von Jens Castner, Euro am Sonntag
Sein Führungsstil sei mehr der eines Unternehmers als der eines bezahlten Managers, sagen Kenner der Szene. Das macht Harald Christ begehrt in den Vorstandsetagen der Hochfinanz.
Gerüchte, wonach er demnächst wieder beim Branchenprimus anheuern könnte, dementiert er jedoch mit staatsmännischer Eleganz. Zwar wird der gebürtige Rheinhesse demnächst wieder eine leitende Position, entweder in der Finanz- oder in der Immobilienbranche, übernehmen. Aber eine Rückkehr zur Deutschen Bank, wo er einst als einer der Jungstars galt, stehe derzeit nicht auf der Agenda, sagt der 38-Jährige. Die Entscheidung soll noch in 2010 fallen.
Obwohl jung an Jahren, hat Harald Christ schon eine beachtliche Karriere hingelegt. Nach seinem Abschied von der Deutschen Bank wurde er 2002 Vorstandschef des Finanzdienstleisters HCI, den er drei Jahre später erfolgreich an die Börse führte. Weitere Stationen seiner Karriere führten den Banker Christ über die WestLB zur Weberbank. Der Unternehmer Christ baute unterdessen die Investmentfirmen Conomus Treuhand AG und Custodia Treuhand- und Vermögensverwaltung AG auf.
Der Politiker Christ, überzeugter Sozialdemokrat seit 22 Jahren, berät den Bundesparteivorstand.
Sein Sachverstand war auch im Hamburger Haushalts- und Finanzausschuss gefragt, als es um ein Sanierungskonzept für die angeschlagene HSH Nordbank ging. Seit neuestem ist Christ Schatzmeister der Berliner SPD.
€uro am Sonntag: Herr Christ, wie weit links kann ein Unternehmerherz schlagen?
Harald Christ: Unternehmertum ist keine Frage von links oder rechts. Und es hat, wenn ich mal daran erinnern darf, in der Sozialdemokratie eine lange Tradition. Man denke nur an Philip Rosenthal oder auch Karl Schiller, der sehr wirtschafts- und unternehmerfreundlich war. Deshalb sehe ich hier keinen Widerspruch. Entscheidend ist nicht links oder rechts, sondern ob man eine gute oder eine schlechte Wirtschaftspolitik macht.
Wie sähe denn eine gute Wirtschaftspolitik für Deutschland Ihrer Meinung nach aus?
Ursprung aller Überlegungen muss sein, wie Deutschland in einer globalisierten Weltwirtschaft über Jahrzehnte wettbewerbsfähig erhalten werden kann. Was uns in den vergangenen 50, 60 Jahren stark gemacht hat, waren Unternehmergeist, Erfindungsreichtum. Patente und dergleichen. Um diesen Standortvorteil zu bewahren, müssen zunächst die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten forciert werden – und vorgelagert die Investitionen im Bereich der Bildung. Wir müssen heute an den Schulen und Universitäten die Ingenieure ausbilden, die uns die Innovationen von morgen sichern.
Wie sollen höhere Bildungsetats refinanziert werden?
Zum Beispiel über den Abbau von Subventionen. Und ganz bestimmt nicht über unseriöse Wahlkampfversprechen wie Steuersenkungen.
Steuersenkungen gelten gemeinhin als geeignetes Mittel, um die Konjunktur anzukurbeln.
Vor dem Hintergrund der Krise und der Rekordstaatsverschuldung war das aber schon im Bundestagswahlkampf unrealistisch. Tatsächlich gesenkt worden sind die Steuern auf Hotelübernachtungen – das ist Klientelpolitik und widerspricht dem Gedanken der Solidargemeinschaft. Auf der anderen Seite steigen die Abgaben auf breiter Front. Aktuelles Beispiel: die Krankenkassenbeiträge. Das belastet Arbeitnehmer und Unternehmen im gleichen Maße. Und es schwächt beide in gleichem Maße.
Was fordern Sie?
Die Abgabenlast muss auf einem erträglichen Niveau eingefroren werden, ansonsten leidet die Kaufkraft. Wir müssen aber den privaten Konsum im Auge behalten. Um es mit Schiller zu sagen: Die Pferde müssen wieder saufen – oder überhaupt erst in die Lage versetzt werden zu saufen. Wenn wir der Bevölkerung immer mehr wegnehmen, werden wir irgendwann unwillkürlich an Wachstumsgrenzen stoßen.

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Sich auf den privaten Konsum zu stützen, klingt ein wenig nach dem amerikanischen Modell.
Natürlich darf Konsum nicht auf Pump finanziert werden. Aber man kann auch das eine oder andere von den USA lernen. Zum Beispiel werden wir unsere Zuwanderungs- und Integrationspolitik überdenken müssen. Die Amerikaner haben erkannt, dass das ein elementarer Bestandteil der Wirtschaftspolitik und eine Triebfeder für künftiges Wachstum ist. Wir haben in Deutschland 42 Millionen Erwerbstätige. Diese Zahl wird in den nächsten 40 bis 50 Jahren auf 26 Millionen zurückgehen. Da gleichzeitig die Anzahl der Rentner deutlich zunehmen wird, werden wir ohne Zuwanderung nicht auskommen.
Sie denken sehr langfristig. Wie können die Pferde kurzfristig wieder zum Saufen gebracht werden?
Zunächst einmal müsste die Umverteilungspolitik von unten nach oben gestoppt werden, die von der Regierungskoalition im Moment betrieben wird. Die aktuellen Sparpläne sehen vor, dass die unteren und mittleren Einkommensschichten mal wieder die Hauptlast schultern sollen. Die wirklich hohen Einkommen leisten prozentual einen geringeren Beitrag zur Bewältigung der Krise. Aber das ist der falsche Weg. In einer Krise muss mehr auf den starken Schultern lasten als auf den schwachen.
Nun zählen Sie nicht unbedingt zu den Geringverdienern. Würden Sie sich selbst einen höheren Beitrag zur Gesundung des Staatshaushalts aufbürden?
Ich kann ja nicht von anderen etwas verlangen, das ich selbst nicht tun würde. Ich persönlich wäre durchaus bereit, für eine gewisse Zeit einen höheren Beitrag zu leisten als andere, die dazu vielleicht nicht in der Lage sind, weil die Krise sie härter getroffen hat als mich.
Und Sie tätigen solche Aussagen nicht nur, um parteiintern das Klischee vom gierigen Finanzinvestor und Bankmanager zu widerlegen?
Keineswegs. Ich lebe gerne im Zentrum Europas und leiste ebenso gerne meinen Beitrag zur Solidargemeinschaft. Außerdem sehe ich mich nicht als Finanzinvestor – zumindest nicht in dem Sinn, dass ich zur kurzfristigen Profitmaximierung und kreditfinanzierte Beteiligungen eingehen würde. Ich habe immer langfristig investiert, vorzugsweise in traditionelle Branchen wie Immobilien oder Schifffahrt – und ausschließlich mit eigenem Geld. Und was den Bankmanager angeht, müsste man zurzeit korrekterweise sagen: Bankmanager ohne feste Anstellung bei einer Bank.