von Peer Leugermann, Singapur
Ein milder Sommerabend im Februar. Eine Bar im Kolonialstil und mittendrin Desai Arcot Narasimhalu, Inder, nach eigenen Angaben „Professor zur Tarnung“ und derzeit damit beschäftigt, drei neue Firmen zu gründen. Willkommen in Singapur.
Der aufstrebende Stadtstaat an der Südspitze der malayischen Halbinsel hat sich in den Kopf gesetzt, zu einem führenden Zentrum für Nanotechnologie zu werden, jene Wissenschaft, die Prognosen zufolge 2015 bereits in Produkten im Gesamtwert von 2,5 Billionen US-Dollar Anwendung finden wird – und damit in 15 Prozent der weltweit produzierten Güter. Derzeit sind es Waren im Wert von 253 Milliarden Dollar, in denen Nanotechnologie steckt, schätzen die Marktforscher von Lux Research.
Der Technologie wird seitens Industrie und Forschung großes Potenzial zugeschrieben, handelt es sich doch um Erkenntnisse, die zur Krebsheilung oder zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen können. Für einige stellt Nanotechnologie sogar die „nächste industrielle Revolution“ dar. Die Anwendungsgebiete reichen von der Medizintechnik über Werkstoffe bis hin zu extrem verbrauchsarmen Leuchtmitteln. „Nichts wächst schneller, nichts hat mehr Potenzial“, fasst Marco Beckmann, Vorstandschef der Beteiligungsgesellschaft Nanostart, die wirtschaftliche Bedeutung markig zusammen. Die Marktforscher von Frost & Sullivan führen Nano in ihrer Top-Ten-Liste der weltweit heißesten Technologien und Investitionschancen.
Die Technik, die das ganz große Rad drehen soll, ist winzig. Nanopartikel bezeichnen Teilchen, die zwischen einem und 100 Nanometer messen. Ein Nanometer ist ein Milliardstelmeter. Ein Nanopartikel verhält sich zur Größe eines Fußballs ungefähr so wie der Ball zur Größe der Erde. Doch die kleinen Teilchen können Enormes bewirken. So wäre es Siemens ohne den Einsatz einer speziellen Nanobeschichtung für die Rotorblätter nicht möglich gewesen, die weltweit effizienteste Gasturbine zu bauen. Die Rotoren wären bei einer Temperatur von 1400 Grad Celsius sonst schlicht geschmolzen.
Aber nicht nur im Industriebereich, auch in etlichen Alltagsprodukten kommt Nanotechnik zum Einsatz. So zählt die Organisation Project for Emerging Nanotechnologies bereits 1015 Nanoverbraucherprodukte. Angefangen bei Socken, die dank Nanobeschichtung antibakteriell und desodorierend sind, über besser haftende Wandfarben, die zugleich grundieren und Schmutz abperlen lassen, bis hin zu Jetski, bei denen die Nanotechnik das Gewicht um 25 Prozent reduziert und der Oberfläche einen brillanten Glanz verleiht. Doch bis solche Produkte den Weg zum Endkunden finden, vergehen häufig zehn Jahre.
Die ersten Schritte werden oft aus dem Labor oder der Garage heraus gemacht. In Singapur manchmal beides. Ein Gewerbegebiet ist im Inselstaat keine zubetonierte Fläche auf der grünen Wiese, sondern ähnelt einem langgezogenen Wohnblock, in dem jede Etage in der Mitte von einer Straße durchzogen ist. Links und rechts säumen silberne Garagentore die lastwagenbreite Fahrbahn. Hinter zwei solchen Toren steckt auch Biomers, Erfinder des ersten Plastikdrahts. Dieser besteht aus Glasfaser, hat die Eigenschaften von Draht und ist durchsichtig.

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Firmenchef Mervyn Fathianathan liefert damit den entscheidenden Baustein für die komplett durchsichtige Zahnspange und trifft auf einen Drei-Milliarden-Dollar-Markt. 50000 Stück wurden schon verkauft, hergestellt in einer neonweiß erleuchteten Garage, in vier Arbeitsschritten, auf an die Wand geschobenen Tischen.
Im Dreischichtbetrieb können 90000 Stück pro Monat hergestellt werden. Allerdings kostet die metallfreie Zahnkorrektur 15 bis 20 Prozent mehr als die normale Spange zu durchschnittlich 4000 Dollar. Bis zum Markteintritt 2008 vergingen acht Jahre. Eine Million Dollar wurde in die Forschung gesteckt, weitere 1,6 Millionen für den Produktionsstart aufgenommen. Profitabel wird die Firma erst 2011 sein.
Die Zeitspanne vom Labor bis zum Warentisch zu verkürzen, ist das erklärte Ziel der scheinbar unzähligen Förderorganisationen Singapurs: Sie sind Teil von Universitäten und Behörden, Fördermittel fließen für die Forschung, den Produktionsstart, das Management oder die Auslandsexpansion. Insgesamt stellt der Stadtstaat bis 2011 dafür 7,5 Milliarden Dollar zur Verfügung – 2,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Generell wird die noch junge Wissenschaft mit Fördermitteln gestützt. 18,2 Milliarden Dollar wurden 2008 weltweit für die Nanoforschung ausgegeben, so viel wie für keine andere Disziplin jemals zuvor. Die Folge waren 42210 neue Nanoforschungsergebnisse innerhalb eines Jahres. „Aber ein gutes Portfolio ist noch lange keine Garantie für Geschäftserfolg“, warnt Lux-Research-Analyst David Hwang. Schon einmal, zu Anfang des Jahrzehnts, hatte es einen Nanohype gegeben. In einer Studie der Credit Suisse heißt es: „Investoren suchten nach allem, worauf ,Nano‘ stand, ohne genau zu verstehen, worum es eigentlich ging.“
Das hatte wenig Erfolg. So erzielte der 2004 aufgelegte Nanotechindex von Merrill Lynch bis zu seiner Einstellung 2007 ein Minus von 40 Prozent. Nanostart-Chef Beckmann schreckt das nicht. Er ist der Überzeugung, dass nach dieser Phase nun die Kommerzialisierung der zahlreichen Nanoideen beginnt.
Allerdings tut sich mit dem wirtschaftlichen Erfolg eine weitere Gefahrenquelle auf: Regierungsbehörden und Verbraucherschützer zeigen sich zunehmend beunruhigt, da bislang wenig über die Gesundheitsrisiken der neuen Technik bekannt ist, und fordern umfangreiche Tests. Zudem hat Nanotechnik zwar das Potenzial, von Grund auf neue Produkte hervorzubringen, wird bisher aber von der Industrie überwiegend als Baustein gesehen, der bestehenden Materialien neue Eigenschaften verleihen kann. Dementsprechend liegen die Margen, von Einzelanwendungen in der Medizintechnik oder Elektronik abgesehen, im Schnitt nur auf dem Niveau der für Zulieferindustrien üblichen acht bis neun Prozent.
Vielleicht ist dies einer der Gründe, warum Desai Arcot Narasimhalu, Gründer von bereits 15 Unternehmen, hauptberuflich Direktor der Singapore Management Universiy bleibt und, wie er scherzhaft sagt, den Professorentitel „als Tarnung für seine Geschäftsideen benutzt“.
Bildquellen: BASF