Mikrokredite – Gutes tun und gut verdienen (EuramS)
von Carsten Lootze
Bei Fatima Serwoni stehen die Männer Schlange. Und Frauen auch. Denn sie besitzt das einzige Telefon in ihrem Heimatdorf Namunsi im afrikanischen Uganda. Gegen Gebühr können auch die übrigen Dorfbewohner das Telefon nutzen – das erspart ihnen den vier Kilometer langen Weg zum nächsten öffentlichen Apparat. Und Fatima Serwoni kann von den Einnahmen die Schulgebühren für ihre vier Kinder bezahlen. Möglich gemacht hat das ein Kredit des Mikrofinanzinstituts Foccas.
Mikrofinanzinstitute (MFIs) vergeben Kleinstkredite von oft weniger als 100 Euro an Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern. Mit diesem Startkapital können sich die Kreditnehmer kleine Geschäfte aufbauen und somit Wege aus der Armut finden. Der Kapitalbedarf ist riesig: Nach Angaben von Deutsche Bank Research fehlen den MFIs derzeit 250 Milliarden US-Dollar, um alle Bedürftigen bedienen zu können.
Dieses Geld beschaffen sich die Institute zunehmend am Kapitalmarkt – unter anderem über Mikrofinanzfonds. Auf diese Weise profitieren nicht nur die Kreditnehmer vom Mikrofinanzgeschäft, sondern auch Anleger. "Mikrofinanzinvestments bieten sehr attraktive Rendite/Risiko-Profile", sagt Abigail McKenna, Direktorin in der Abteilung Schwellenländerkredite bei der Investmentbank Morgan Stanley. Raimar Dieckmann von Deutsche Bank Research stimmt ihr zu. So brachten die in Deutschland erhältlichen Mikrofinanzfonds in den vergangenen Jahren stabile Renditen zwischen drei und acht Prozent – selbst während der Finanzkrise.
Eigeninitiative statt Bürokratie, so lässt sich der Unterschied zwischen Mikrofinanz und staatlicher Entwicklungshilfe auf den Punkt bringen. Wenn westliche Staaten Milliarden Euro nach Afrika, Lateinamerika und Südostasien pumpen, fördern sie damit in erster Linie den Aufbau einer kostspieligen und ineffizienten Verwaltung. Nur ein geringer Teil des Geldes erreicht die Bedürftigen tatsächlich. "Das Geld fällt oft in die falschen Hände", sagt der konservative britische Europaabgeordnete Syed Kamall. "Wenn ich erfolgreiche afrikanische Unternehmer treffe, können viele von ihnen ihren Ärger über die Jahre nicht verbergen, in denen sie sich mit lokalen Beamten herumschlagen mussten."
Klassische Bankkredite kommen als Alternative zur Entwicklungshilfe meist nicht infrage. Für Fatima Serwoni waren sie unerreichbar, und für rund eine Milliarde Menschen sind sie es bis heute. Der Grund: Viele Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern verfügen über keinerlei Eigentum. Doch das ist notwendig, um kreditwürdig zu sein und sich Geld bei Banken leihen zu können. Ohne Sicherheit bleibt in der Regel nur ein Ausweg: "Die Menschen müssen sich das Geld bei einheimischen Kredithaien leihen, die bis zu 7000 Prozent Zinsen pro Jahr verlangen", sagt Leopold Seiler, Verwaltungsrat des Mikrofinanzfonds Dual Return – Vison Microfinance Fund.
Anders bei Mikrokrediten: Dort fließt das Geld ohne Umwege direkt an die Bedürftigen. Zudem verzichten MFIs im Gegensatz zu klassischen Banken auf die üblichen Sicherheiten in Form von Eigentum. Und die jährlichen Zinssätze sind mit 20 bis 30 Prozent weitaus günstiger als bei den Kredithaien. Zwar erscheinen diese Raten für europäische Verhältnisse noch immer sehr hoch. Aber nur so können die MFIs ihre Kosten decken und Rückstellungen für die Risikovorsorge bilden. Dieckmann: "Anstatt auf externe Hilfe angewiesen zu sein, kann ein Mikrounternehmer seine Lebenssituation durch eigene Anstrengung verbessern."


