Das Jahrzehnt des kreativen Kapitalismus
Matthias Horx ist Optimist. Schon von Berufs wegen. Ein Schwarzseher würde wohl auch schnell die Lust an der Erforschung der Zukunft verlieren. Was nicht bedeutet, dass Horx unkritisch an die Sache herangeht: „Die Krise ist vorbei. Doch in den Köpfen, Herzen und Wertesystemen hat sie zu einer tiefen Erosion der alten Wachstumsparadigmen und einer nicht revidierbaren Suche nach neuen Orientierungen geführt.“ Die Folge: eine neue Kapitalismusdebatte, alte Ideologien treten wieder auf den Plan, der Staat erlebt eine Renaissance.
Umstürze, Revolutionen oder totale Verstaatlichung müssen wir dennoch nicht fürchten, denn, so Horx: „Die Zukunft des Kapitalismus ist der Kapitalismus.“ Kein anderes System sei in der Lage, Freiheit und Prosperität gleichzeitig zu produzieren, Innovationen voranzutreiben und die vielfältigen Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen.
Bleibt also alles beim Alten? Keineswegs, sind Horx und sein Team vom Zukunftsinstitut überzeugt: „Während die Nachwehen der Krise in vielen Branchen vorübergehend eine Kapital- und Firmenkonzentration bewirken – Marktbereinigungen führen zu Megaplayern ohne nennenswerte Konkurrenz –, zeichnen sich dahinter die Konturen einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ab, die sich in diesem Jahrzehnt realisieren wird.“
Das aber wird nicht überall auf der Welt gleichzeitig passieren. Denn in den Schwellenländern ist die Situation heute ähnlich der in den westlichen Ländern im 19. Jahrhundert: Die Industrialisierung setzt Millionen von Menschen in Richtung Städte in Bewegung, der Staat sieht seine Aufgabe hauptsächlich als Ordnungsmacht. Beispiele: China und Russland.
Der „Kapitalismus 2.0“, die Entwicklung im 20. Jahrhundert von der Fabrikarbeit zur modernen Dienstleistungswelt mit ausgefeilten Umverteilungsmechanismen in den westlichen Ländern muss in den Schwellenländern erst durchlaufen werden, wenn auch im Schnelldurchgang, so das Horx-Team.
Der Sozialstaat der alten Prägung jedenfalls hat für die Zukunftsforscher abgewirtschaftet: „Weil er dazu tendiert, dem Staat immer mehr Pflichten aufzubürden und das Individuum ,überzuverwalten‘ und schließlich zu entmündigen, zerstört er irgendwann die Grundlagen, auf denen er gewachsen ist: eine dynamische und produktivitätssteigernde Wirtschaft.“
Höchste Zeit für Kapitalismus 3.0. Den läuten die führenden Schwellenländer ein, die zunehmend an Macht und Einfluss gewinnen, nicht zuletzt, weil die Finanzkrise vor allem die westlichen Industriestaaten geschwächt hat. „Weil Milliarden Menschen in anderen Teilen der Erde im Eilschritt ähnliche Wohlstandsprozesse durchlaufen haben wie Amerika und Europa im 19. Jahrhundert, weil sie ebenso fleißig, innovativ, optimistisch sind wie wir zu unseren besten Zeiten, verschieben sich die Machtlinien erneut“, sagt Horx.
Das aber gibt den alten Industriegesellschaften die Chance, sich weiterzuentwickeln, sind die Zukunftsforscher überzeugt. Wenn die neuen, vitalen Schwellenländer nicht existierten, hätte ein Technologie- und Exportland wie Deutschland nämlich gar keine Märkte mehr, auf denen es seine Güter verkaufen könnte. Horx: „Der Boom der Schwellenländer bringt uns in einen Superzyklus, der bis 2040 andauern wird. In diesem Zyklus entwickelt sich die globale Ökonomie zu einem gigantischen interkontinentalen Markt – und zwei, drei Milliarden Menschen steigen in den Wohlstand auf.“
Während die Schwellenländer ihre „nachholende Industrialisierung“ bewerkstelligen, müssten wir uns allerdings in Richtung eines „kreativen Kapitalismus“ weiterentwickeln, fordert Horx. Dazu gehöre mehr Innovation, mehr Dienstleistungsorientierung, mehr Bildungsmobilität und mehr Kreativitätspotenzial. „Wenn wir das schaffen, wird die globale Entwicklung ein Win-Win-Spiel, von dem alle Seiten profitieren. Aber nur dann.“ Die gegenläufige Entwicklung wären sinkende oder stagnierende Bildungspotenziale im Westen. Dann „dominiert der Prozess der Prekarisierung“, breite Schichten im Niedriglohnsektor würden vom Konsum ausgeschlossen.
Auch der demografische Wandel ist Teil der These vom Kapitalismus 3.0. Knapp würden vor allem „Menschen, die es können und wollen“, die Unternehmen müssten sich, laut Horx, ganz anders um die Menschen und ihre Fähigkeiten kümmern, um im Wettbewerb bestehen zu können. An ein „aussterbendes Europa“ glaubt Horx indes nicht: „Wir werden viel weniger Bevölkerung verlieren, als viele extreme Rechnungen vormachen.
Zudem wird Europa Immigration bekommen, ob es will oder nicht.“ Die ökonomische Angst vor der Alterung sei auch deshalb falsch, weil sich die Altersbilder veränderten: „60-Jährige können wie 40-Jährige sein, 70-Jährige agieren wie 60-Jährige. In der oberen Altersschicht herrscht eher Qualitätsbewusstsein, und hier entwickeln sich riesige Komfort-, Gesundheits- und Qualitätsmärkte.“
Die alten Wertschöpfungsketten werden bis 2020 hingegen zerbrechen und durch neue mediale Vermittlungen ersetzt, glauben die Autoren des Zukunftsreports. In der klassischen Industrieökonomie funktionierte Wertschöpfung linear, vom Entwickler eines Produkts am Anfang bis zum Kunden am Ende. Weil die Computer- und Kommunikationsindustrie aber die meisten Veränderungen nicht am Kundennutzen ausgerichtet habe, würden ihre Geräte als „unnütz-überkompliziert“ wahrgenommen.
Die Folge, so Horx: „Preisverfall und Margenschwund.“ Durch die ungeheure Flut von Billigwaren auf so gut wie allen Märkten sei ein massiver Überdruss, eine Übersättigung entstanden. „Die klassischen Konsummärkte befinden sich in einer Strukturkrise. Handel, Autos, auch die Banken, also die alten Kernbranchen der industriellen Konsumökonomie, sind tendenziell schrumpfende Branchen“, prophezeit Horx. All diese Branchen würden sich in den nächsten Jahren selbst bereinigen, auch durch Konzentration und Monopolisierung – was zu einem Verlust an innovativer Dynamik führe.




