von Hans Peter Arnold
Aktionären mit einem Faible für Luxus-Titel winken glamouröse Zeiten – wenn sie den Mut haben, antizyklisch zu handeln. Die Maxime lautet: Kaufe Aktien in Zeiten der Panik, und die hatten viele Anleger im ersten Halbjahr 2009 fest im Griff. Tatsächlich haben die Aktien der Luxusgüterkonzerne seit dem Mehrjahrestief im März von der sich abzeichnenden konjunkturellen Erholung überdurchschnittlich stark profitiert. Diese Kurse nehmen den künftigen Trend an den Märkten vorweg.
Wer hingegen auf das gängige Branchen-Sprichwort setzt, Luxus-Konsum habe immer Konjunktur, der unterliegt einem Irrtum. Der Luxus-Konsum hat in der Rezession stärker gelitten als viele andere Konsumsparten. Die Umsätze und Aktienkurse der Luxusgüterkonzerne verliefen so zyklisch wie in den Phasen der Russland-Krise vor zehn Jahren, wie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, wie zu Zeiten der Sars-Epidemie und der Irak-Krise Anfang 2003. Kurz: Der Luxus-Konsum ist in der ersten Hälfte 2009 eingebrochen wie die Nachfrage nach Autos, Möbeln und Heimelektronik.
Als Folge wird das Geschäftsjahr 2009 schlecht ausfallen. Einen Vorgeschmack dazu bietet die detaillierte Statistik der Schweizer Uhrenindustrie, die den weltweiten Trend reflektiert: Im Oktober lag der Wert der Uhren- und Schmuck-Exporte mit 1,3 Milliarden Franken 22,7 Prozent unter dem Vorjahr. In der Zeitspanne Januar bis Oktober betrug das Minus 25,5 Prozent. Auch gegenüber der Vergleichsperiode 2007 ist der Rückstand mit 16,9 Prozent beträchtlich. Der Luxus-Konsum ist keine Einbahnstrasse.
Der Nachfrage-Einbruch nahm in diesem Jahr in einigen Märkten noch nie gesehene Ausmasse an. So lag die Anzahl der Exporte von Januar bis Oktober 2009 in Russland satte 58 Prozent, in den USA 42 Prozent und in Saudi-Arabien 31 Prozent unter jener der Vorjahresperiode. Besser entwickelten sich die Märkte in Deutschland und Frankreich mit einem Minus von rund zwölf Prozent.
Diese Tendenzen spiegeln sich in den Zwischenergebnissen der Luxusgüterkonzerne wider. Swatch Group hatte im Halbjahresbericht einen um 15 Prozent reduzierten Umsatz kommuniziert. Somit hat sich der Bieler Uhrenkonzern recht gut gehalten. Insbesondere ist beachtlich: Die Gewinnmarge hat sich von 14,8 Prozent auf 12,8 Prozent weniger stark zurückgebildet als erwartet. Generell sind Aktien aus dem Luxusgütersektor aufgrund der hohen Margen attraktiv. «Luxus ist dort zu finden, wo die Gewinnmarge überdurchschnittlich hoch ist. Ich sehe es in der Werbebranche», meint Frank Bodin, CEO der Werbeagentur Euro RSCG. «Die Marke macht die Differenz», so sein Fazit.
Äusserst vielversprechend verläuft der Trend beim französischen Luxusgüterkonzern LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy). Der Umsatz sank in den ersten neun Monaten nur um sechs Prozent auf 11,95 Milliarden Euro. Zwar litt beim weltgrössten Luxus-Konzern die Schmuck- und Uhrensparte mit einem Minus von 28 Prozent überproportional, die Sparten Mode/Bekleidung und Lederwaren legten jedoch vor allem wegen des starken Asiengeschäfts leicht auf 4,54 Milliarden Euro zu.
Der Richemont-Konzern – wie Swatch Group auf das Uhren-Geschäft fokussiert – erlitt im ersten Semester (per Ende September) einen Umsatzrückgang von 15 Prozent. Doch der Gewinneinbruch hielt sich in Grenzen, die Gewinnmarge beträgt neu 16,4 Prozent (Vorjahr: 22,3 Prozent). An der Börse wird nicht in den Rückspiegel geschaut: Die Richemont-Aktie hat seit Jahresbeginn um rund 60 Prozent zugelegt. Die Inhaberpapiere von Swatch Group notieren sogar 70 Prozent höher. Die Aktien der Louis-Vuitton-Gruppe haben rund 50 Prozent zugelegt. Dies belegt die These, dass die Aktien der Luxusgüterkonzerne in der Frühphase der konjunkturellen Erholung gesuchter sind als Werte aus vielen anderen Branchen. Für langfristig orientierte Anleger entscheidend: Die Luxusgüter-Aktien übertreffen die Vergleichsindizes wie SMI, S & P 500 oder Dow Jones bei weitem. Die Outperformance des World Luxury Index mit den 20 wichtigsten Luxusmarken gilt auch im kurz- und mittelfristigen Vergleich. Der Dow Jones Industrial unterlag demnach in den vergangenen sechs, zwölf und 36 Monaten. Auch Privatanleger können profitieren: Auf den World Luxury Index der Deutschen Börse gibt es ein Strukturiertes Produkt von BNP Paribas (Valor 2 928 644).
Als Faustregel gilt: Der Umsatz des Luxuskonsums wächst doppelt so stark wie das globale Bruttoinlandprodukt. Im kommenden Jahr wird demnach ein Wachstum von acht Prozent erwartet, wobei knapp zwei Drittel des Wachstums von den Schwellenländern generiert werden. Kurzfristig ist in den westlichen Industrieländern kein Boom zu erwarten. «Die negativen Impulse auf den US-Konsum überwiegen», meint etwa Alfred Roelli, Analyst von Pictet & Cie – mit Verweis auf Sparquote, schrumpfende Beschäftigung, stagnierende Löhne und steigende Rohstoffpreise.
Immerhin sind in den vergangenen neun Monaten die Prognosen für den Konsum laufend nach oben revidiert worden. So geht BAK Basel Economics für die Schweiz im Jahr 2010 von einem stagnierenden Konsum aus (statt eines Minus). Die Euro-Zone sollte leicht aufwärts tendieren, die USA sogar zwei Prozent zulegen.
Die Analysten der Credit Suisse sind ebenso verhalten optimistisch: Für Weihnachten 2009 würden sich die Kunden in den Industrieländern wegen der hohen Arbeitslosigkeit und der Unsicherheit über das Ausmass und die Dauer der Konjunkturerholung mit Käufen zurückhalten. Das bessere gesamtwirtschaftliche Umfeld der gesättigten Märkte und das fortgesetzte starke Wachstum der Schwellenmärkte werde aber die Luxusgüterumsätze 2010 wahrscheinlich steigen lassen. Für Aktionäre beachtenswert: Die Credit Suisse prognostiziert für das Geschäftsjahr 2010 einen überproportionalen Gewinnzuwachs wegen der positiven Auswirkungen höherer Umsätze und der «rationalisierten Kosten». Die CS-Analysten ziehen Unternehmen mit starken Marken und hohem Engagement in Schwellenmärkten anderen gegenüber vor. Auf der Empfehlungsliste stehen unter anderem LVMH und Richemont.
Generell werde der Wert der Marken unterschätzt, meint Patrick Hasenböhler von der Bank Sarasin, der sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt hat. Der Wert von Marken werde von den wenigsten Investoren beim Investitionsentscheid berücksichtigt. Dabei sei der Wert der Marke ein nützlicher Indikator für die Bestimmung des Unternehmenswertes. Hasenböhler, der unter anderem Swatch zum Kauf empfiehlt: «Insbesondere in Phasen einer Börsenbaisse kann der Wert einer Marke ein hilfreicher Indikator sein, wenn man unterbewertete Aktien ausfindig machen will.»
Vor allem: Der Wert von Marken, der über Jahre oder gar Jahrzehnte intern aufgebaut wurde, ist in der Bilanz nicht berücksichtigt. Dieser Wert geht in der Unternehmensbewertung meist unter. Aktien von Unternehmen mit starken Marken sind gemäss Hasenböhler unter Berücksichtigung des Markenwertes basierend auf dem Kurs/Buchwert-Verhältnis oder der Einzelwertbetrachtung oft günstiger bewertet, als es auf den ersten Blick erscheint. Auch seien es gerade Unternehmen mit starken Marken, die vom Aufschwung in den Schwellenländern profitierten. Zum einen ist die Bedeutung von Statussymbolen in Entwicklungsländern besonders hoch, zum anderen nimmt in den Emerging Markets die Zahl der für den Luxuskonsum prädestinierten Personen überdurchschnittlich stark zu.
Die drei wichtigsten Marken der Louis-Vuitton-Gruppe haben einen Markenwert von insgesamt 29,6 Milliarden Franken, wobei der Löwenanteil auf Louis Vuitton mit 21,5 Milliarden Franken entfällt. Hennessy wird von Interbrand auf 4,3 Milliarden, Moët-Chandon auf 3,8 Milliarden Franken geschätzt (siehe Grafik).
Der Wert der übrigen Marken im Konzern – unter anderem Givenchy, Ruinart, Dom Pérignon, Veuve Clicquot, Krug, Donna Karan, Dior Watches, TAG Heuer, Zenith, Hublot – dürfte sich auf über fünf Milliarden Franken belaufen. Das ergibt für LVMH einen Gesamt-Markenwert von über 35 Milliarden Franken. Aus dieser Perspektive ist die aktuelle Marktkapitalisierung von 55 Milliarden Franken alles andere als exorbitant.
Kleiner sind die Dimensionen beim Schweizer Uhrenkonzern Swatch Group. Das Zugpferd ist Omega mit einem Markenwert von 2,9 Milliarden Franken. Insgesamt beträgt der Wert der 18 Uhrenmarken des Konzerns rund sechs Milliarden Franken. Zum Vergleich: Swatch Group wird an der Börse auf 13,2 Milliarden Franken bewertet.
Pinault-Printemps-Redoute (PPR) besitzt mit Gucci eine Top-Marke (8,4 Milliarden Franken). Die Marktkapitalisierung von PPR beträgt jedoch gerade 15,8 Milliarden. Jedoch ist zu beachten, dass PPR kein reiner Luxusgüterkonzern ist. Zum Konzern gehören etwa auch Puma und Conforama.
Nicht nur börsenkotierte Unternehmen fallen mit starken Marken auf. Milliardenschwer sind die Marken unter anderem von Chanel, Rolex, Prada, Giorgio Armani, Bulgari und Chopard.
Für Anleger, welche in den Luxusgütermarkt investieren wollen, gibt es drei gleichwertige Pfade: Einzelaktien, Fonds und Zertifikate.
Investieren in Einzelaktien: Es ist möglich, dass mit einer Handvoll Aktien der Grossteil der Branche abgedeckt wird. LVMH, Richemont, PPR und Swatch Group garantieren einen insgesamt hohen Umsatzanteil und eine breite Diversifikation der verschiedenen Luxus-Segmente. Auch nach der Rally sind die Aktien dieser Konzerne moderat bewertet. Die Kurs/Gewinn-Verhältnisse betragen rund 18 – ausser bei PPR, deren Titel werden aufgrund des weniger renditestarken Detailhandels mit einem KGV von 13 bewertet.
Der Einstieg eilt nicht. Es gilt, stärkere Rückschläge abzuwarten. Aufgrund des konjunkturellen Wellenganges sollte es im Jahr 2010 mehrere solcher Gelegenheiten geben. Schwierig ist die Situation bei Burberry und Bulgari. Die britische Burberry leidet unter dem schwachen Heimmarkt; bei Bulgari laufen die Kosten aus dem Ruder.
Investieren in Fonds: Anlegern, die breit diversifiziert in das Luxusgütersegment investieren möchten, stehen vor allem Aktienfonds als Investmentvehikel zur Verfügung. So bietet beispielsweise das Produkt ING (L) Invest – Prestige & Luxe X Cap (ISIN LU0121202492) ein gute Rendite bei durchschnittlichen Wertschwankungen. Zu den grössten Positionen des Fonds zählen unter anderem Pernod Ricard, LVMH Moët Hennessy Louis Vuitton, Shiseido Company und Compagnie Financière Richemont. Ebenfalls empfehlenswert ist der PF (Lux) Premium Brands P (ISIN LU0217139020). Der Fonds bietet ein ausgeglichenes Chance/Risiko-Profil und setzt unter anderem auf Namen wie Polo Ralph Lauren, Christian Dior und Swatch Group. Sehr interessant ist auch der Morgan Stanley Investment Fund Global Brands A (ISIN LU0119620416), der vor allem durch Stabilität glänzt. (md)
Investieren in Zertifikate: Zeit für neue Kreationen – so lässt sich das Angebot an speziellen Luxus-Themen bei den börsenkotierten Produkten auf einen einfachen Nenner bringen. So gelangen sowohl der «Luxury Tracker» der Basler Kantonalbank (Valor 3 109 654, immerhin noch bis September) als auch die beiden Vontobel-Produkte «Luxury & Fashion III» (4 402 565) und «Luxury Goods» (3 850 396) im kommenden Jahr zur Rückzahlung. Inhaltlich unterscheiden sich die Produkte kaum – nur in Nuancen wird der Kreativität freier Raum gelassen. So subsummiert die BKB unter dem Stichwort Luxus beispielsweise auch die Aktien von BMW und Harley-Davidson. Wer langfristig in das Thema investieren will, wird bei ABN Amro fündig. Sie hat auf den von Standard & Poor’s errechneten «Luxury Index» Open-End-Zertifikate ausgegeben, sodass Luxus für den Anleger zum Dauerbrenner wird. Der Index-Tracker (3 098 325) hat sich seit dem Tief im März mit einer eindrücklichen Aufholjagd fast verdoppelt. (vst)
Stocks.ch das Schweizer Anleger-Magazin vom 18.-30.12.2009