Der Vorstands-Chef ist weg, die Belegschaft verunsichert – nur Aktionäre freuen sich über die Turbulenzen beim Modeunternehmen Hugo Boss
von Sven Parplies
Zumindest als Kunde bleibt Bruno Sälzer seinem Ex-Arbeitgeber erhalten. "Ich trage weiter Hugo Boss", versichert der zum Monatsende ausgeschiedene Vorstandsvorsitzende des schwäbischen Modeunternehmens. Zu weitaus wichtigeren Fragen schweigt Sälzer dieser Tage lieber. Eigentlich untypisch für den Karatekämpfer mit schwarzem Gürtel, der Großaktionär Permira in den vergangenen Monaten bemerkenswert offen und öffentlich die Stirn geboten hatte.
So gilt bis auf Weiteres die offizielle und leicht mysteriöse Version. Eine Trennung "in bestem Einvernehmen" hatte Hugo Boss im Februar bekannt gegeben; das vor dem "Hintergrund unterschiedlicher Auffassungen über die weitere Geschäftspolitik des Unternehmens".
Mit Sälzers Abschied sind die Differenzen keineswegs ausgestanden. Die Stimmung in der Unternehmenszentrale in Metzingen ist angespannt. Die Sorge unter den Angestellten: Permira verstehe zu wenig von der Modebranche und werde aus kurzfristigem Gewinnstreben den langfristigen Erfolg von Hugo Boss gefährden. "Das ist mit Sicherheit keine Liebesbeziehung", heißt es aus dem Unternehmen.
Gewerkschafter demonstrieren zur Vorsicht schon mal Kampfbereitschaft: "Permira muss sich darüber im Klaren sein, dass ein Arbeitsplatzabbau bei Hugo Boss in Deutschland absolut kein Thema sein kann", stellt Rainer Otto klar, der für die IG Metall im Aufsichtsrat sitzt.
Hugo Boss habe einen "Leuchtturm-Charakter" für die Branche. Das Unternehmen habe gezeigt, dass es nicht der richtige Weg sei, die Produktion komplett ins Ausland zu verlagern. Es wäre auch nicht sinnvoll, die Logistik aus der Hand zu geben, so Otto.
Verschärft wird die Lage durch die Informationspolitik des Großaktionärs, der rund 90 Prozent der Stimmrechte kontrolliert und offenbar nur spärlich Einblick in seine Pläne gewährt. "Wir werden nichts unterstützen, was nicht vorher mit uns abgestimmt worden ist", warnt Betriebsratschef Antonio Simina, der auch stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats ist, mit Blick auf die mit großer Spannung erwarteten Sitzung des Kontrollgremiums am kommenden Mittwoch.
An diesem Tag soll der dreiköpfige Restvorstand des Modeunternehmens den Dividendenvorschlag präsentieren, der sehr genau den Vorstellungen von Permira entsprechen und dank der komfortablen Mehrheit des Hauptaktionärs auf der Hauptversammlung im Mai durchgewunken werden dürfte.
Bis zu 600 Millionen Euro – in etwa das 2,7-Fache der Vorsteuergewinns aus dem vergangenen Jahr - seien möglich, ohne die Zukunft des Unternehmens zu gefährden, kalkulieren Analysten. Mit viel weniger werde sich Permira kaum zufrieden geben, schließlich muss das Investment in den Boss-Mutterkonzern Valentino Rendite abwerfen. Beteiligungsgesellschaften wie Permira finanzieren einen erheblichen Teil des Kaufpreises dadurch, dass sie den Unternehmen hohe Schulden aufbürden und Kapital abziehen.
Börsianer sehen die Aufregung in Metzingen derweil gewohnt pragmatisch. Sälzer wird wegen der positiven Entwicklung der Geschäftszahlen von vielen geschätzt, schließlich ist der Gewinn seit seinem Amtsantritt im Jahr 2002 von damals 75 Millionen auf 154 Millionen Euro mehr als verdoppelt worden. Eine solche Dynamik können nur wenige Unternehmen vorweisen.
Doch es gibt auch kritische Stimmen in der Frankfurter Finanzszene: Zu eigensinnig, nicht selbstkritisch genug sei Sälzer gewesen, heißt es, ein "richtiger Dickkopf", der sein Ende bei Hugo Boss letztlich selbst heraufbeschworen habe. Etwa als er in der offiziellen Empfehlung an die Aktionäre zum Übernahmeangebot von Permira nur wenig verschleiert die Gefolgschaft verweigerte und in Interviews weiter stichelte.
Zentraler Kritikpunkt aus dem Analystenlager, wo kurzfristige Finanzerfolge mehr Gewicht haben als langfristige strategische Überlegungen, ist die Bilanzstruktur der Hugo Boss AG. Durch die hohe Eigenkapitalquote von zuletzt knapp 52 Prozent habe Sälzer Kurspotenzial verschenkt. Auch deshalb hielt der Schock über den zumindest vom Zeitpunkt her überraschenden Abgang des Vorstandsvorsitzenden an den Finanzmärkten nur kurz an.
Der Kursrutsch der Aktie von über zehn Prozent am Tag der Verkündigung ist inzwischen wieder aufgeholt. Nicht nur in Erwartung einer üppigen Sonderdividende. "Permira dürfte Druck machen, die Gewinnmarge weiter zu erhöhen", heißt es in Frankfurt mit unverkennbarer Sympathie für den Großaktionär.
Verwerfungen im operativen Geschäft werden trotz der Vakanz an der Unternehmensspitze nicht erwartet. Auch weil Sälzer die Strukturen bei Hugo Boss in den vergangenen Jahren deutlich professionalisiert hat, etwa durch die 20 Millionen Euro teure Sanierung des IT-Systems ("Columbus"), mit dem die Kosten spürbar gesenkt und die Effizienz des Unternehmens weiter gesteigert wird. Auch sonst sind wichtige Weichen gestellt: Das Marktpotenzial der unter Sälzer erfolgreich neu ausgerichteten Damenlinie (Boss Womenswear) sollte bei einem Umsatzvolumen von knapp 210 Millionen Euro im vergangenen Jahr bei Weitem nicht ausgeschöpft sein. Ähnlich sieht es in dem noch jungen Bereich für Schuhe und Lederaccessoires aus. Auch bei der Expansion des eigenen Filialnetzes gibt es noch keine Anzeichen von Übersättigung.
"Der Boss geht, aber Hugo Boss wird weiter Erfolg haben", kommentierte zuletzt das Kölner Bankhaus Sal. Oppenheim die Personalie Sälzer. Schließlich habe das Unternehmen in der Vergangenheit bewiesen, dass ein Chefwechsel keinen negativen Einfluss auf die Geschäftsentwicklung haben müsse. Theoretisch könne Boss auch mehrere Monate ohne Vorstandschef auskommen, heißt es aus der Branche.
Der öffentlich als Kandidat auf die Sälzer-Nachfolge gehandelte Hans Fluri steht nach Angaben aus Unternehmenskreisen tatsächlich auf dem Zettel des mit der Chefsuche betrauten Personalausschusses – allerdings nicht für den Vorsitz, sondern lediglich für eine Erweiterung des Vorstands. Dort könnte der 56 Jahre alte Fluri dank seiner Erfahrung in Logistikbranche (DPD)und Tabakindustrie (Philip Morris) die internationale Expansion der Marke Hugo Boss vorantreiben.
Die Metzinger erzielten nach letzten Angaben mehr als zwei Drittel ihrer Umsätze in Europa, aber nur rund zehn Prozent in wichtigen Zukunftsmärkten wie Asien. Nicht mehr ausgeschlossen wird inzwischen, dass Hugo Boss auch zur Bilanzpräsentation am 27. März noch keinen neuen Chef, sondern nur eine Interimslösung präsentiert. Das allerdings würde längerfristige strategische Entscheidungen hinauszögern, etwa über den Zukauf einer neuen Marke, zum Beispiel zur Stärkung der Frauensparte, die Sälzer für dieses Jahr angedeutet hatte. Auch Hugo Boss braucht halt einen Boss.