snickers-Schokoriegeln um 15 Prozent gesenkt. Diese Umstellung hat fünf Jahre gedauert und mehrere Millionen Dollar an Forschungs- und Entwicklungskosten verursacht. Andere Hersteller versuchen, gesunde Produktlinien aufzubauen oder auch entsprechende Marken zu erwerben.
Für das Einschreiten des Staates gegen eine zu reichhaltige Ernährung gibt es schwerwiegende Argumente. Allein in den USA verursachen Krankheiten, die mit starkem Übergewicht zusammenhängen, jedes Jahr Kosten in Höhe von rund 190 Milliarden US-Dollar. Das entspricht acht Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben des Landes. Das Problem nimmt im mehrfachen Sinn zu: In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Anzahl der stark Übergewichtigen weltweit auf 1,4 Milliarden verdoppelt, und im Jahr 2030 wird mehr als die Hälfte der Bevölkerung in vielen Ländern fettleibig sein. Zum Vergleich: Aktuell liegt der Anteil der Adipösen, also der krankhaft Übergewichtigen, in Europa bei „noch“ 15,5 Prozent.
Fettverbrauch ist nicht mit
Tabakkonsum vergleichbar
Im Fall einer Übergewichtsteuer wären natürlich Süßwarenproduzenten wie Mars und Lindt, Schnellrestaurantketten und Getränkekonzerne wie Coca-Cola und PepsiCo bei einer sehr strengen Regulierung gewissen Risiken ausgesetzt — wahrscheinlich ist ein solches Szenario aber nicht. Tatsächlich gibt es bisher lediglich in wenigen Ländern konkrete Pläne. Auch andere staatliche Maßnahmen wie Gesetze zur Einschränkung kinderbezogener Werbung und Kennzeichnungspflichten stoßen auf große Widerstände oder sind in ihrer Wirksamkeit umstritten.
Zudem sind viele Großunternehmen so breit aufgestellt, dass Übergewichtsteuern sie nur begrenzt treffen würden. Nestlé erzielt einen erheblichen Umsatzanteil mit Wasser, Kaffee, Tier- und Babynahrung. Deswegen wären laut Schätzungen der Analysten von Kepler Capital Markets im Fall des Falles lediglich rund 30 Prozent des Produktportfolios von einer Fettsteuer betroffen. Bei Unilever wären es sogar nur 25 Prozent — mehr als die Hälfte des Geschäfts besteht mittlerweile aus Haushalts-, Textil- und Körperpflegeprodukten.
Die Ängste vor den Auswirkungen gesetzlicher Maßnahmen erscheinen noch aus einem anderen Grund überzogen: Während Tabakkonsum unbestritten schädlich ist und auf Zigaretten vollständig verzichtet werden kann, sind Fett, Zucker und Salz in Maßen für die menschliche Ernährung unverzichtbar. Das macht es schwer zu ermitteln, was und wie viel besteuert werden sollte.
Unklar ist auch die Wirksamkeit der Steuern. Umfragen zufolge haben nur sieben Prozent der Dänen wegen der Fettsteuer ihre Essgewohnheiten verändert. Ob die von einigen US-Bundesstaaten verhängten Steuern auf Softdrinks das Verhalten der Konsumenten beeinflussen konnten, ist ebenfalls nicht belegt. Diese Steuersätze sind mit einem bis acht Prozent allerdings auch sehr niedrig. Und Übergewichtsteuern müssen hoch sein, um zu wirken. Laut einer aktuellen Studie müssten Softdrinks mit mindestens 20 Prozent besteuert werden, um die Übergewichtsrate beeinflussen zu können.
zur Person:
Charles Somers,
Manager des
Schroder ISF Global Demographic
Opportunities Fund
Der Autor kam 1998 zunächst als Research-Analyst zu Schroders. Im New Yorker Büro des Vermögensverwalters war er für Gesundheits- und
Finanzwerte zuständig, bevor er sich später auf Konsumgüter konzentrierte. Seit 2008 ist er globaler Sektorspezialist für Konsumgüter.
Schroders ist mit einer über 200-jährigen Investmenttradition eine der großen unabhängigen, global aktiven Vermögensverwaltungen und betreut 240,4 Milliarden Euro für private und
institutionelle Anleger weltweit.
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