von Stephan Bauer, €uro am Sonntag
Weiß ich, ob es einen harten Wintereinbruch gibt? Oder ob der Verbraucher dieses Jahr weniger schenkt, weil ihn die Krise schreckt?“ Etwas unwirsch fällt die Antwort des Managers eines deutschen Einzelhandelskonzerns auf die Frage aus, wie denn das Weihnachtsgeschäft 2011 so werden könnte. Und anonym, schließlich will man keinen Pessimismus verbreiten. Es sei nicht so, dass man zittere. Aber es gebe doch sehr viele Unwägbarkeiten.
Dem Handel stehen die wichtigsten Wochen des Jahres bevor – und selten war das Umfeld so unsicher wie jetzt. Es ist weniger die Furcht vor Wetterkapriolen, die – wie der heftige Wintereinbruch im vergangenen Dezember – das Geschäft verhageln könnten. Es ist mehr die wirtschaftliche Großwetterlage in Europa.
Die Schuldenkrise ist Dauerthema, Nachrichten über eine drohende Rezession bei den europäischen Nachbarn verunsichern zusätzlich. Viele Händler blicken deshalb skeptisch in die Saison. 60 Prozent erwarten laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Ernst & Young eine leichte Beeinträchtigung, acht Prozent gehen sogar von erheblichen negativen Auswirkungen auf das Kaufverhalten aus.
Verbandsfunktionäre wettern bereits gegen die Finanzbranche. „Es macht mich zornig, wenn Teile des Finanzsektors in ungezügelter Manier den Wohlstand gefährden“, sagte Josef Sanktjohanser, Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE), soeben auf dem Berliner Handelskongress. Dabei gibt es Anzeichen, dass der früher so sensible deutsche Käufer sich in aufgeräumter Stimmung befindet. Jüngsten Daten des Statistischen Bundesamts zufolge hat der Konsum von Juli bis September für ein erstaunlich robustes Wachstum der deutschen Wirtschaft gesorgt. Und der Konsumklimaindex der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), ein weithin beachtetes Stimmungsbarometer, zeigt Aufwind. Die Anschaffungsneigung nahm demnach im November erstmals seit März zu.
Kaufrausch aus Verzweiflung
Der Befund verblüfft auch erfahrene Branchenbeobachter. „Bei steigender Unsicherheit ist früher regelmäßig die Sparneigung gestiegen. Jetzt nimmt sie ab, die Menschen geben mehr aus“, sagt Konsumforscher Rolf Bürkl von der GfK. Das habe es bislang in Deutschland nicht gegeben: „Wir haben eine neue Situation.“
Wird der deutsche Konsument ausgerechnet in der Finanzkrise vom Langweiler zum Antreiber? Die Frage lässt sich auch anders stellen: Was macht der Verbraucher mit seinem Geld, wenn es kaum Zinsen bringt und das Vertrauen in die Finanzmärkte erschüttert ist? Die Antwort: Er gibt es aus.
Stabile Rahmenbedingungen begünstigen diesen Kaufrausch aus reiner Verzweiflung. Laut Prognose der führenden Wirtschaftsinstitute soll die Arbeitslosenquote in Deutschland auch im kommenden Jahr weiter sinken. Dadurch steigt die Einkommenserwartung vieler Haushalte, zudem sinken die Rentenbeiträge ab Anfang Januar. Auch den 20 Millionen Rentnern stehen ab Mitte des Jahres steigende Altersbezüge ins Haus.

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„Die Vermutung liegt nahe, dass das Weihnachtsgeschäft ordentlich wird“, erklärt deshalb GfK-Experte Bürkl. Auch die Aussichten über die kommenden Wochen hinaus seien erfreulich. „Wir dürften auch im Jahr 2012 eine stabile Entwicklung beim Konsum haben“, so der Fachmann.
Der Konsumaufschwung ist indes ein deutsches Phänomen. Fast überall in Europa sind die Ausgaben eher im Sinkflug. Deshalb profitieren zuvorderst Unternehmen mit hohem Umsatzanteil in Deutschland von der neuen Konsumlust.
Mit der Parfümeriekette Douglas, den Thalia-Buchhandelsfilialen und den Uhren- und Schmuckgeschäften der Marke Christ ist die Douglas-Holding so etwas wie der Geschenkladen der Republik. Für Vorstandschef Henning Kreke ist das Konsumklima besonders wichtig, schließlich macht der Konzern zwei Drittel des Geschäfts im Inland. „Wir können nicht feststellen, dass sich die Stimmung der Verbraucher durch die Eurokrise spürbar verschlechtert hat. Die heiße Phase beginnt jetzt langsam, und die ersten Meldungen aus unseren Fachgeschäften und Onlineshops sind recht vielversprechend“, sagt Kreke. Analysten attestieren dem Konzern Chancen auf ein gutes Quartal. „Im gedämpften Ausblick steckt viel makroökonomische Vorsicht“, sagt Christoph Schlienkamp vom Bankhaus Lampe.
Gleiches gilt für den Fotodienstleister Cewe Color. Bis vor wenigen Jahren machte der Fotoentwickler und -versender sein Geschäft vor allem nach der Urlaubszeit im Sommer. Doch inzwischen laufen Fotobücher besonders gut. Und die werden gern verschenkt. „Unser Geschäft verschiebt sich immer mehr ins Weihnachtsquartal“, bestätigt Unternehmenslenker Rolf Hollander. In diesem Jahr werde Cewe Color rund 90 Prozent des Gewinns im vierten Quartal erwirtschaften. Analysten rechnen mit einem deutlichen Gewinnanstieg.
Aussichtsreich sind auch Aktien aus dem Bereich Luxusgüter, schließlich zählen Uhren und Schmuck, aber auch exklusive Lederwaren und Textilien zu den beliebtesten Geschenken kaufkräftiger Kunden. Der französische Luxuskonzern LVMH und der Schweizer Uhrenhersteller Richemont dürften vom Konsumklima in Deutschland profitieren – allerdings hilft hier auch der große Erfolg bekannter Marken in China.
Wer seinen Umsatz mit Kultprodukten macht, hat auch zu den Festtagen gute Karten. Das trifft nicht nur für den iPad-Erfinder Apple zu, sondern beispielsweise auch für den italienischen Haushaltswarenkonzern De Longhi. Firmenchef Fabio De Longhi berichtete jüngst vor Analysten von sensationellen Kaffeeautomatenbestellungen des deutschen Handels.
Die Neigung der Deutschen zum gepflegten Genuss kann der Weinhändler Hawesko bestätigen. „Champagner läuft in diesem Jahr“, freut sich Firmenchef Alexander Margaritoff. Die Hamburger rechnen mit fünf bis sechs Prozent Umsatzplus in der Saison, auch dank florierendem Onlinegeschäft. Dank des soeben veröffentlichten Mehrheitserwerbs am Weinhändler Wein & Vinos wird der Onlineanteil künftig deutlich steigen. „Das ist das am schnellsten wachsende Geschäft“, sagt Margaritoff.
Beim größten deutschen Handelskonzern, der Metro, hält sich die vorweihnachtliche Freude allerdings in Grenzen. Eher regiert das Prinzip Hoffnung. Die Düsseldorfer haben ihrer Jahresprognose von zehn Prozent Plus beim Gewinn bereits gestrichen. Laut Konzernchef Eckhard Cordes klappt das nur noch, wenn das Weihnachtsgeschäft sehr gut läuft.
Zweierlei spricht dagegen: Der Inlandsanteil am Metro-Umsatz ist inzwischen auf rund 40 Prozent gesunken. Und der Weihnachtsmagnet, die Elektronikketten Media-Markt und Saturn, sind in schlechter Form. Seit Anfang des Jahres stagnierte der Umsatz im Heimatmarkt. Zu schwach
ist Media-Saturn bislang im Onlinebereich aufgestellt. Dabei kauft es sich vom Sofa aus auch bei Schneetreiben gut ein. Ein heftiger Wintereinbruch Mitte Dezember ist für Onlinehändler leichter zu verschmerzen.
Investor-Info
Douglas
Der Weihnachtsklassiker
Hoher Inlandsanteil am Umsatz und Fokussierung auf Sparten, die stark am Weihnachtsgeschäft hängen – Douglas ist die klassische Adventsaktie. Der Kurs litt zuletzt unter schwächeren Verkäufen der Buchhandelssparte. Dennoch stimmen aktuelle Meldungen aus der Branche das Unternehmen positiv. Die Aktie ist günstig, das KGV auf Fünfjahrestief. Fürs abgelaufene Geschäftsjahr (30. September) rechnen Analysten im Schnitt mit sieben Prozent Gewinnwachstum.
CeWe Color
Der Analystenliebling
Es macht zwar etwas misstrauisch, wenn zehn von zehn Analysten eine Aktie zum Kauf empfehlen. Andererseits zeugt die Vergangenheit des Fotodienstleisters von Solidität. Das Unternehmen wächst seit Jahren kontinuierlich, hielt sich auch im Krisenjahr 2009 wacker und lieferte einen ordentlichen Gewinn ab. Die jüngsten Quartalszahlen lagen über den Erwartungen. Die Bewertung ist günstig. Die hohe Dividendenrendite sichert das Papier nach unten ab.
Hawesko
Der Weinexperte
Mit dem Erwerb der Mehrheit am Weinhändler Wein & Vinos engagieren sich die Hamburger stärker im schnell wachsenden Segment spanischer Weine. Der Neuzugang ist zudem im Onlinesegment gut aufgestellt. Der Internetanteil am Versandhandel von Hawesko steigt durch den Zukauf von etwa 25 auf rund 40 Prozent. Die Aktie hat bei etwa 32 Euro einen Boden gebildet. Das Papier ist durch die hohe Dividendenrendite recht gut abgesichert.
DE’ Longhi
Der Trendsetter
Kein klassischer Profiteur des deutschen Weihnachtsgeschäfts – dennoch wachsen die Italiener auch dank der hiesigen Konsumlust. Der Trend zu Kaffeeautomaten hält an. De’ Longhi ist zudem in Schwellenländern erfolgreich. Laut Unicredit war das dritte Quartal das beste seit Jahren, auch weil das Kaffeesegment um bis zu 30 Prozent zugelegt hat. Analysten rechnen 2012 mit einem Gewinnplus von über 20 Prozent.
Bildquellen: Julian Mezger