12.12.2012 17:00
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Generika: Nachmacher auf neuen Wegen

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Generika: Nachmacher auf neuen Wegen
Pharmabranche
Generika: Die Branche steckt mitten im Umbruch. Zukunftsfähige Unternehmen setzen nicht auf Blockbuster, sondern auf Schwellenmärkte und Spezialprodukte.
€uro am Sonntag
von Julia Groß, Euro am Sonntag

Es hätte der ganz große Coup für Ranbaxy werden sollen. In jahrelanger Arbeit erstritt sich das größte indische Pharmaunternehmen sechs Monate exklusives Verkaufsrecht für das erste Lipitor-Generikum in den USA. Der Cholesterinsenker Lipitor führte bis zu seinem Patentablauf im Herbst 2011 die Liste der umsatzstärksten Medikamente der Welt an. Zuletzt nahm Hersteller Pfizer pro Jahr satte 12,5 Milliarden US-Dollar mit den Tabletten ein. Das entspricht 34 Millionen Dollar pro Tag.

Ein Generikum, die patentfreie Kopie, kostet nur einen Bruchteil des Originalmedikaments. In Europa beträgt der Preisnachlass durchschnittlich 20 bis 25 Prozent, in den USA bis zu 90 Prozent. Deshalb gilt die Exklusivitätsperiode von sechs Monaten, die US-Behörden jenem Produzenten zusichern, der als Erster die komplizierte Anmeldeprozedur durchläuft, als besonders attraktiv — wer über ein Monopol verfügt, muss weniger Rabatt anbieten. Viele Unternehmen haben ihre gesamte Strategie auf solche Gelegenheiten ausgerichtet.

Veränderte Marktbedingungen
Doch in Zukunft wird das nicht mehr ausreichen. Der Generikamarkt verändert sich grundlegend. In den kommenden Jahren werden nicht mehr viele Blockbuster wie Lipitor patentfrei werden. Wenn doch, müssen sich häufig mehrere Produzenten die Exklusivitätsperiode teilen.

Das große Wachstum findet in den Schwellenländern statt, die bei der medizinischen Versorgung vor allem auf Generika setzen. Bereits in drei Jahren wird der Gesundheitsmarkt dieser Länder genauso groß sein wie der der USA. Auch die Sparmaßnahmen vieler Eurostaaten zielen auf Arzneimittelkopien. Rund 30 Milliarden Dollar könnten durch konsequenten Einsatz von Generika eingespart werden, schätzt der Branchendienst IMS Health.

Um davon zu profitieren, muss ein Unternehmen sich aber auf die spezifischen Besonderheiten jedes einzelnen Landes einstellen und knallhart kalkulieren. Der Wettlauf um das billigste Generikum ist kein margenstarkes Geschäft. Deshalb versuchen viele Firmen, sich zusätzlich Nischen in Spezialmärkten zu suchen, etwa Tabletten mit verzögerter Wirkstoffabgabe oder besondere Darreichungsformen wie Pflaster.

Wer sich nicht rechtzeitig auf die neuen Gegebenheiten eingestellt hat, verliert. Ranbaxy musste schmerzlich erfahren, was es bedeutet, lediglich auf die alte Strategie zu setzen. Denn die Lipitor-Chance haben die Inder komplett in den Sand gesetzt. Nach einer Reihe von Produktionsstopps und Pannen — unter anderem wurden Glassplitter in Lipitor-Packungen gefunden — stellten sie die Herstellung im November bis auf Weiteres komplett ein. Die Rückstellungen, die der Konzern für die Beseitigung der Mängel in seinen Fa­briken bilden musste, übertreffen den erhofften Umsatz mit dem Cholesterinsenker bei Weitem.

Als Profiteure gelten die beiden US-Firmen Mylan und Watson Pharmaceuticals, die inzwischen ebenfalls Lipitor-Generika verkaufen. Doch sie messen dem Ranbaxy-­Desaster keine große Bedeutung für das eigene Geschäft bei. „Wenn die Patente von Blockbustern wie Lipitor ablaufen, erregt das ungeheure Aufmerksamkeit. Aber es schlägt sich nicht entsprechend in den Gewinnen nieder“, sagt Watson-Chef Paul Bisaro.

Die Zahlen geben ihm recht: 2012 war der Höhepunkt der sogenannten Patentklippe: 34 Medikamente mit Einnahmen in Höhe von über 51  Milliarden Dollar verloren ihren Schutz. „Trotzdem wurden viele der neu lancierten Generika schnell zu Massenware und entwickelten sich nicht zu bedeutenden Gewinntreibern“, sagt Chris Schott, Analyst bei JP Morgan. So bewegt sich zum Beispiel die Umsatzerwartung von Teva für den US-Generikamarkt für 2013 etwa auf dem Niveau von 2012, obwohl die weltgrößte Generikafirma 2012 diverse Produkte mit Exklusi­vitätsperiode herausbrachte.

Internationale Ausrichtung
Mylan und Watson erzielen schon heute knapp 50 Prozent ihrer Generikaumsätze außerhalb der USA, Tendenz steigend. Beide haben sich in den vergangenen Jahren mit entsprechenden Übernahmen verstärkt: Mylan kaufte 2007 die Generikasparte der Darmstädter Merck KGaA, Watson übernahm dieses Jahr die Schweizer Actavis, deren Namen der zusammengeschlossene Konzern auch in Zukunft tragen wird. Durch Actavis gewinnen die Amerikaner Präsenz in über 60 Ländern, darunter eine starke Marktposition im hochinteressanten Gesundheitsschwellenmarkt Russland, der nun zu Watsons schnellstwachsender Region avanciert.

Neue Mitspieler
Auch Japan gilt als attraktiv, da Billigversionen von Medikamenten dort bisher nur rund 15 Prozent Marktanteil haben — was sich nach dem Willen des Staates ändern soll. Mylan ist eine Kooperation mit Pfizer eingegangen, um in Japan aktiv zu werden. Aufstrebende Nationen wie Thailand, Indonesien oder Vietnam verlassen sich fast ausschließlich auf die günstigeren Arzneimittelkopien.

Die Verschiebung der Gewichte hat auch für neue Mitspieler auf dem Generikamarkt gesorgt: Namen wie Hikma (Jordanien) oder Lupin Pharma (Indien) werden unter Fondsmanagern hoch gehandelt. Unter den 20 umsatzstärksten Firmen stammen mittlerweile acht Unternehmen vom Subkontinent. Im Zuge der Internationalisierung boomen grenzübergreifende Zusammenschlüsse: „Wir rechnen mit einer fortgesetzten Konsolidierung im Sektor“, sagt Chris Schott.

Und die nächste große Umwälzung der Branche ist schon abzusehen: Biosimilars, Kopien von Biotechmedikamenten, sind ein potenziell riesiger Wachstumsmarkt. Mangels klarer Vorgaben von den Zulassungsbehörden ist aber noch recht unklar, wie groß Aufwand und Kosten für die Generikaproduzenten werden und wer wirklich in diesem schwierigen Feld mitmischen kann. Klar ist: Hersteller tun gut daran, auch bei dieser Chance nicht nur auf ein einziges Pferd zu setzen.

Investor-Info

Gesundheitsmarkt
Gewichtsverschiebung

Vor zwei Jahren hatte der globale Pharmamarkt ein Volumen von 856 Milliarden Dollar. 2015 wird er etwa 1,08 Billionen Dollar groß sein — aber die geografische Aufteilung verschiebt sich stark. Die Ausgaben der Schwellenländer werden fast genauso hoch sein wie die der USA, des bis dato wichtigsten Gesundheitsmarkts der Welt. 

Generikaumsätze
Von wegen US-Blockbuster

Die Analyse der Umsätze von Watson Pharmaceuticals zeigt: Die Exklusivperioden, in denen der Hersteller zuerst ein Generikum auf den US-Markt bringen darf, verlieren an Bedeutung für das Geschäft. Dagegen steigt der Umsatzbeitrag aus anderen Ländern stetig an. 

Zertifikat
Global Generika Index

Das Zertifikat der RBS (ISIN: NL 000 060 558 2) investiert in einen Index, der zwölf führende Generika­hersteller gleich gewichtet zusammenfasst. Die ­Firmen haben eine starke Position auf dem Generikamarkt und eine Marktkapitalisierung von mindestens 500 Millionen Dollar. Der Index wird zweimal pro Jahr angepasst. Mit Werten wie Mylan, Valeant, Watson und Teva erzielte das Papier im laufenden Jahr ein Plus von gut elf Prozent.

Fonds
Pictet Generics

Der einzige auf Generika spezialisierte Aktienfonds in Deutschland setzt vor allem auf die aufstrebenden Pharmamärkte. Fondsmanager Michael Sjöström ist ein ausgewiesener Branchenkenner. Zu den Top-Positionen zählen derzeit Hikma, Teva und Watson, neu aufgenommen wurden die indische Firma Wockhardt und Akorn aus den USA. 

Aktie
Mylan

Der drittgrößte Generikahersteller der Welt ist sowohl geografisch als auch produkttechnisch sehr gut diversifiziert. Mylan hat zuletzt seine Schulden stark reduziert, sodass 2013 auch eine größere Übernahme für die Amerikaner drin ist. 

Aktie
Watson Pharmaceuticals

Ein überdurchschnittliches Wachstum ist bis über 2015 hinaus gesichert. Watson kooperiert zudem mit einen der kompetentesten Partner für Biosimilars: Biotechprimus Amgen.

Bildquellen: Adam Michal Ziaja / Shutterstock.com

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