von Cornelia Heins
Die Welt des Energiesektors hat sich während der vergangenen fünf Jahre drastisch geändert. Das zeigt sich an den Preisen von Erdöl und Erdgas. Traditionell entwickeln sich beide mehr oder weniger parallel: Stieg der Preis für Öl, zog auch jener für Erdgas an. So legten die Notierungen der beiden Energieträger 2004 bis 2008 gleichermassen zu, bis beide kurz vor der Krise um rund 50 Prozent fielen.
Der Erdölpreis hat sich zwar vom Tief bei 44,60 Dollar pro Fass bereits wieder auf rund 80 Dollar erholt. Der derzeitige Stand ist jedoch weit entfernt vom Allzeithoch bei 145 Dollar pro Fass vom Sommer 2008. Er reflektiert den Einfluss der arktischen Kaltwetterfront, die die USA in den Wintermonaten ergriffen hat und von Chinas steigender Ölnachfrage. Der Preis für Erdgas, der 2005 bei einem Höchst von knapp 15,40 Dollar pro BTU (British Thermal Unit) lag und der in der Finanzkrise auf unter zwei Dollar sank, hat sich hingegen bei unter sechs Dollar eingependelt. Er ist damit niedriger als Anfang 2004.
Den grossen Ölkonzernen eröffnen die niedrigen Erdgaspreise die Chance, günstig ins Erdgasgeschäft vorzustossen. Zusätzliche Attraktivität gewinnt der Sektor, weil innovative Technologien es erlauben, bisher unausgenutzte Erdgasvorkommen zu erschliessen. Vor diesem Hintergrund sind jüngste Meldungen wie die Übernahme von XTO Energy durch den Ölkonzern ExxonMobil oder die 25-prozentige Beteiligung von Total an den Barnett-Shale-Gasoperationen von Chesapeake Energy verständlich. Und diese Transaktionen werden nicht die letzten sein.
Seit einigen Wochen ist der Wettbewerb ums Gas vor allem in Texas wieder angeheizt worden: «Big Oil», also die Gruppe der grossen Ölkonzerne, kämpft um unabhängige Partner – nicht nur, um an deren Gewinnen zu partizipieren, sondern auch, um sich Marktanteile zu sichern. «Quicksilver Gas Service und Range Resources, zwei unabhängige Firmen, stehen am Anfang meiner Kandidatenliste weiterer möglicher Übernahmen», sagt Paul Midkiff, Öl-und Gasberater in Fort Worth mit 27 Jahren Erfahrung und Inhaber der Firma Midkiff Oil & Gas. Beide Unternehmen sind im Barnett-Shale-Gasfeld engagiert. Range Resources fördert zusätzlich in der Marcellus Shale in Pennsylvania und New York. Midkiffs Einschätzungen haben Gewicht: Er sagte bereits im Mai 2008 die Übernahme von XTO durch ExxonMobil voraus.
Warum aber ist der Gaspreis überhaupt so tief? Er spiegelt nicht nur die Folgen der Finanzkrise und damit zusammenhängend den Ausstieg vieler spekulativer Investoren wider. Der tiefe Gaspreis ist auch ein Indikator von Angebot und Nachfrage. Anders nämlich als den Ölförderern ist es den Erdgasanbietern während der vergangenen Jahre erfolgreich gelungen, neue Vorkommen der umweltfreundlichen Energieressource auszubeuten. Vor allem in der Barnett Shale, einer Schieferregion im Norden von Texas, die in den Achtzigerjahren entdeckt worden ist, haben neue Bohrmethoden ermöglicht, dass sich heute enorme Erdgasvorkommen fördern lassen. Die Barnett-Region ist eine geologische Formation, die sich vor rund 350 Millionen Jahren gebildet hat und die sich über rund 1300 Quadratkilometer um die beiden texanischen Grossstädte Dallas und Fort Worth erstreckt. Einige Experten sind der Meinung, es könne sich um das grösste Erdgasfeld der Welt handeln. Trotz sinkender Erdgaspreise werden die Erlöse dieses Vorkommens, das jetzt mit sogenanntem Fracturing gefördert werden kann, auf rund neun Milliarden Dollar pro Jahr geschätzt.
Während traditionelle Erdgasvorkommen vertikal angebohrt und ausgepumpt werden, wird beim Fracturing Wasser mit Sand vermischt und unter hohem Druck ins Bohrloch gepresst. Dieser Prozess kann vertikal oder auch horizontal verlaufen und erweitert die Poren des Gesteins, womit die Durchlässigkeit für Gase wir für Öl erhöht wird. Bis vor wenigen Jahren waren die Kosten für dieses Verfahren zu hoch, um profitable Bohrungen in der Barnett Shale zu ermöglichen. Während den vergangenen fünf Jahren entstanden jedoch mehr als 3800 Bohrlöcher in der texanischen Region, die vom Flugzeug und von den Highways aus gut zu sehen sind.
Vor allem amerikanische Firmen wie XTO Energy und Chesapeake waren federführend beim aggressiven Ankauf von Bohrrechten und bei der Verfeinerung des innovativen Drillprozesses. Chesapeake machte Schlagzeilen, als sie eine der grössten Bohrungen an einem sehr ungewöhnlichen Ort startete – nämlich beim International Airport von Dallas/Fort Worth, dem viertgrössten US-Flughafen. Dieser liegt mitten in der Barnett Shale und erhielt 2006 von Chesapeake rund 181 Millionen Dollar an Pachtzahlungen, womit der Gasförderer in den nächsten drei bis vier Jahren das Recht hat, horizontal das 7500 Hektar grosse Flughafengelände anzubohren. Darüber hinaus ist der Flughafen an möglichen Profiten der Erdgasförderung mit 25 Prozent beteiligt.
XTO Energy hat sich einen Namen gemacht, indem sie in Texas grosse Erdgasreserven mit niedrigen Förderkosten kontrolliert. Die im Dezember bekannt gewordene Offerte von ExxonMobil, die in Fort Worth ansässige XTO für über 31 Milliarden Dollar zu erwerben, dürfte ein willkommenes Feiertagsgeschenk für den bekannten CEO Bob Simpson gewesen sein. Der 61-jährige Simpson, der die Firma 1986 gegründet hat, ist als einer der besten Firmenchefs Amerikas bekannt. Hollywoodstar Jessica Simpson gehört übrigens zu seiner engen Verwandtschaft.
Der Deal zwischen ExxonMobil und XTO ist der grösste Takeover im Energiesektor seit der Übernahme von Mobil durch Exxon 1999. Der Grund, warum ExxonMobil so viel für XTO zu zahlen bereit ist, liegt in der Strategie von Simpson, die er in den vergangenen zwei Jahren gepflegt hat, indem er Firmen mit grossen Erdgasreserven wie Hunt Oil akquirierte. «Es gibt augenblicklich kaum mehr Erdgasreserven zu kaufen», sagt Rohstoffexperte Stephen Leeb von der New Yorker Investmentfirma Leeb Capital Management. «XTO kontrolliert als unabhängige Firma grosse amerikanische Reserven, und zwar nicht nur in Texas, sondern unter anderem auch in Louisiana und Colorado.» XTO wird selbst nach der Übernahme der kreative und innovative Arm des Ölgiganten ExxonMobils sein, aber seine Geschäfte über die USA hinaus entwickeln.
Der zweite Ölgigant, der sich im texanischen Erdgasgeschäft breit gemacht hat, ist die französische Total, die sich mit 25 Prozent an den Barnett-Shale-Operationen von Chesapeake beteiligt hat. Chesapeake will mit dem Verkaufserlös ihre Produktionskapazität wesentlich erhöhen. Das texanische Unternehmen wird weiterhin das Management auch über den verkauften Anteil behalten – und damit auch die Verantwortung für mögliche Umweltschäden, wie Beeinträchtigung des Wassers der Region, tragen.
Einige Umweltschützer geben nämlich zu bedenken, dass das hydraulische Fracturing nicht nur den Wasserhaushalt belaste, sondern sogar für Erdbeben verantwortlich sein könne. Der ExxonMobil-Konzern hat daher eine Klausel im Vorvertrag mit XTO, dass er von der Transaktion zurücktreten könne, falls Fracturing künftig nicht mehr erlaubt sein sollte.
Abgesehen von diesem Risiko stehen die Aussichten im Gasgeschäft sehr gut: Der Vizepräsident von ExxonMobil, Andrew Swiger, kommentierte in einer Präsentation kürzlich, dass der Verbrauch von Erdgas in den nächsten 20 Jahren um über 30 Prozent steigen werde, da Erdgas eine umweltfreundliche Alternative für Erdöl sei und damit Braunkohle als Energiequelle ersetzen werde. Je nachdem, wie sich diese Substitution realisieren lässt, könnte sich der Gaspreis in den kommenden Jahren auf rund zehn Dollar pro BTU praktisch verdoppeln, glauben einige Experten.
Quelle: Stocks vom 5.-18. Februar 2010