von Thomas Schmidtutz, €uro am Sonntag
Die indische IT-Branche galt lange als Hort der Seligen. Weil die Softwareingenieure des Subkontinents Weltklasseniveau boten, aber deutlich günstiger waren als ihre Kollegen in Europa oder den USA, bauten IT-Konzerne aus den Industrienationen binnen weniger Jahre riesige Entwicklungszentren in Städten wie Bangalore oder Hyderabad. Zugleich setzten die indischen IT-Dienstleister um Wipro oder Tata Consultancy Services zum Siegeszug um die Welt an.
Doch im Vorjahr bekam die erfolgsverwöhnte Branche mit dem Bilanzskandal beim IT-Dienstleister Satyam erste Kratzer. Um über eine Milliarde Dollar hatte Unternehmensgründer Ramalinga Raju die Bilanzen aufgepumpt. Am 7. Januar 2009 flog der Betrug auf. Der indische Enron-Fall erschütterte die Börse in Mumbai und sandte Schockwellen rund um den Globus. Raju sitzt heute im Gefängnis. Und Satyam gehört inzwischen zum indischen IT-Konzern Tech Mahindra. €uro am Sonntag sprach mit dem Chef des neu geformten Unternehmens Mahindra Satyam, Chander Prakash Gurnani, über den Blick in
den Abgrund und den steinigen Weg zurück.
€uro am Sonntag: Herr Gurnani, der Bilanzskandal bei Satyam vor fast genau einem Jahr hat die indische Börse und die erfolgsverwöhnte indische IT-Branche erschüttert. Satyam stand am Rand des Zusammenbruchs. Haben Sie erwartet, dass Satyam dieses Desaster überleben könnte?
Chander Prakash Gurnani: Sie werden vielleicht überrascht sein, aber ich hatte daran keinen Zweifel.
€uro am Sonntag: Bitte?
Gurnani: Ja. Natürlich hatte ich keine präzise Vorstellung, in welche Richtung es gehen würde. Ich hatte eigentlich eher eine Aufspaltung in zwei Unternehmen erwartet: das existierende Unternehmen mit den Verbindlichkeiten und ein zweiter Teil mit den bestehenden Kunden und den Mitarbeitern, der an einen Käufer gehen könnte. Aber ich war überzeugt, dass Satyam am Markt weiter bestehen würde.
€uro am Sonntag: Ist das die Verklärung aus der Retrospektive?
Gurnani: Nein. Schauen Sie: Ich habe 2008 bei Tech Mahindra, einem IT-Spezialisten für die Telekombranche, gearbeitet. Wir hatten zu dieser Zeit entschieden, uns zu diversifizieren, und daher verschiedene potenzielle Übernahmeziele geprüft. Satyam gehörte dazu. Ich habe mir das Unternehmen seit September 2008 sehr genau angeschaut und wusste, dass das Portfolio hervorragend war und die Integrität der Mitarbeiter außer Zweifel stand. Es war ja ein Betrug von ganz wenigen.
€uro am Sonntag: Im Kern waren es Satyam-Gründer B. Ramalinga Raju und sein Bruder. Ramalinga Raju gehörte in Indien wegen seiner sozialen Projekte zu den bekanntesten Unternehmern. Haben Sie Kontakt zu ihm?
Gurnani: Persönlich nicht. Aber als es Berichte gab, dass er einen Herzinfarkt hatte, habe ich der Familie meine Wünsche für eine baldige Erholung zukommen lassen. Das alles ist ein unfassbares Drama. Raju ist einer der größten indischen Wohltäter. Er hat ein Unternehmen aufgebaut und es selbst zum Einsturz gebracht. Für die Mitarbeiter war das eine Katastrophe. Viele waren am Boden zerstört.
€uro am Sonntag: Das Unternehmen auch. Wie schlimm war es wirklich?
Gurnani: Schrecklich. Damals war Lehman gerade zusammengekracht, die Weltwirtschaft war am Boden. Dann kam der Bilanzbetrug. Die Aktie ist bis auf sieben Rupien abgestürzt. Es war der perfekte Sturm.
€uro am Sonntag: Wie hat Satyam aus dieser Situation wieder herausgefunden?
Gurnani: Die indische Regierung hat hier sicher eine sehr wichtige Rolle gespielt. Sie hat sehr besonnen reagiert und Satyam nicht sich selbst überlassen. Sie hat auch kein Kapital gegeben, anders als etwa die US-Regierung. Stattdessen brachte sie sehr starke Persönlichkeiten in den Verwaltungsrat. Der hat die Weichen gestellt. Dazu gehörte die Entscheidung, frisches Kapital aufzunehmen. So wurde sichergestellt, dass der laufende Betrieb aufrechterhalten wurde, dass die Mitarbeiter gehalten werden konnten und dass genügend Reserven vorhanden waren, um alle möglichen künftigen Ansprüche bedienen zu können, die aus den juristischen Auseinandersetzungen kommen könnten. Die Reaktion der indischen Regierung war beispielhaft.
€uro am Sonntag: Ist denn das Schlimmste inzwischen überstanden?
Gurnani: Absolut. Wir haben die Situation stabilisiert. Jetzt läuft gerade die Wiederbelebung. Sehen Sie: Am 7. Januar 2009 hatte Satyam über 500 Kunden. Zum Stichtag des Einstiegs von Tech Mahindra am 30. April 2009 hatten wir noch 380 Kunden. Seither haben wir 35 Neukunden gewonnen. Gleichzeitig konnten wir von den Kunden, die Ende April noch bei uns waren, fast alle halten.