von Wolfgang Hagl
Wolfgang Mayrhuber hat sich sicherlich einen entspannteren Ausklang seiner Lufthansa-Karriere gewünscht. Doch ausgerechnet im vergangenen Jahr seiner seit 2003 währenden Amtszeit kommt es für den Vorstandschef der Airline noch einmal richtig dicke: Seit Monaten muss
sich der Österreicher mit Turbulenzen unterschiedlichster Art herumschlagen.
Kaum waren der harte Winter und der Pilotenstreik ausgestanden, trübte die Aschewolke aus dem isländischen Vulkan Eyjafjallajökull nicht nur die Sicht aus den Cockpits, sondern auch die Erfolgsrechnung der Lufthansa. Und jetzt gefährdet die Bundesregierung mit einer ab dem kommenden Jahr geplanten Luftverkehrsabgabe die Gewinnmargen.
Eine Milliarde Euro verspricht sich Angela Merkel jährlich davon, den Passagieren bei einem Inlandsflug 13 Euro abzunehmen. Auf der Langstrecke sollen es 26 Euro sein. „Die Gesamtbelastung von einer Milliarde Euro pro Jahr übersteigt die Summe der 2009 von allen deutschen Flughäfen und Fluggesellschaften erzielten Unternehmensergebnisse“, schimpfen mehrere Unternehmensverbände in einer gemeinsamen Stellungnahme zu den Plänen.
Die Luftfahrt- und Tourismusbranche befürchtet eine massive Abwanderung der Kundschaft in das benachbarte Ausland. Fünf Millionen weniger Passagiere werde es geben, so das Szenario der Lobbyverbände, 10 000 Arbeitsplätze seien in Gefahr. Als mahnendes Beispiel werden die Niederlande angeführt. In der Tat war die dort 2008 eingeführte Luftverkehrsabgabe wegen deutlicher Einbußen für den Sektor bereits nach einem Jahr Geschichte. Mittlerweile kommt auch aus der Regierung selbst Kritik am deutschen Vorstoß. Vor allem FDP-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle warnt vor einem Verlustgeschäft.
Die Steuer wird wohl kommen
Trotz der heftigen Diskussionen geht Unicredit-Analyst Uwe Weinreich davon aus, dass die Steuer kommt. „Auf welche Weise auch immer, sie wäre kontraproduktiv und würde deutsche Airlines und Airports unnötigerweise belasten“, meint der Luftfahrtexperte.
Doch es trifft keine kranke Branche. Denn die Luftfahrtindustrie bekommt derzeit von mehreren Seiten Rückenwind, die Geschäfte laufen bei den meisten Firmen nicht schlecht. „Der Aufschwung bei den Airlines ist intakt“, so Weinreich.
Deshalb hat die Ankündigung der Ticketsteuer der Lufthansa-Aktie nicht geschadet. Seit fast einem Jahr absolviert der Wert einen Seitwärtsflug. Auch die jüngst vorgelegten Quartalszahlen brachten nicht den erhofften Impuls nach oben.
Anfang Juni revidierte die International Air Transport Association (IATA) ihre Prognose für 2010. Demnach sollen die Airlines rund um den Globus im laufenden Jahr einen Nettogewinn von 2,5 Milliarden US-Dollar erwirtschaften. Zuvor hatte die IATA annähernd drei Milliarden Dollar Verlust erwartet.
Flugaufkommen steigt
Zuversichtlich stimmt die Interessengemeinschaft das zuletzt deutlich gestiegene Flugaufkommen. Ein Eindruck, den die Verkehrszahlen der Lufthansa bestätigen: Sowohl im Mai als auch im Juni verzeichnete die größte Airline Europas bei den Passagierzahlen zweistellige Wachstumsraten. Noch besser läuft es bei der Fracht. „Das Cargogeschäft boomt derzeit richtig“, sagte Finanzvorstand Stephan Gemkow kürzlich im Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters.

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J.
Air Berlin kann im Vergleich zur Lufthansa nicht Schritt halten. Im Juni waren im Schnitt nur drei Viertel aller Plätze belegt. Zum Vergleich: Der Branchenkrösus schaffte eine Auslastung von 83 Prozent. Zudem konnte Air Berlin einen Teil der Kundschaft offenbar nur mit deutlichen Preisnachlässen zum Check-in bewegen. Der durchschnittliche Umsatz je Sitzplatzkilometer lag im Juni mit 5,51 Cent mehr als neun Prozent unter dem Vorjahreswert.
Angesichts dieser Entwicklung wundert der Ärger von Konzernchef Joachim Hunold über die geplante Steuer nicht: „Das ist eine politische Entscheidung, die ich in keiner Weise nachvollziehen kann.“ Auf Air Berlin sieht er eine Belastung von 180 bis 220 Millionen Euro jährlich zukommen. Zwar ist Hunold davon überzeugt, 2010 vor Zinsen und Steuern mehr verdienen zu können als die 28,5 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Die Ticketsteuer will er aber an die Passagiere weiterreichen.
Ganz anders Fraport-Chef Stefan Schulte. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er am Freitag, er glaube, dass „wegen zehn oder 13 Euro nur wenige Passagiere in Ausland ausweichen werden“. Damit stellt sich Schulte klar gegen die eigenen Lobbyverbände. Gleichwohl fordert er Nachbesserungen. So sollten von der neuen Steuer im ersten Jahr die erwarteten Einnahmen aus dem Emissionshandel der EU vorab abgezogen werden.
Dies würde die Belastung der Flugbranche zunächst auf 700 Millionen Euro beschränken. Zudem schlägt er vor, auf Kurzstrecken nur acht bis zehn, auf Langstrecken 16 bis 20 Euro zu verlangen.
Fraport-Chef Schulte kann selbstbewusst auftreten. Denn die Geschäfte des Flughafenbetreibers laufen gut. Für das laufende Jahr hat sich Fraport rund 635 Millionen Euro Bruttogewinn vorgenommen. In den kommenden fünf Jahren solle er auf „eine Milliarden Euro“ steigen, verriet Schulte dem Magazin €uro in einem Interview. Gut möglich, dass Schulte bei der Vorlage der Halbjahreszahlen am 5. August die Prognose für dieses Jahr leicht anhebt.
Die Sorgen überwiegen
Die Pläne der Bundesregierung stellen freilich nur ein Risiko für die Luftfahrtbranche dar. Weitaus schwerwiegendere Folgen hätte eine neuerliche Schwäche der Weltkonjunktur. Seien es Verbraucherstimmung und Häuserverkäufe aus den USA, die chinesische Industrieproduktion oder die anhaltenden Sorgen um Europas Staatshaushalte:
Zuletzt erhielten die Konjunkturskeptiker viel Nahrung. Immer häufiger ist bereits vom sogenannten Double Dip, also dem erneuten Abgleiten in eine Rezession, die Rede.
Der in den vergangenen Monaten zu beobachtende sprunghafte Anstieg des weltweiten Personen- und Gütertransports wäre in diesem Szenario nicht nachhaltig. Zumal Europa hinterherhinkt. Das globale Wachstum der Luftfahrt kommt vor allem aus Boomregionen wie Lateinamerika. Noch lebt der Aufschwung, doch Anleger sollten sich den zyklischen Papieren der Luftfahrtindustrie mit der gebotenen Vorsicht nähern. Eine Möglichkeit dazu bieten teilgeschützte Zertifikate (siehe Investor-Info).
Wie schnell der Sektor aus dem Takt geraten kann, hat das Jahr 2010 bereits eindrucksvoll vor Augen geführt.
Investor-Info
Lufthansa
Besserung in Sicht
Die Lufthansa profitiert im Passagiergeschäft und bei der Luftfracht von der Konjunkturerholung. Auch die Restrukturierung der Töchter AUA und BMI kommt voran. Die Mehrheit der Analysten rechnet inzwischen mit einem Gewinn im laufenden Geschäftsjahr. Hält der Trend an, ist sogar eine Dividende möglich. Die Lufthansa-Aktie bleibt eine attraktive Turnaround-Spekulation.
Air Berlin
Enttäuschende Entwicklung
Vulkanasche und Griechenland-Krise machten dem zweitgrößten deutschen Carrier im ersten Halbjahr zu schaffen. Air Berlin verzeichnete einen Rückgang der Passagierzahlen. Im Juni gab zudem der Erlös je Sitzplatzkilometer stark nach. Kein Wunder, dass die Börse skeptisch ist. Die Aktie liegt seit Ende 2009 weit hinter SDAX und Lufthansa zurück. Weiterhin meiden.
Fraport
Höhere Prognose?
Eine Erhöhung der Prognose ist denkbar. Interessant macht den MDAX-Titel auch der Ausbau des Frankfurter Flughafens. Im Oktober 2011 geht eine weitere Startbahn in Betrieb, womit das Unternehmen seine Kapazitäten deutlich erhöhen kann. Die Firma selbst fürchtet die Ticketsteuer kaum. Die Aktie ist in den vergangenen Tagen angesprungen. Nur für risikobewusste Anleger.
Bildquellen: Fraport AG