von Marc Hofmann, €uro am Sonntag
Am Zuckerhut ist den sambaverrückten Brasilianern zuletzt das Tanzen vergangen. Zumindest, wenn es sich um Börsenmakler handelt. Denn in den vergangenen anderthalb Jahren hat der brasilianische Aktienindex Bovespa rund elf Prozent an Wert verloren. „Keiner glaubt mehr daran, dass die Unternehmen ihre Gewinne derzeit noch steigern können,“ begründet Anders Damgaard, Manager des Sydinvest-Latin-America-Equity-Fonds die Entwicklung. Das globale Wachstum schwäche sich ab. Zudem drückten auf dem Inlandsmarkt steigende Lohnkosten auf die Margen.
Für Anleger wird es daher Zeit, sich nach Alternativen umzusehen. Fündig wird man zum Beispiel in Peru, Chile und Kolumbien. Dort boomt die Wirtschaft, die Inflation ist niedrig, und die Börsen expandieren. „Peru besitzt das größte Potenzial unter den lateinamerikanischen Staaten“, meint etwa Carina Güerisoli von der argentinischen Fondsgesellschaft Compass. Die Bevölkerung ist jung, die Staatsverschuldung gering und der Rohstoffreichtum enorm. Gut sieht es auch in Kolumbien aus. Erst im März kürte das Magazin „Forbes“ die Börse des Landes zur rentabelsten in Südamerika.
Durch die Korrekturen der Rohstoffpreise und die Verlangsamung des globalen Wachstums haben zwar auch die Märkte in Peru, Chile und Kolumbien seit Jahresbeginn Verluste erlitten. Doch im Vergleich zu Brasilien steht hier seit Januar 2010 noch immer ein Plus von 30 bis 45 Prozent an. Im Vergleich dazu: S & P 500 oder DAX legten im gleichen Zeitraum lediglich um rund zehn beziehungsweise 18 Prozent zu. Ein Investment in die kleinen Latinostaaten lohnt sich also.
Bislang war das aufgrund mangelnder Produkte jedoch oft schwierig. Schuld sind Größe und Liquidität der Märkte. Die Kapitalisierung der Börse Peru erreicht zum Beispiel gerade mal 135 Milliarden US-Dollar. Fonds lassen die kleinen Latinos daher oft links liegen.
Um das Problem zu lösen, haben Chile, Peru und Kolumbien am 30. Mai die Gemeinschaftsbörse Mila (Mercados Integrados Latinoamericanos) gegründet. Bis 2012 sollen 600 Unternehmen gelistet und die Börse zur zweitgrößten in Südamerika ausgebaut werden. Die höhere Liquidität dürfte die Produktvielfalt und letztlich auch die Kurse beflügeln. Denn durch den verbesserten Marktzugang kann dann auch mehr Kapital an die Börsen fließen.

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Anleger, die sich rechtzeitig positionieren wollen, sollten sich daher schon jetzt einen Überblick verschaffen. Und wer auf die breiten Märkte setzen will, findet immerhin schon einige Produkte dafür.
Chile:
Musterknabe Südamerikas
Chile ist zurzeit der attraktivste Markt Lateinamerikas“, meint Jonathan Asante, Portfoliomanager bei First State. Die am Mittwoch veröffentlichten Zahlen der Notenbank stützen seine Aussage: Im ersten Quartal 2011 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 9,8 Prozent. Gleichzeitig verharrte die Inflation bei niedrigen 3,1 Prozent.
Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 11.900 US-Dollar hat Chile bereit heute seine größeren Nachbarn Brasilien (8.400 Dollar), Argentinien (7.650 Dollar) oder Mexiko (8.600 Dollar) abgehängt.
Auch Schulden belasten den Andenstaat kaum. Während die Industrienationen mit drei- bis vierstelligen Milliardensummen ringen, liegt die Staatsverschuldung in Chile gerade mal bei 13,5 Milliarden Dollar (neun Prozent des BIP). Kein Wunder also, dass das Land mit „A+“ auch das beste Rating unter den südamerikanischen Staaten trägt.
Quelle des Wohlstands sind die größten Kupfervorkommen der Erde. Rund 40 Prozent der globalen Reserven lagern in Chile. 2010 wurden 5,7 Millionen Tonnen des Metalls (31 Prozent der Weltproduktion) exportiert. Marktführer ist Chile zudem bei der Förderung von Lithium. Nach Meinung der Fondsgesellschaft Investec könnte das Leichtmetall künftig für das Land noch weiter an Bedeutung gewinnen. Denn Lithium ist für Hochleistungsakkus unerlässlich. Der prophezeite Boom der Elektroautos könnte für Chile daher zum Milliardengeschäft werden.
Anleger, die investieren möchten, finden für Chile derzeit die größte Produktauswahl unter den kleinen Latinostaaten. Neben Zertifikaten gibt es einen ETF sowie Anleihen in US-Dollar und Peso.
Peru:
Viel Wachstum, geringe Inflation
Perus Aktienmarkt hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Rally hingelegt. Allein 2010 legte der IGBVL-Index um 70 Prozent zu. Seit 2007 wächst die Wirtschaft um durchschnittlich sieben Prozent pro Jahr. Zudem ist die Inflation (2010: zwei Prozent) die niedrigste Lateinamerikas. Neben der Landwirtschaft sind vor allem Bodenschätze für den Boom verantwortlich. Der Export von Erzen macht etwa die Hälfte der gesamten Ausfuhrerlöse (30 Milliarden Dollar) aus. Die wichtigsten Produkte sind Silber (weltgrößter Exporteur), Kupfer (zweitgrößter Produzent nach Chile), Zink (drittgrößtes Fördervolumen) und Gold (sechstgrößtes Vorkommen).
Der Wahlsieg von Ollanta Humala am 5. Juni zeigt jedoch auch eines der grundlegenden Risiken der kleinen Latinostaaten auf: politische Unsicherheit. Der neu gewählte Präsident war mit dem Versprechen angetreten, die armen Bevölkerungsschichten künftig am Aufschwung teilhaben zu lassen. Im Klartext: Ausländische Bergbauunternehmen sollen – ähnlich wie in Venezuela – stärker zur Kasse gebeten werden. Der Aktienmarkt Perus brach daher am Tag nach der Wahl um zwölf Prozent ein.
Mittlerweile hat Humala seine Aussagen jedoch relativiert, und Experten vor Ort gehen von einer Politik des Pragmatismus mit moderaten Steuererhöhungen aus. Die Börse konnte ihre Verluste daher bereits wieder wettmachen. Die großen Bergbaukonzerne Xstrata, Gold Fields oder Buenaventura kündigten ebenfalls an, an ihren Förderprojekten „in jedem Fall“ festhalten zu wollen. Aktuell kann man über Zertifikate sowie Bonds in Euro, US-Dollar und Peso in den Markt investieren.
Kolumbien:
Runter vom Drogentrip
Landläufig verbindet man Kolumbien mit Drogenhandel, Kidnapping und Gewaltexzessen. Doch dieses Bild ist überholt. Die Gewalt- und Drogendelikte sind seit Einführung des Plan Colombia im Jahr 1999 stark gesunken. Bogotá ist mittlerweile sicherer als Caracas, Buenos Aires oder Mexiko-Stadt.
Die neu gewonnene Sicherheit kommt auch der Wirtschaft zugute. Laut Angaben der Weltbank ist das Geschäftsklima Kolumbiens mittlerweile das zweitbeste in Lateinamerika. Das zieht bei Investoren. Die Zahl der ausländischen Direktinvestitionen ist im ersten Quartal 2011 um 54 Prozent auf 3,6 Milliarden Dollar gestiegen. „Neben Supermarktketten und Generikaherstellern gehören vor allem Rohstoffunternehmen zu den Rückkehrern“, sagt Carina Güerisoli von der argentinischen Fondsgesellschaft Compass. Denn auch Kolumbien verfügt über große Rohstoffvorkommen, namentlich über Nickel, Steinkohle und Kaffee. Bedeutend ist auch der Export von Schnittblumen. Durch den globalen Aufschwung wuchs Kolumbiens Wirtschaft 2010 um 4,3 Prozent, für 2011 wird mit fünf Prozent plus gerechnet.
Im März trug die Ratingagentur Standard & Poor’s der positiven Veränderung Rechnung. Nach zwölf Jahren Pause wurde Kolumbien wieder in den Investment-Grade („BBB-“) hochgestuft. Für Anleger ist zu beachten, dass der Markt – ähnlich wie Peru - noch relativ klein und bisweilen schwer zugänglich ist. Aktuell sind nur 86 Unternehmen an der Börse (IGBC) gelistet. Die Schwankungsanfälligkeit ist entsprechend hoch. Neben Anleihen in US-Dollar und Peso können deutsche Anleger derzeit nur über Zertifikate in das Land investieren.
Zertifikate,
ETFs & Bonds
Chile ist das einzige Land, in das Anleger derzeit mit einem ETF investieren können. Der Indexfonds (ISIN: IE 00B 5NL L89 7) von Credit Suisse bildet die Wertentwicklung des MSCI-Chile-Index nach. In den vergangenen drei Monaten legte der ETF um 8,31 Prozent zu. Auch mit dem Chile-Inter10-Index-Open-End-Zertifikat der RBS (ISIN: NL 000 075 658 3) können Anleger von der Entwicklung des breiten Aktienmarkts profitieren.
Peru bietet Anlegern derzeit ebenfalls eine Besonderheit: Es ist das einzige Land, das auch eine Anleihe (ISIN: XS 020 328 118 2) in Euro emittiert hat. Der Bond hat eine Laufzeit bis 2014 und bietet aktuell eine Rendite um 4,25 Prozent. In den Aktienindex des Landes, den Peru-TR-Index, kann man wiederum mit einem Zertifikat der RBS investieren (ISIN: DE 000 AA0 PEU 5).
Kolumbien ist für deutsche Anleger per Zertifikat ebenfalls nur durch ein Papier der RBS zugänglich (ISIN: NL 000 956 984 7). Es basiert auf dem MSCI-Colombia-Index, der die Wertentwicklung von acht der größten börsennotierten Unternehmen des Landes nachvollzieht. In den vergangenen drei Monaten legte das Zertifikat um elf Prozent zu.