von Sven Parplies, €uro am Sonntag
Bis zu 100 Mal in der Minute schlägt das Herz eines gesunden Menschen. Bei einigen ist der Rhythmus in den Herzvorhöfen gestört. Mit womöglich fatalen Folgen: Es können sich Blutgerinnsel bilden, die über die Hauptschlagader ins Gehirn geschwemmt werden, Arterien verstopfen und einen Schlaganfall auslösen. Knapp eine Million Menschen leiden laut Hochrechnung der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft allein in der Bundesrepublik unter Vorhofflimmern. Nur die Hälfte der Betroffenen nimmt blutverdünnende Medikamente.
Mediziner führen die Nachlässigkeit auf Mängel der verfügbaren Medikamente zurück: „Sie erfordern regelmäßige Kontrollen der Blutgerinnung und eine ständige Dosisanpassung. Auch kommt es häufig zu Wechselwirkungen mit anderen Arzneien und Nahrungsmitteln“, listet die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft die Probleme auf.
Glaubt man den Pharmakonzernen, wird das Leben für Patienten bald erheblich einfacher. Vier große Allianzen, darunter die Schwergewichte Pfizer und Bayer, werben mit neuen Gerinnungshemmern, die bessere Wirkung und bequemere Anwendung versprechen. Die Schlaganfallvorbeugung für Patienten mit Herzflimmern gilt als kommerziell wichtigste Indikation für Gerinnungshemmer, da das Leiden chronisch ist und Patienten das Medikament in den meisten Fällen bis an ihr Lebensende nehmen müssen.
Analysten trauen der neuen Produktgruppe quer durch alle Anwendungsgebiete einen jährlichen Spitzenumsatz von zehn bis 20 Milliarden Dollar zu. Eine Geldspritze, die die Konzerne dringend brauchen. Denn in den kommenden Jahren läuft der Patentschutz wichtiger Medikamente aus, die dann schnell Marktanteile an billigere Nachahmer verlieren. Bis 2016, schätzt der Branchendienst EvaluatePharma, drohen 20 Prozent des gesamten Umsatzes der Pharmabranche über die sogenannte Patentklippe zu stürzen.

Hier gehts zum aktuellen Heft
Die größten Chancen unter den neuen Gerinnungshemmern sehen Branchenexperten derzeit für das Produkt, das Pfizer mit seinem europäischen Verbündeten Bristol-Myers Squibb entwickelt. Die Konzerne haben am Wochenende auf einem Kardiologenkongress in Paris die detaillierten Ergebnisse der dritten und damit letzten klinischen Entwicklungsstufe ihres Medikaments Apixaban vorgelegt. Die bereits vorab veröffentlichten Daten haben an der Börse bereits Wirkung gezeigt. Nach Veröffentlichung legte der Aktienkurs von Pfizer um zwei Prozent zu, bei Bristol-Myers sogar um sechs Prozent. Die bisher bekannten Ergebnisse zeigen, dass Apixaban besser und sicherer ist als das mehr als ein halbes Jahrhundert alte Standardmedikament Warfarin.
In Paris erwarten Analysten jetzt Informationen, wie groß der Vorteil genau ist. Es gehe darum, wer Klassenbester sei, beschreibt das Analysehaus Morningstar die Bedeutung der Präsentation. Die Analysten der britischen Bank Barclays spekulieren bereits, dass Pfizer und Bristol-Myers die Hälfte des Markts bei Vorhofflimmern besetzen werden.
Noch aber ist nichts entschieden. Die Entwicklung eines Medikaments gleicht einem Abenteuer. Durchschnittlich mehr als zehn Jahre dauert es von der Identifikation eines Wirkstoffs bis zum zugelassenen Medikament. Die meisten Projekte scheitern schon in der Frühphase. Selbst nach der Zulassung kann es zu Komplikationen kommen. Bei Gerinnungshemmern besteht etwa die Gefahr, dass die Wirkung zu stark ist und Patienten im Extremfall innerlich verbluten.
Die Unwägbarkeiten neuer Medikamente machen derzeit Boehringer Ingelheim zu schaffen. Das nicht börsennotierte Familienunternehmen hat als Erster bereits eine Alternative zu Warfarin auf dem Markt. In Japan muss Boehringer jetzt zum Rapport bei der Gesundheitsbehörde antreten. In 81 Fällen sei es bei älteren Patienten, die das Medikament eingenommen hatten, zu schweren Blutungen gekommen, fünf seien gestorben. Ein Zusammenhang ist nicht erwiesen, könne aber auch nicht ausgeschlossen werden. Boehringer muss jetzt entsprechende Warnhinweise geben. Dem Unternehmen sei daran gelegen, dass das Präparat richtig angewendet werde, heißt es bei Boehringer.
Als härtester Wettbewerber für Pfizer und Bristol-Myers gilt Bayer. Die Leverkusener haben in Allianz mit dem US-Konzern Johnson & Johnson das Medikament Xarelto entwickelt. Bei Bayer taxiert man das wirtschaftliche Potenzial auf mehr als zwei Milliarden Euro. Optimistische Schätzungen unter Analysten hatten zwischenzeitlich sogar bis zu acht Milliarden Euro als jährlichen Spitzenumsatz aufgerufen. Nach den positiven Daten zum Konkurrenten Apixaban sind Börsenprofis vorsichtiger geworden. Die Deutsche Bank etwa kürzte ihre Prognose von vier auf 2,8 Milliarden Euro.
Das Problem für Bayer: Während Apixaban dem bisherigen Standard Warfarin überlegen ist, wurde Xarelto bisher lediglich bescheinigt, in der Wirkung nicht unterlegen zu sein. Das wird im Markt als Handicap gewertet, aber nicht als Knockout. Denn auch Xarelto hat Vorzüge. So muss Bayers Tablette nur einmal täglich eingenommen werden, Apixaban zweimal. Hinzu kommt der Zeitfaktor: Bayer erwartet noch in diesem Jahr die Zulassung für die USA und Europa und hätte damit einen Vorsprung von mindestens sechs Monaten auf den Hauptkonkurrenten.
Womöglich aber könnte ein weiteres Unternehmen alle bishergen Hochrechnungen durcheinanderwirbeln. Der japanische Pharmakonzern Daiichi Sankyo wird erst im kommenden Jahr die dritte, also finale Phase der klinischen Erprobung in den Indikationen Vorhofflimmern und Venenthrombose abschließen. Europa-Chef Reinhard Bauer ist dennoch schon jetzt in Angriffslaune: „Ein früher Markteintritt ist ein Vorteil, entscheidend aber ist das Produktprofil, also Wirksamkeit, Nebenwirkungen, Einnahmebequemlichkeit. Wir erwarten, dass wir da die Nase vorn haben werden.“
Investor-Info
Bayer
Reif für eine Trendwende
Xarelto ist eines der wichtigsten Projekte der Pharmasparte. Positive Nachrichten zum Hauptkonkurrenten dürften den Kurs belasten. Die ab September erwartete Zulassung von Xarelto für den Einsatz bei Vorhofflimmern dürfte die Aufmerksamkeit wieder auf die Stärken des Bayer-Medikaments lenken. Nach der im Vergleich zur Konkurrenz zuletzt schwachen Kursentwicklung wäre ein weiterer Rücksetzer eine Einstiegsgelegenheit.
Die Konkurrenten
Patentverluste belasten
Pfizer und Bristol-Myers Sqibb besitzen mit Lipitor bzw. Plavix die umsatzstärksten Medikamente der Welt, verlieren aber bald den Patentschutz. Analysten sehen die Aussichten mit Verweis auf die relativ gut gefüllte Pipeline inzwischen positiver. Beides sind Haltepositionen. Die Marktreife des Gerinnungshemmers von Daiichi Sankyo liegt noch zu weit in der Zukunft. Zudem ist der Handelsumsatz der Aktie in Deutschland sehr gering.