von Christoph Platt und Peter Gewalt, €uro am Sonntag
Bloße Gerüchte – und seien sie noch so vage – reichen zurzeit aus, um die Märkte in extreme Schwingungen zu versetzen. Ein reformorientierter schiitischer Prediger sei in Saudi-Arabien gefangen genommen worden, hieß es am vergangenen Dienstag. Die saudische Regierung habe Panzer ins Nachbarland Bah-rain entsandt, um die dortige Demokratiebewegung zu unterdrücken, ließ eine Zeitung am gleichen Tag verlauten. Der Aktienindex der Börse in Riad fiel daraufhin um 6,8 Prozent. Und wie bei allen besorgniserregenden Nachrichten aus Saudi-Arabien reagierte der Ölpreis prompt. Im Tagesverlauf verteuerte sich Öl der Nordseesorte Brent um 3,2 Prozent. Am Dienstagabend mussten Käufer 115,42 US-Dollar für ein 159-Liter-Fass bezahlen.
Die Meldung über den Prediger erwies sich als alt, die über die Panzer als falsch. Die Beispiele zeigen, wie dünnhäutig die Anleger derzeit sind. Die Furcht vor andauernden Kämpfen in Libyen und einer Ausweitung der Unruhen auf andere Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas sorgt weiter für massive Verunsicherung. Als Folge suchen die Investoren Zuflucht in den beliebten sicheren Häfen wie Gold oder http://www.finanzen.net" target="_blank">Schweizer Franken.
Die Aktienkurse sinken, denn die Welt hat Angst vor teurem Öl. Bleibt der Preisanstieg auf wenige Wochen beschränkt, so dürfte das globale Wirtschaftswachstum kaum Schaden nehmen. Verharrt die Notierung jedoch auf ihrem jetzigen Niveau, wird der Aufschwung an Dynamik verlieren.
Noch halten die meisten Ökonomen und Analysten einen extrem hohen Ölpreis in diesem Jahr für unwahrscheinlich. Hauptargument ist der geringe Anteil Libyens an der weltweiten Ölförderung, der lediglich zwei Prozent beträgt. Selbst ein Ausfall der libyschen Produktion könne dauerhaft keine starken Auswirkungen auf den Preis des Rohstoffs haben. Hinzu kommt, dass mit Saudi-Arabien längst ein anderer, sehr potenter Lieferant die Erhöhung seiner Förderquote zugesagt hat.
Doch schon haben neue Sorgen über aufkeimenden Unmut im saudischen Königreich den Markt erfasst. Sollte es auch dort zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommen, wäre das ein echtes Horrorszenario. Denn das Land ist nicht nur die größte Volkswirtschaft des Nahen Ostens, sondern auch einer der stärksten Ölförderer weltweit.

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Ein ungewöhnliches Verhalten zeigen derzeit die Aktien der großen Energiekonzerne. Im Regelfall spiegelt sich ein steigender Ölpreis in anziehenden Kursen der Öltitel wider. Denn höhere Preise des schwarzen Goldes führen zu höheren Einnahmen für die Anbieter. Doch momentan scheint diese Regel für europäische Ölmultis außer Kraft gesetzt. Der Ölpreis steigt und steigt, doch ihre Aktienkurse laufen seitwärts – bestenfalls. Einige Konzerne wie der italienische Ölriese Eni müssen sogar sinkende Kurse verkraften.
Der Abstand der Aktienkurse der europäischen Energiekonzerne zum Ölpreis ist so groß wie seit der Lehman-Pleite 2008 nicht mehr. Dass die Unternehmen vom steigenden Ölpreis nicht profitieren, liegt daran, dass die Belastungen durch die Krise in Libyen überwiegen.Dabei geht es weniger um geringere Gewinne – die Margen im Nahen Osten sind für die Konzerne niedrig – als vielmehr um die Produktionsmenge. „Wenn die ohne-hin wachstumsschwachen Ölmultis Produktionsverluste haben, sieht es schlecht für sie aus“, sagt Stephan Werner, Rohstoffexperte der DWS. „Die Investoren verlieren dann das Interesse.“ Bereits in ruhigen Zeiten hätten die großen Unternehmen Probleme, um drei bis vier Prozent zu wachsen, so der Fachmann.
Von den Unruhen stark betroffen sind vor allem europäische Konzerne, weil die Verflechtungen mit Nordafrika und dem Nahen Osten eng sind. Besonders Eni ist stark in Libyen engagiert und größter Ölproduzent in dem Land. Rund 13 Prozent der Gesamtproduktion des Konzerns stammen von dort. Aufgrund der Unruhen musste Eni seine Öl- und Gasförderung in Libyen um 50 Prozent zurückfahren. Der Kurs der Aktie gab Mitte Februar um fast sieben Prozent nach.
Auch die anderen großen Europäer leiden unter dem Engpass infolge der Krisen in Nordafrika. Die Kurse der europäischen Ölkonzerne BP, Total und Royal Dutch Shell stagnierten. BP ist der größte ausländische Investor in Ägypten. Die Unternehmen Total, OMV und Repsol YPF haben die Förderung in Libyen zurückgefahren.
Die bedeutsame Frage für Aktionäre: Haben die großen Ölförderer, die in Nordafrika und dem Nahen Osten engagiert sind, mit einem langwierigen Problem zu kämpfen, oder wird sich die Lage schon bald wieder entspannen? „Ich denke nicht, dass die Unsicherheit hinsichtlich der Produktion lange anhalten wird“, sagt Colin McLean, Chef der Vermögensverwaltung SVM in Edinburgh. „Die Aktien der Ölkonzerne sind historisch betrachtet immer dem Preis ihres Rohstoffs gefolgt“, gibt er zu bedenken. Unter diesen Bedingungen bieten sich für Anleger Chancen, falls die Kurse die bestehende Lücke zum Ölpreis schließen.
Das Risiko, dass die Ölpreise in der Folgezeit deutlich fallen könnten, ist zudem gering. Denn die intakte Weltkonjunktur dürfte die Nachfrage hoch halten. Ein Preis von deutlich unter 100 Dollar erscheint daher in diesem Jahr unwahrscheinlich.
Ein grundsätzliches Problem der großen Ölförderer bleibt allerdings bestehen: Auf der Suche nach neuen Lagerstätten haben sie immer stärker in risikobehaftete Länder investiert, um zu wachsen. Dieser Trend könnte nach Ansicht des DWS-Rohstoffexperten Werner infolge der Probleme im Nahen Osten nun ein Ende finden. „Die Strategie muss überdacht werden“, sagt er.
Auch Willem de Meyer, Manager des Earth Energy Fund, sieht diese Probleme: „Die großen integrierten Konzerne stehen vor einem Dilemma: Sie müssen einerseits ihre schwindenden Reserven ausgleichen und gleichzeitig aufpassen, dass ihr Portfolio nicht zu stark von politisch instabilen Ländern abhängt“, sagt er.
Dementsprechend steigt das Interesse an Gas- und Ölvorkommen, die in stabilen Regionen wie Nordamerika liegen. Bei diesen handelt es sich fast ausschließlich um sogenannte unkonventionelle Vorkommen. Dazu gehören Offshorereserven auf hoher See, Ölsande und technisch schwierig zu fördernde On-shorevorkommen. Sie sind umso interessanter, je höher der Ölpreis ist und je weiter die Fördertechnologien entwickelt werden. „Diese Entwicklung eröffnet große Chancen für entsprechende Unternehmen aus der zweiten und dritten Reihe, die dank technologischem Know-how einen Vorsprung haben und mehr Risiko eingehen“, sagt de Meyer.
Eines der interessantesten Projekte der unkonventionellen Ölförderung ist die Gewinnung des Rohstoffs aus Ölsanden in Kanada. Mit geschätzten 170 Milliarden Fass verfügt das Land über die zweitgrößten Erdölvorkommen außerhalb des Nahen Ostens. „Die Förderung lohnt sich ab einem Ölpreis von 80 Dollar“, sagt DWS-Mann Werner. Auch in diesem Segment sind eher kleinere Unternehmen aktiv.
Anleger können nicht nur direkt vom Erfolg der Spezialunternehmen profitieren, sondern auch indirekt vom Zwang der Multis, weiterzuwachsen. „Die großen Konzerne übernehmen kleinere Unternehmen, wenn diese erfolgreich sind“, nennt Fondsmanager de Meyer einen weiteren Kurstreiber.
Von einem hohen Ölpreis profitiert langfristig auch die Gasbranche. „Gas wird beliebter, da es auf lange Sicht Öl teilweise ersetzen kann, zum Beispiel beim Transport“, sagt de Meyer. Schon jetzt gebe es Projekte, um aus Gas Treibstoff zu machen. Ein Schub wird auch für alternative Energien wie Solar- und Kernkraft erwartet.
Welches Ausmaß die Krise in Nordafrika und dem Nahen Osten noch annehmen wird, lässt sich nicht voraussagen. Fest steht nur, dass die Unsicherheit bestehen bleibt: In Libyen wird weiter blutig gekämpft. Und in Saudi-Arabien haben Internetaktivisten für den 11. und 20. März zu Protestkundgebungen aufgerufen. Die Schwingungen der Märkte werden sich also fortsetzen.
Investor-Info
Chevron
Aussichtsreicher Ölriese
Chevron ist eines der weltgrößten Unternehmen in der Ölindustrie und hauptsächlich in den USA tätig. Der Konzern konnte im vierten Quartal 2010 seinen Nettogewinn um 72 Prozent auf 5,3 Milliarden US-Dollar steigern. Dafür sorgten vor allem verbesserte Raffineriemargen und Veräußerungsgewinne im Bereich Weiterverarbeitung der Rohstoffe. Chevron weist nach wie vor eine sehr komfortable Bilanz auf. Weiterer Pluspunkt des Konzerns ist seine exzellente Projektentwicklung.
BNK Petroleum
Gasförderung in Polen
Auf der Suche nach neuen Vorkommen beschreitet BNK Petroleum ungewöhnliche Wege: Das US-Unternehmen will Schiefergas in Polen und Deutschland fördern. Dabei handelt es sich um Erdgas, das in Tonsteinen entsteht und gespeichert wird. Dessen Gewinnung ist technologisch anspruchsvoll, aber durch steigende Gaspreise zunehmend rentabel. Das Unternehmen hat bereits zwölf Konzessionen zur Gasförderung erhalten. Interessante Aktie für risikobereite Investoren. Limitiert ordern.
Swisscanto EF Selection Energy
Schwergewichte im Portfolio
Der Fonds investiert weltweit in Aktien aus dem Energiesektor. Öl- und Gasunternehmen machen mit 83 Prozent den Löwenanteil des Portfolios aus. Der Fokus liegt auf den Großen der Branche: Allein ExxonMobil, Chevron und Total zusammen haben im Fonds ein Gewicht von mehr als 20 Prozent. Mutigere Anleger kaufen den Earth Energy Fund UI (ISIN: DE000A1CUG17). Er konzentriert sich auf Nebenwerte aus dem Bereich Energie.
Carmignac Commodities
Breites Rohstoffinvestment
Fondsmanager David Field ist nicht auf Energieunternehmen beschränkt – er kann Aktien aus der gesamten Rohstoffbranche kaufen. Gleichwohl hat er die Zeichen der Zeit erkannt und den Anteil des Energiesektors im Fonds auf rund 50 Prozent erhöht. Field versucht, die großen Unternehmen der Energiebranche zu meiden. Er konzentriert sich lieber auf Mid Caps, die mehr als die Hälfte seines Portfolios ausmachen.
Bildquellen: Hemera/Thinkstock/Getty Images