BASEL (dpa-AFX) - Der Schweizer Pharmakonzern
Novartis kommt bei der Produktion seines
Schweinegrippe-Impfstoffs voran. Novartis habe die Produktion einer erste Charge des Schweinegrippe-Impfstoffs A(H1N1) früher als erwartet abgeschlossen, teilte der Pharmakonzern am Freitag am Firmensitz in Basel mit. Die Entwicklung des ersten Teils des Impfstoffes sei wegen einer neuen Technologie Wochen früher als erwartet abgeschlossen. Auf dieser Basis will Novartis zügig einen Impfstoff herstellen und die Produktion hochfahren. Derzeit lägen Nachfragen von mehr als 30 Regierungen vor.
An der Börse kam die Nachricht gut an: Novartis-Titel verteuerten sich bis zum Mittag um mehr als drei Prozent auf 44,52 Schweizer Franken. Ebenfalls gefragt waren die Genussscheine des Konkurrenten Roche , dessen Grippemittel Tamiflu nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch gegen die Infektionserkrankung hilft. In den Kommentaren von Analysten wird der Vorsprung von Novartis gegenüber Mitbewerbern betont. "Die zellbasierte Herstellung verschafft Novartis eine Spitzenposition bei der Lieferung von A/H1N1-Impfstoffen zur Bekämpfung der Pandemie an Regierungen weltweit", heißt es in einer Analyse von Karl-Heinz Koch und Odile Rundquist der Schweizer Bank Helvea.
PRODUKTION IM HESSISCHEN MARBURG
Novartis hatte am Morgen mitgeteilt, dass die zellbasierte Herstellungstechnologie den Beginn der Impfstoff-Produktion ermögliche, sobald ein pandemischer Virusstamm identifiziert sei. Dies bedeute gegenüber dem traditionellen eierbasierten Herstellungsverfahren eine signifikante Zeitersparnis. Die erste Charge von 10 Litern des Wildtypus-Impfstoffs A(H1N1) wird nach Aussage Novartis für präklinische und klinische Auswertungen und Untersuchungen verwendet. Derzeit wird der Impfstoff im hessischen Marburg hergestellt. Neben der Schnelligkeit biete das zellbasierte Herstellungsverfahren den Vorteil, dass die Produktion rascher erhöht werden könne, so dass die Anlage das Potenzial besitze, Millionen von Dosierungen pro Woche zu produzieren. Eine zweite Produktionsstätte befindet sich an der amerikanischen Westküste im Bau. Es sei vorgesehen, im Juli mit diesem Impfstoff klinische Versuche zu starten, die Lizenzierung werde im Herbst erwartet.
Neben Novartis und Roche gehören der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline und der französische Konkurrent Sanofi-Aventis (Aventis) mit der Impfstofftochter Sanofi Pasteur zu den wichtigsten Impfstoffherstellern. Erst kürzlich hatte Sanofi-Aventis über einen Auftrag der US-Regierung für die Herstellung eines Schweinegrippe-Virus A (H1N1) im Wert von 190 Millionen US-Dollar berichtet. Insgesamt will die US-Regierung unter Präsident Barack Obama eine Milliarde Dollar (rund 715 Millionen Euro) zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Krankheit ausgeben.
WHO RUFT WARNSTUFE SECHS AUS
Unter dessen hat der Präsident des Berliner Robert-Koch-Instituts, Jörg Hacker, davor gewarnt, die Schweinegrippe hierzulande zu unterschätzen. Bei erhöhten Fallzahlen werde es auch in Deutschland schwere Verläufe der Grippe geben, sagte Hacker im ZDF-"heute journal". Er rechne damit, dass im Herbst ein Impfstoff gegen die Schweinegrippe verfügbar sein wird. Die WHO hatte die Schweinegrippe am Donnerstag zur ersten Grippe-Pandemie seit über 40 Jahren erklärt. 1968 sollen an der Hongkong-Grippe weltweit mehr als eine Million Menschen gestorben sein.
Das Schweinegrippe-Virus breite sich mittlerweile auf mindestens zwei Kontinenten beständig aus, sagte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan in Genf. Außer in Nordamerika gibt es auch in Australien fortwährend Ansteckungen von Mensch zu Mensch. Weltweit hat die WHO bislang fast 30.000 Infektionen in 74 Ländern registriert. 144 Patienten sind gestorben. In ganz Deutschland zählen die Behörden mehr als 100 Erkrankungen./ep/tw