Konjunkturforscher: „Prognosen haben Unsicherheitsfaktoren“
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Es ist immer so, dass in turbulenten Zeiten eine einzelne Nachricht höher bewertet wird als in ruhigen Zeiten. Wenn niemand so richtig weiß, wo es hingeht, wird jede konjunkturelle Aussage stark gewichtet. Das ist in den Zeiten der Finanzkrise aber nicht anders als in anderen konjunkturellen Abschwungphasen.
Auch Ihre Zunft hat bei den Vorhersagen des Absturzes danebengelegen. Woran lag’s?
Prognosen haben immer einen großen Unsicherheitsbereich. Unsere Annahmen gehen derzeit etwa davon aus, dass wir keine neue Bankenkrise mehr erleben und auch nicht, dass ein großes Land in eine Staatspleite gerät. Wenn sich diese Annahmen ändern, müssen die Voraussagen erheblich angepasst werden. Das war auch zu Beginn der Finanzkrise der Fall.
Worauf basieren Ihre Prognosen?
Zuallererst auf der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Das sind Daten der Vergangenheit. Dann nehmen wir kurzfristige Indikatoren auf wie Stimmungsbarometer, Umfragewerte und regelmäßig veröffentlichte Daten wie Exporte und Industrieproduktion. Das daraus gewonnene Bild muss in die Weltwirtschaft passen. Deshalb vergleichen wir die Daten mit denen aus anderen Regionen der Welt und leiten daraus unsere Konjunkturprognose etwa für Deutschland ab.
Was unterscheidet eine gute von einer schlechten Prognose?
Das ist manchmal auch eine Frage der Perspektive. Man kann etwa bei der Zahl des Bruttoinlandsprodukts (BIP) danebenliegen, aber bei den Einzelindikatoren wie der Industrieproduktion, Nachfrageentwicklung, Staatsverbrauch in der Tendenz völlig richtig gelegen haben. Eine andere Prognose hat vielleicht einen Konsumanstieg und einen Produktionsrückgang erwartet. Am Ende kam es genau anders herum, aber die BIP-Vorhersage stimmte. Wer nur auf diese eine Zahl blickt, für den wäre diese Vorhersage dann die passende. Für alle, die tiefer blicken wollen, sicher nicht.
Wie können sich Anleger vor falschen Prognosen schützen?
Sie sollten sich Prognosen unterschiedlicher Institute ansehen und miteinander vergleichen. Jeder Marktteilnehmer muss sich ein eigenes Bild davon machen, was er plausibel findet. Da hat auch der Anlegertyp großen Einfluss: ob konservativ und damit eher der Gesamtmeinung zuneigend oder risikofreudig und sich an der Extremposition orientierend.
Vita Michael Bräuninger
Prof. Dr. Michael Bräuninger leitet seit 2006 die Konjunkturforschung beim Hamburger Weltwirtschafts-Archiv (HWWA). Seit 2009 unterrichtet der diplomierte Volkswirt zudem an der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität.


