Porsche muss wohl mit VW fusionieren. Wie der neue Autoriese aussehen kann, was dann aus Starmanager Wendelin Wiedeking wird.
von Günter Heismann
Das eigentliche Machtzentrum der deutschen Autoindustrie befindet sich offenbar weder in München, Stuttgart noch in Wolfsburg. Die Weichen für die Zukunft der Branche werden mitunter in Österreich gestellt, im idyllischen Salzburger Land. Dort besitzen die Chefs der Porsche-Dynastie abgelegene Villen, in die sie sich gern zurückziehen, wenn Gewitterwolken am Himmerl erscheinen. Am Mittwoch trafen sich die Sippenältesten Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche, um eine neue Runde in ihrem Streit um die Macht auszufechten – und um neuen Autoriesen zu schmieden: Der Sportwagenhersteller Porsche soll mit dem Massenproduzenten Volkswagen zu einem "integrierten Konzern" vereinigt werden.
"Es ist keine Hochzeit im Himmel, sondern eine Vernunftehe", sagt Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Im Reich des Clans knirscht es gewaltig. Porsche, wo die Sippe 100 Prozent der Stammaktien hält, ächzt unter einer Schuldenlast von neun Milliarden Euro. Die Zinsen fressen den gesamten Gewinn des Unternehmens auf. Obendrein droht die Zuffenhausener Heimat von 911er und Cayenne unter einer Lawine von Optionsgeschäften begraben zu werden.
Mit den Schulden und Optionen hatte Porsche die Übernahme von knapp 51 Prozent am VW-Konzern finanziert. Ursprünglich hatten Vorstandschef Wendelin Wiedeking und sein Finanzjongleur Holger Härter gehofft, ihre Bilanzlöcher mit der prall gefüllten Firmenkasse von VW zu stopfen: Sobald sie eine Mehrheit von 75 Prozent errungen hätten, wollten sie einen Gewinnabführungsvertrag abschließen.
Doch dazu hätte die EU das VW-Gesetz kippen müssen, das dem Land Niedersachsen eine Sperrminorität gewährt. Diesen Gefallen tat die EU den Porsche-Lenkern freilich nicht. Autozar Piëch erwog schon, das operative Porsche-Geschäft an VW zu verkaufen. Das hätte genügend Geld gebracht, um die Holding Porsche SE (die über der Porsche AG und Volkswagen thront) von allen finanziellen Problemen zu befreien.
Doch dies hätte für die stolzen Schwaben wohl eine zu große Demütigung bedeutet. Stattdessen einigten sich die Paten des Porsche-Clans jetzt offenbar auf eine "Fusion unter Gleichen". Unter der Leitung von Wiedeking und VW-Chef Martin Winterkorn soll erarbeitet werden, wie der geplante Autoriese Gestalt annehmen könnte. In die Arbeitsgruppe ist auch Niedersachsen eingebunden, der zweitgrößte Aktionär von VW. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) hat bereits grundsätzliches Einverständnis signalisiert. Auch die beiden Betriebsratschefs von Porsche und VW, Uwe Hück und Bernd Osterloh, sind an den Beratungen beteiligt. "Für uns ist derzeit völlig offen, zu welchem Ergebnis die Verhandlungen führen werden. Wir betrachten diese erst einmal als Sondierungsgespräche", sagt Osterloh.
In der Tat scheinen die Pläne viel weniger konkret als zunächst mitgeteilt. Dennoch soll die Arbeitsgruppe bereits in vier Wochen erste Ergebnisse vorlegen. "Ein konkretes Konzept für die Struktur und Organisation des neuen Unternehmens wird dann aber noch nicht vorgelegt", räumt ein Porsche-Sprecher ein. Nur eine "Entscheidungsgrundlage" sei zu erwarten – was immer das ist. Fest steht bislang noch nicht einmal, ob der neue Konzern aus einer Holding (wie die Porsche SE) oder einer operativen Gesellschaft (wie VW) bestehen wird.
Mit einer Holdinglösung ließe sich voraussichtlich das VW-Gesetz aushebeln, das die Stimmrechte jedes Großaktionärs auf 20 Prozent beschränkt – gleich wie hoch sein Anteil am Kapital ist. "Der Anwendungsbereich des VW-Gesetzes ist die Volkswagen AG. Eine Erweiterung dürfte nicht ohne eine Änderung des Gesetzes gehen", sagt der Kapitalmarktexperte Robert Heym von der Anwaltskanzlei Reed-Smith.