von Klaus Schachinger, €uro am Sonntag
Es läuft gut für Heinz Hermann Thiele. Inzwischen hat der erfolgreiche Unternehmer und Eigentümer der nicht börsennotierten Knorr Bremse AG seinen privaten Anteil am Bahntechnikspezialisten Vossloh auf mehr als 15 Prozent erhöht. Und weil das Geschäft der erfolgsverwöhnten Firma aus dem Sauerland unrund läuft, werden sich für den 70-jährigen Entrepreneur weitere Gelegenheiten bieten, bei Vossloh günstig aufzustocken.
Anfang Juli hatte das in Werdohl ansässige Unternehmen die Anleger mit einer Gewinnwarnung geschockt und wegen Projektverzögerungen in China und Russland die Jahresziele für 2011 und 2012 kassiert. Die einzige Hoffnung auf eine Rückkehr auf die Wachstumsschiene ist der hohe Auftragsbestand von 1,4 Milliarden Euro. Das sieht auch Thiele.Der Unternehmer, dessen Konzern als Systemlieferant Marktführer für Bremsen sowohl bei Lokomotiven als auch bei Nutzfahrzeugen ist, kennt sich in der Branche bestens aus. Im März kaufte er mit eigenem Geld bei Kursen um 95 Euro die ersten drei Prozent an Vossloh. UBS-Analyst Sven Weier geht davon aus, dass Thiele „einen Anteil von mehr als 25 Prozent anstrebt, um sich die Sperrminorität zu sichern“.
Aufgrund seines Kaufinteresses ist Thiele auch eine Art Schutzpatron für die Vossoh-Aktie. Bisher haben die Turbulenzen an Kapitalmärkten nur geringe Spuren hinterlassen. Das nutzt Vosslohs Management zur Kurspflege. Jüngst beschloss der Vorstand, 1,5 Millionen eigene Aktien (knapp zehn Prozent des Stammkapitals), die für Zukäufe vorgesehen waren, einzuziehen. Weitere zehn Prozent sollen während der kommenden zwölf Monate über ein Rückkaufprogramm gesichert werden.
Bei einem Aktienkurs von 80 Euro wären das über 100 Millionen Euro – mehr als die 92 Millionen Euro, die Vossloh 2010 netto verdiente. Durch die geringere Gesamtzahl der Aktien steigt der Gewinn pro Aktie. Das senkt das Kurs-Gewinn-Verhältnis und macht die Papiere optisch billiger. Als Abwehrmaßnahme gegen Thieles Pläne taugen die Aktionen nicht. Sie erhöhen seinen Einfluss sogar. Thieles Anteil stieg auf 17 Prozent, der Anteil der Vossloh-Erbenfamilien erhöhte sich von 31 auf 34 Prozent.

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Was Vossloh für Thiele so verlockend mache, seien das Machtvakuum in der Firmenzentrale und die Eitelkeiten einzelner Manager, sagen Insider. Werner Andree (60), der ehemalige Finanzchef, der das Unternehmen seit 2007 führt, gilt im Vergleich zu seinen – im Streit mit den Eigentümerfamilien aus dem Amt geschiedenen – beiden Vorgängern als weniger charismatisch.
Seit dem Tod des Patriarchen Hans Vossloh fehlt den Familien der starke Mann. Der Verkauf der Familienanteile stand bisher nie zur Debatte. Das könnte sich ändern, wenn die Trendwende in China und Russland nicht gelingt, Thiele ein verlockendes Angebot macht und sich bereit erklärt, Vossloh strategisch aus der Patsche zu helfen. Noch kann der Konzern die Wende aus eigener Kraft schaffen. Mit Schienenbefestigungen für Hochgeschwindigkeitsstrecken in China fährt Vossloh einen erheblichen Anteil des Umsatzes und des operativen Gewinns ein.
„Die Perspektiven dort sind gut, trotz der Projektverzögerungen“, sagt Maria Leenen, Geschäftsführerin des Bahnberatungsunternehmens SCI. Allerdings laufe die Sonderkonjunktur durch zusätzliche Infrastrukturprogramme nach der globalen Wirtschaftskrise aus. Zu Vosslohs Argument, dass auch der Wechsel des zuständigen chinesischen Ministers ein Grund für die Verzögerungen sei, sagt die Expertin aber: „Der Fünfjahresplan gilt auch unter dem neuen Minister. Wir registrieren da keine Veränderung.“
Großaktionär Thiele wird die Entwicklung genau beobachten. Für Knorr Bremse war er vor 25 Jahren als Jurist tätig, bevor er die marode Firma mithilfe der Deutschen Bank übernahm. Durch Zukäufe formte er einen profitablen Konzern mit vier Milliarden Euro Jahresumsatz. Mit Ex-Vossloh-Chef Burkhard Schuchmann gab es 2004 Kooperationsgespräche. Damals lehnte Thiele ab.
Das bei Vossloh dominierende Infrastruktursegment Befestigungssysteme wäre eine gute Ergänzung zu Knorrs zyklischem Bremsengeschäft, glaubt Expertin Leenen. Beim Diesellokgeschäft erwartet sie keine großen Einwände von Siemens und Alstom gegenüber deren Bremsenlieferanten Knorr: „Beide haben ihr Diesellokgeschäft an Vossloh verkauft.“ Auch ohne Fusion dürfte sich Vossloh für Thiele lohnen. Als erfahrener Sanierer wird er rechtzeitig eine Lösung präsentieren.
Investor-Info
Knorr Bremse
Auch ohne Börsennotierung stark
Vor allem wegen des Auftragsbooms aus Asien hat die nicht börsennotierte Knorr Bremse AG nach dem starken Einbruch ihres zyklischen Bremsengeschäfts während der Wirtschaftskrise schnell auf Wachstum geschaltet. Nach 3,7 Milliarden Euro Umsatz im Vorjahr – ein Plus von 34,5 Prozent – sieht Vorstandschef Raimund Klinkner Asien inzwischen als Hebel für weitere Zuwächse. 2011 will Klinkner beim Umsatz „eine Vier vor dem Komma nicht ausschließen“. Unterm Strich verdiente Knorr Bremse 2010 rund 239 Millionen Euro – im Vergleich zu 99 Millionen Euro im Krisenjahr 2009. Der Auftragseingang stieg um 800 Millionen auf gut vier Milliarden Euro. Der Bereich Schienenfahrzeuge ist für knapp 60 Prozent des Gesamtumsatzes des Zulieferkonzerns verantwortlich.
Vossloh
Der Musterschüler patzt
Der Mittelständler aus dem Sauerland gehört seit Jahren zu den großen Gewinnern der globalen Renaissance des Eisenbahngeschäfts. Die Dividende für 2010 wurde um 25 Prozent erhöht. Schienenbefestigungen und Weichen bringen über 60 Prozent des Umsatzes und mehr als drei Viertel des operativen Gewinns. Die zweite Sparte fertigt Dieselloks und elektrische Komponenten für Straßenbahnen und Trolley-Busse. Projektverschiebungen in China und Probleme mit Zulieferbetrieben in Russland führten Anfang Juli zu einer Umsatz- und Gewinnwarnung. Statt 1,4 Milliarden Euro Umsatz sollen es maximal 1,25 Milliarden Euro werden. 2010 waren es 1,35 Milliarden Euro. Beim operativen Gewinn werden 120 bis 130 statt zuvor über 160 Millionen Euro in Aussicht gestellt.
Die Aktie
Mit dem Gesamtmarkt gen Süden
Lange hatte sich Vossloh, gestützt durch das Aktienrückkaufprogramm und die Zukäufe von Großaktionär Thiele, der negativen Börsenstimmung entziehen können. Am Donnerstag schließlich geriet das Papier dann doch unter Druck. Deshalb: Bodenbildung abwarten.
Bildquellen: BMU/H.-G. Oed