von Klaus Schachinger, Euro am Sonntag
Das Tempo im Übergangsjahr für Tognum ist deutlich höher als erwartet. Erst vor Kurzem hob der auf Diesel und Gasmotoren spezialisierte Konzern seine Umsatzprognose für 2010 von 2,4 auf 2,55 Milliarden Euro an.
Das Unternehmen, dessen Motorenmarke MTU im Prämiumsegment zu Hause ist, traut sich zu, ein Jahr früher als erwartet auf den Wachstumspfad zurückzukehren. 2009, während der schwersten Branchenkrise des Maschinenbaus, war der Umsatz der Friedrichshafener von 3,1 auf 2,5 Milliarden abgestürzt. Tognum ging zunächst von einem weiteren Rückgang des Geschäfts aus – inzwischen fährt der Konzern vom Bodensee Sonderschichten.
Das Geschäft des Maschinenbauers gilt als spätzyklisch und kommt erst in einer späteren Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs in Fahrt. Die teuren MTU-Motoren treiben die größten und schnellsten Jachten an und bringen große Landmaschinen wie Mähdrescher, Dieselloks oder Monster-Lkw, die bis zu 400 Tonnen laden können, in Fahrt. Allerdings bestellen die Kunden erst dann wieder mehr, wenn absehbar ist, dass der wirtschaftliche Aufschwung trägt. Seit Sommer sind Tognums Auftragsbücher wieder deutlich voller.
Dass Tognum schnell warmläuft, haben Anleger früh erkannt. Seit Jahresbeginn hat die Aktie des MDAX-Konzerns um über 50 Prozent zugelegt, deutlich mehr als der Index. Derzeit spricht alles dafür, dass sich der Höhenflug des Tognum-Papiers fortsetzen wird. Der Auftragsbestand stieg zuletzt um knapp 16 Prozent auf zwei Milliarden Euro. Besonders deutlich legten vor allem die Order für Diesel- und Gasmotoren für dezentrale Energieversorgung zu. Sie werden einzeln oder im System mit Generatoren als Notstromaggregat oder Quelle für Strom und Wärme aus Blockheizkraftwerken geliefert. Im zweiten Quartal lag das Plus im Ordereingang bei gut 70 Prozent, im dritten waren es noch mal 14 Prozent.
Damit hat Spartenvorstand Christof von Branconi jetzt ein Luxusproblem. Das Abarbeiten der Auftragsflut bis Jahresende werde die Margen der Sparte im laufenden Quartal durch höhere Kosten vorübergehend schrumpfen lassen, glaubt Berenberg-Bank-Analyst Stephan Klepp. Von Branconi will diese Entwicklung und die Ziele bei den Margen nicht kommentieren. Mit dem Geschäftsverlauf ist er sichtlich zufrieden: „Wir rechnen mit einem durchschnittlichen jährlichen Umsatzwachstum von zehn Prozent.“ Momentan liege man über diesem Wert und habe mit dem lang laufenden Projektgeschäft eine solide Basis für das kommende Jahr.
Dezentrale Energiesysteme gehören aktuell zu den stärksten Umsatzbringern im Konzern. Denn auch das USA-Geschäft läuft seit Sommer wieder – trotz der Unsicherheit über das Wachstum der größten Volkswirtschaft. Seit August habe das US-Geschäft um 25 bis 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugelegt.
Dazu kommt das starke Geschäft in den Schwellenländern. Brasilien sei mit Blick auf die Olympiade in Rio de Janiero 2016 als starker Markt für mehrere Jahre gesetzt. Im chinesischen Shouzu eröffnete Tognum im September mit Partner Norinco ein gemeinsames Werk, wo auch Notstromaggregate für chinesische Kernkraftwerke gebaut werden. Einen ähnlichen Standort kann sich von Branconi „mittelfristig“ auch in Indien vorstellen. Der Subkontinent spiele beim Ausbau des Vertriebs in Asien eine zentrale Rolle. Das hohe Potenzial des Markts rechtfertige eine Montage vor Ort.
Da Tognum als einziger Hersteller Diesel und Gasmotoren und seit 2009 auch Brennstoffzellen im Angebot hat, will von Branconi mittelfristig mehr Umsatz mit Systemen einfahren. Ihr Anteil am Spartenumsatz soll sich auf zwei Drittel verdoppeln. Anders als Motoren werden Systeme direkt an Endkunden verkauft. Denen könnten auch Wartungsverträge angeboten werden.

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Mit mehr als 400.000 Motoren, die weltweit laufen, haben sich die Schwaben inzwischen eine gute Basis für den weiteren Ausbau des sogenannten After-Sales-Geschäfts aufgebaut. Dienstleistungen bringen bereits einen erheblichen Teil des Umsatzes. Allerdings ist Tognum mit einer jährlichen Produktion von 7000 bis 9000 Motoren im Vergleich zu Herstellern wie dem Baumaschinenkonzern Caterpillar (Cat) oder dem Motorenbauer Cummins bei großen Motoren mit Leistungen zwischen 700 und mehr als 13 000 PS der deutlich kleinere Spezialist mit höchsten Ansprüchen an die Technik. Kein Wettbewerber leistet sich in der Technologie so viel eigene Kompetenz. Dazu gehören eigene Entwicklungen bei Turboladern, Kraftstoffeinspritzung, Motoren- und Systemsteuerung sowie der Nachbehandlung der Abgase. Mit sechs Prozent seines Umsatz investiert Tognum in die Entwicklung seiner Motoren doppelt so viel wie die Konkurrenz.
Der Vorsprung durch Technik wird sich für Tognum spätestens ab 2014 durch höhere Marktanteile bezahlt machen. Dann werden in Europa und Amerika deutlich strengere Abgasnormen gelten. Caterpillar und Cummins, die sich bei der Abgasreinigung auf Zulieferer verlassen, haben erhebliche Schwierigkeiten, ihre Motoren an die künftigen Anforderungen anzupassen. Bei Motoren für Dieselloks, wo in Europa schon ab 2012 neue Abgasnormen gelten, erfüllen Tognums MTU-Motoren die Standards bereits, während Konkurrenten in Brüssel versuchen, die Normen aufweichen zu lassen.
Auch sonst fahren Caterpillar und Tognum verschiedene Strategien. Unter einer neuen Führung startete der US-Konzern im Sommer eine beispiellose Einkaufstour. Mit dem 8,6-Milliarden-Dollar-Kauf des US-Konkurrenten Buycrus International hat der US-Konzern seinen Marktanteil im Bergbaugeschäft verdoppelt, um vom Rohstoffboom in Schwellenländer zu profitieren. Zuvor hatte Cat-Chef Doug Oberhelm den US-Konzern Electro Motive Diesel La Grange gekauft und im Oktober den deutschen Hersteller von Gas- und Dieselmotoren, MWM Holding, übernommen. Die Einkaufstour scheint noch nicht beendet. Tognum-Chef Volker Heuer vertraut auf eigene Technologie und will das Portfolio bisher lediglich durch kleinere Zukäufe abrunden.
Investor-Info
Der Konzern
Spezialist mit hohen Margen
Der Konzern liefert Dieselmotoren und Antriebssysteme für Schiffe, schwere Land- und Schienenfahrzeuge sowie dezentrale Energieanlagen. Das Kraftwerksgeschäft bringt mehr als ein Viertel des Umsatzes. Tognum kontrolliert den überwiegenden Teil des Ersatzgeschäfts seiner hochtourigen Motoren. Konkurrenten kommen auf 30 bis 40 Prozent. Anders als die meisten Wettbewerber investiert der Konzern stark in verschiedene Technologien – sowohl in der oberen PS-Klasse von 700 bis mehr als 13.000 PS als auch bei kleineren Motoren. Das bringt bei höheren Preisen bessere Margen.
Die Aktie
Hohes Gewinnwachstum
Erst 2012 wird Tognum mit mehr als drei Milliarden Euro Umsatz an das Niveau vor der Branchenkrise anknüpfen. Die Profitabilität wird sich stark verbessern. Für 2011 erwartet die Berenberg Bank einen Gewinnsprung um 50 Prozent, für 2012 noch mal 20 Prozent. Kaufen.
Bildquellen: Tognum