von Joachim Spiering, €uro am Sonntag
Es ist schon erstaunlich, wie schnell die Stimmung an den Aktienmärkten kippen kann. Noch vor Kurzem wurde fast überall über neue DAX-Höchststände fabuliert. Nun wird darüber gestritten, ob sich der DAX halbieren oder ob er doch nur eine moderate Korrektur erleben wird. Der Grundoptimismus vieler Anleger ist in wenigen Tagen zerbröselt wie eine Säule der Akropolis. Der Grund ist klar: Investoren fühlen sich angesichts der griechischen Schuldenkrise an die Folgen des Zusammenbruchs der US-Investmentbank Lehman Brothers erinnert, der die weltweite Finanzkrise beschleunigte. In der Tat sind die Kursverluste besorgniserregend.
Nach den Kursgewinnen der vergangenen Monate war fast abzusehen, dass die Bilanzsaison für Gewinnmitnahmen genutzt wird. Die extrem guten Zahlen, die die meisten Firmen fürs erste Quartal vorgelegt haben, hatten die Aktienmärkte schon vorweggenommen. Anschlusskäufe hätte es nur gegeben, wenn durch die Bank sehr gute Erwartungen der Firmen für das Gesamtjahr bestanden hätten. Doch genau das ist nicht der Fall. So hielt sich beispielswiese die Deutsche Bank – trotz eines fantastischen Quartalsgewinns – extrem bedeckt. Auch von der Munich Re waren am Freitag eher Molltöne zu hören.
Auch aus charttechnischer Sicht deutete sich die Korrektur an. In der Regel setzt eine Erholung nach einem Crash v-förmig ein: Es geht ohne langes Zögern massiv nach oben, so wie es im März 2009 zu beobachten war. Eine deutliche Kurskorrektur macht sich dagegen eher langsam breit: Die Börse geht in eine Seitwärtsphase über, die alten Hochs werden ein paarmal getestet, bevor der Markt dann wegkippt. Dann allerdings erfolgt die Korrektur schnell und hart. Ein Muster, das wir momentan bilderbuchartig beobachten können.
Die große Frage, die sich nun stellt, lautet: Wie weit kann es nach unten gehen? Ich persönlich bin ja schon längere Zeit eher skeptisch. Ich befürchte, dass die jetzigen Kursverluste nur der Beginn einer längeren, massiven Korrektur sind.
Warum? Weil die Finanzkrise als Ganzes gerade erst begonnen hat. Die Bankenkrise war nur ein Vorläufer – und sie ist noch längst nicht ausgestanden. Die massiven Unterstützungsmaßnahmen halfen zwar, brachten aber nur eines: Zeitgewinn. Der Fondsmanager Conrad Mattern von Conquest hat in diesem Zusammenhang auf eine interessante Statistik hingewiesen: Demnach sind in den ersten drei Monaten 2010 deutlich mehr US-Regionalbanken pleitegegangen als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres. Probleme bei den Gewerbeimmobilien dürften diesen Zustand noch verschärfen.
Jetzt kommt auch noch die massive Überschuldungsproblematik vieler westlicher Industriestaaten hinzu – mit völlig unabsehbaren Folgen. In dieser Gemengelage von anhaltend steigenden Kursen auszugehen, ist wohl mehr als mutig.